Bei ihren Preisverhandlungen mit öffentlichen und privaten Auftraggebern verweisen Deutschlands Bauunternehmen immer öfter auf den Weltmarkt: Weil der Hunger nach Stahl, Kupfer und Erdölprodukten der Wirtschaftsboomländer China und Indien derzeit kaum zu stillen ist, schießen auch in Deutschland die Baustoff- und Baumaterialpreise in die Höhe.
KÖLN. Gigantisch soll er werden, der neue Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg-International (BBI). 30 Mill. Passagiere sollen 2030 hier starten und landen, mehr als drei Mal soviel wie auf dem chronisch überlasteten Flughafen Tegel. Gigantisch ist jedoch auch die Kostensteigerung, die derzeit Berlins Gemüter erhitzt: Die am bisherigen Vergabeverfahren beteiligten vier Bauunternehmen verlangen in ihren Angeboten allein für die neue Abfertigungshalle 400 Mill. Euro mehr als veranschlagt. Als Grund geben sie auch die dramatisch gestiegenen Rohstoffpreise für Stahl und Glas an.
„Den Anstieg bei Stahl spüren wir seit drei bis vier Jahren deutlich“, sagt Joachim Segeth, Vorsitzender der Geschäftsführung des Münsteraner Bauunternehmens Oevermann, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von 250 Mill. Euro erzielte und weltweit 1100 Mitarbeiter beschäftigt. „Die hohen Rohstoffpreise schlagen voll auf die Bilanz durch“, sagt Segeth: „Zum Teil tut das richtig weh.“ Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2007 sind die Preise für Betonstahl in Stäben um knapp 15 Prozent, für das Dichtungsmaterial Bitumen, das aus Erdöl gewonnen wird, um gut sieben Prozent und die Preise für Halbzeug aus Kupfer- und Kupferlegierungen um über sechseinhalb Prozent gestiegen, hat der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie ausgerechnet. Zudem hatten die Unternehmen den Aufschwung 2006 unterschätzt, sagt Verbandssprecher Heiko Stiepelmann – und waren nicht vorbereitet. „Dämmstoffe waren vor einem Jahr am Markt kaum vorhanden.“
In einem Wirtschaftszweig, in dem der Materialkostenanteil im Durchschnitt bei rund 30 Prozent, im Straßenbau sogar bei rund 40 Prozent liegt, drücken die hohen Preise deutlich auf die Margen. „Die Baupreissteigerungen fressen den erfreulichen Umsatzanstieg zu einem erheblichen Teil auf“, sagt Hauptverbands-Präsident Hans-Peter Keitel. Er erwartet, dass bei einem durchschnittlichen Baupreisanstieg im Jahr 2007 von drei bis vier Prozent am Ende nur ein reales Umsatzwachstum von 0,5 bis 1,5 Prozent übrig bleibt.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hohe Rohstoffpreise mildern Optimismus.
Eigentlich müsste sich die Baubranche freuen, denn sie hat 2007 endlich eine lange Durststrecke überwunden. Zwischen 1995 und 2006 sank der Umsatz von 116 Mrd. auf 80 Mrd. Euro, die Zahl der Beschäftigten halbierte sich auf 711 000. Seit Mitte 2005 geht es nun wieder aufwärts, 2006 schlug der Aufschwung in einer wahren Auftragswelle dann voll durch. Und traf viele Firmen völlig überraschend, die ihre Kapazitäten auf die Dauerkrise eingestellt hatten. Großkonzerne wie Hochtief profitieren von der Investitionslust des verarbeitenden Gewerbes und des Handels. Die kleineren Unternehmen freuen sich über den anhaltenden Boom am Wohnungsbaumarkt. Seit der Wiedervereinigung hat die Branche einen solchen Aufschwung nicht mehr erlebt, wären da nicht die hohen Rohstoffpreise, die kaum ein Auftraggeber übernehmen will.
Besonders Firmen, die sich während der noch schwachen Baukonjunktur vor zwei Jahren auf Fixpreise für langfristige Projekte eingelassen haben, stöhnen nun unter den Kosten für das Baumaterial. Gerne würden sie diese zumindest zum Teil an die Auftraggeber weiterreichen.
Doch das bleibt meist Wunschdenken. „Leider müssen wir feststellen, dass unsere Bauherren den Einfluss der Weltwirtschaft auf die Baupreise in Deutschland noch nicht richtig wahrnehmen“, ärgert sich Hauptverbandspräsident Keitel.
Aus der Sicht der Unternehmen gäbe es durchaus Möglichkeiten, die Risiken zu teilen, etwa durch so genannte Preisgleitklauseln, bei der die Auftraggeber einen Teil der Preissteigerungen übernehmen, die wiederum am Kapitalmarkt etwa durch Hedgefonds abgesichert würden. Die Unternehmen seien jedoch im Moment nicht in der Lage, solche Preissicherungsgeschäfte durchzuführen, weiß Hauptverbandsexperte Heiko Stiepelmann. „Für Projekte, die über ein Jahr laufen, finden sie keinen Partner, der ihnen das finanziert.“
