In der deutschen Industrie nimmt die Bereitschaft zu, sich vom Kerngeschäft zu trennen, wenn es nicht die erhoffte Rendite bringt. Immer mehr Konzerne wollen ihre Ertragslage durch die Konzentration auf einzelne Unternehmen steigern, anstatt einen breitverästelten unrentablen Konzern aufrechtzuerhalten. Wie Konzerne ihre Töchter auf Rendite trimmen.
Ein Gebäude in Hannover wird mit einem Evonik Schriftzug beklebt. Der Mischkonzern will sein Portfolio bereinigen. Foto: ap
FRANKFURT. Zehn Jahre lang hatte Daimler Geduld mit der US-Tochter Chrysler gezeigt. Im vergangenen Jahr war Schluss. Die US-Automarke wurde von den Stuttgartern in einem aufsehenerregenden Deal an den Finanzinvestor Cerberus verkauft. Was hier in großem Stil vorexerzierte wurde, macht Schule. „Gerade bei mittelständischen Töchtern von Großkonzernen“ beobachtet Michael Drill, Chef der Investmentbank Lincoln International, diesen Trend. Oftmals seien Finanzinvestoren die Käufer.
In vielen Fällen sieht Drill die Chance, durch eine Konzentration auf das einzelne Unternehmen eine bessere Ertragsentwicklung zu schaffen, wie es in einem breitverästelten Konzern oft nicht möglich sei. Der Investmentbanker schätzt, dass es in den nächsten zwei Jahren zu etwa 40 der sogenannten Carve outs bei den 80 in den beiden Aktienindizes Dax und MDax notierten Gesellschaften kommen wird.
Evonik gehört zwar noch nicht zu den börsennotierten Unternehmen. Der aus der RAG hervorgegangene Mischkonzern setzt aber auf dem Weg in eine neue Zukunft die Bereinigung seines Portfolios ebenfalls fort und plant den Verkauf der Spezialchemietochter Rütgers Chemicals an die Beteiligungsgesellschaft Triton.
Ohnehin bleibt der Mittelstand „auch in dem heute schwierigeren Umfeld bei seiner Strategie, internationaler zu werden, um in einem zunehmend globalisierten Umfeld bestehen zu können“, sagt Berthold Fürst, Leiter Fusionen und Übernahmen in Deutschland bei der Deutschen Bank. Im ersten Quartal belief sich das Geschäft mit Mergers & Acquisitions (M & A) nach den Berechnungen des Finanzdatenanbieters Thomson Financial auf knapp acht Mrd. Dollar (s. Tabelle) in Deutschland.
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Die deutschen Unternehmen haben nach den Worten von Lutz Becker, Managing Partner bei Angermann M & A International, zurzeit „volle Kassen, die Eigenkapitalquote stimmt, und bei der Finanzierung bekommen sie von den Banken faire Konditionen“. Hierzulande sind nach der Beobachtung von Drill die Bewertungen etwas heruntergekommen und pendelten sich auf einem normalen Niveau wieder ein. Das sei etwa im Maschinenbau ein Preisniveau von maximal fünfmal das Ergebnis vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen sowie Amortisationen.
Doch nicht nur deutsche Mittelständler blicken ins Ausland. „Wir werden aus Schwellenländern weiter kleine und mittelgroße Transaktionen sehen. Durch diese Schritte sollen neue Marken hinzugewonnen und Technologien sowie Know-how allgemein aufgebaut werden“, urteilt Deutschbanker Fürst.
Viele Transaktionen bei Verkäufen heimischer Unternehmen würden diskreter vermarktet als noch in den Boomjahren, hat Richard Markus, Ko-Chef der Investmentbank Jefferies in Deutschland. Dadurch sollen bei einem Fehlschlag zu starke negative Folgen vermieden werden. Aber ausländischer Käufer seien in der Regel bereit, 20 bis 30 Prozent höhere Preise zu bezahlen, stellt Becker fest. Er sieht gerade in Branchen wie Autozulieferer, Maschinenbau und Umwelttechnologie großes Interesse.
