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08.05.2006 
Deutsche Spezialisten profitieren

Kräftiger Auftrieb für Strom aus der Luft

von Hanna Hergt

Alle Welt entdeckt die Windkraft und setzt auf deutsche Spezialisten. Mittelständler können mit dem rasanten Wachstum oft kaum Schritt halten.

Die Windmärkte 2005. Grafik: HandelsblattLupe

Die Windmärkte 2005. Grafik: Handelsblatt

KÖLN. China gilt nicht gerade als ökologischer Musterknabe: Erst im vergangenen Dezember erregte die Provinz Guangdong Aufsehen, als ein gigantischer Giftteppich aus einer der größten Zink-Schmelzereien des Landes den Fluss Beijiang verseuchte. Und dennoch ist China für die Windkraftbranche derzeit der Wachstumsmarkt Nummer eins.

Der chinesische Rotoren-Boom ist indes das Ergebnis einer ganz pragmatischen Überlegung: „Der Energieverbrauch des Landes wächst rasant“, sagt Ralf Peters von Nordex, einem der weltweit zehn größten Anlagenbauer der Windindustrie, der auch in China aktiv ist. „Deshalb müssen die Chinesen aus allen Quellen Energie beziehen - und das am besten im eigenen Land.“ Uran und Öl müssen schließlich importiert werden.

Wie andere deutschen Hersteller konzentriert sich der Mittelständler Nordex immer stärker aufs Ausland. Noch befindet sich knapp ein Drittel der weltweit installierten Windkraftkapazität in Deutschland, aber der Rest der Welt holt auf: Besonders auffällig ist der Marktzuwachs außerhalb Europas, vor allem in Nord- und Südamerika, Kanada, China und Indien. Er betrug rund 73 Prozent und war ungefähr fünfmal so hoch wie der in Europa. Insbesondere die Nachfrage der USA fegte den Weltmarkt vollkommen leer. Und fast die Hälfte davon ging auf das Konto der deutschen Windindustrie.

Die Branche hält mit dem Wachstum kaum noch Schritt. Der Bundesverbands Windenergie schätzt, dass der deutsche Weltmarktanteil im vorigen Jahr von 56 auf 46 Prozent geschrumpft ist. 2006 wird er voraussichtlich nur 43 Prozent erreichen. Hauptgrund sind Kapazitätsengpässe - und der Kapitalmangel der kleinen Unternehmen hierzulande.

Bis auf die vier großen Player Enercon, Siemens Windpower, Repower und Nordex ist sie nach wie vor von mittelständischen Projektplanern, Anlagenbauern und Zulieferern geprägt. Selbst der deutsche Marktführer Enercon ist nur halb so groß wie der dänische Konkurrent Vestas.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Zeichen stehen weiter auf Expansion

„Im vergangenen Jahr hatten hiesige Anbieter eine Exportquote von über 60 Prozent“, sagt Johannes Schiel vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Die installierte Leistung stieg 2005 weltweit um 23 Prozent auf 60 000 Megawatt, der Branchenumsatz kletterte auf über zehn Milliarden Euro. Und die Zeichen stehen weiter auf Expansion. „Das Wachstum des amerikanischen Marktes ist bis 2007 durch die Production Tax Credite gesichert“, sagt VDMA-Experte Schiel. Das ist eine Steuergutschrift für Windkraftbetreiber, auf die sich Regierung und Kongress im Herbst 2004 geeinigt hatten. Die steigenden Rohölpreise haben sogar die Amerikaner motiviert, ihren enormen Energiebedarf mit regenerativen Energien zu decken.

Unternehmen wie Nordex füllen ihre Auftragsbücher auch im europäischen Ausland, vor allem in Frankreich und Großbritannien. Laut einer Studie des Environmental Change Institute der Oxford University herrschen in England die besten Voraussetzungen für die Windkraft. Riesige Off-Shore-Projekte sind in Planung - wie der Bau des zwei Milliarden Euro teuren Windparks „London Array“ vor der Küste von Kent. Die Anlage soll 2010 fertig sein und 1000 Megawatt Leistung bringen.

Auch in Frankreich sind neue Windparks geplant, vor allem dank eines Gesetzes zum „Ausbau der Erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz“, das im Sommer vergangenen Jahres verabschiedet wurde. Nicht nur Nordex, auch andere führende Hersteller der Branche sind in Frankreich engagiert - wie Repower. Das deutsche Unternehmen liefert in diesem Jahr ein Drittel der Produktion nach Frankreich.

Bei der Projektentwicklungsgesellschaft Innovent aus dem norddeutschen Varel ist man hingegen schon ernüchtert über die Auslandsprojekte. „Im Moment ist es ein zu großes Risiko, sich voll auf das Ausland zu verlassen“, sagt Geschäftsführer Eckart Weise. „Es kommen heute neue Länder hinzu, die morgen schon wieder wegbrechen können.“

Insbesondere in Südamerika sei die Lage wegen der politischen Verhältnisse unsicher. Innovent kundschaftet Standorte für Windparks aus, holt Genehmigungen ein, organisiert den Bau. Dann gibt man den Park schlüsselfertig an die Betreiber weiter. Die Firma beschäftigt weltweit rund 60 Mitarbeiter - die komplizierten Megaprojekte überlässt man zunehmend den großen Playern. Zurückgezogen hat Innovent sich aus Frankreich: „Wir haben gelernt, dass das Wort Bürokratie aus dem Französischen kommt. Man braucht noch mehr Beziehungen als in Deutschland.“ Auch in Spanien hat Weise schlechte Erfahrungen gemacht. „Der Markt ist absolut abgeschottet. Die spanischen Hersteller haben früh erkannt, dass man mit Windmühlen viel Geld machen kann. Genehmigungen sind für Ausländer kaum zu bekommen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Den deutschen Markt nicht aus dem Auge verlieren

Doch auch Innovent profitiert vom Auslandsboom: In Brasilien hat das kleine Unternehmen vor kurzem eine Ausschreibung gewonnen. Gemeinsam mit der staatlichen Gesellschaft Elebras plant Innovent ein 70 Megawatt-Großprojekt in Rio Grande do Sul.

Wie Innovent-Chef Weise warnt auch VDMA-Experte Schiel davor, den deutschen Markt vor lauter Exportfieber aus den Augen zu verlieren. „Eine Exportquote bis zu 70 Prozent ist gesund. Aber wenn man keine Anwendungen mehr für den deutschen Markt produziert, besteht die Gefahr, dass die Hersteller samt Zulieferern ganz ins Ausland abwandern.“ Zusammenschrauben könne man die einzelnen Teile schon jetzt besser vor Ort, beim technischen Know-how für die Schlüsselkomponenten sei Deutschland allerdings den meisten anderen Ländern weit voraus. Daher sei es wichtig, dass die Windkraft hier nicht schlecht geredet wird.

Denn traumhaft sind die Verhältnisse in China nicht, trotz der starken Nachfrage. Deutsche Unternehmen seien oft gezwungen, mit lokalen Unternehmen zu kooperieren. „Dabei herrscht das Risiko, kopiert zu werden.“ Ralf Peters von Nordex führt noch weitere Nachteile an, die vor allem für kleinere Mittelständler Hürden bedeuten: „In China müssen erst noch die ganzen Zulieferstrukturen aufgebaut werden, außerdem ist die Lebensphilosophie der Menschen für Fremde nur schwer nachzuvollziehen.“

Daher behält Nordex trotz aller Hindernisse weiterhin den heimischen Markt im Visier. Denn nach langem Gerangel um Genehmigungen und Kabeltrassen soll nun der Bau von Windanlagen auf hoher See 2008 endlich beginnen.

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