Aus Rücksicht auf Umwelt und Touristen müssen deutsche Offshore-Parks für die Erzeugung von Windenergie besonders weit von der Küste entfernt sein - Investoren halten sich deshalb zurück.
KÖLN. Der Bundesumweltminister war gekommen, der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister und dazu 600 geladene Gäste. Vor über einem Jahr weihte der Hamburger Anlagenhersteller Repower in Brunsbüttel die größte Windmühle der Welt ein, die „5M“. Die Rotorspitzen reichen bis in eine Höhe von 183 Metern und überragen den Kölner Dom damit um fast 30 Meter. Der Werbeeffekt für die Firma war garantiert. Der wirtschaftliche Erfolg der 5M lässt indes noch auf sich warten - dafür muss die Windkraft erst das Meer erobern. „An Land sehe ich derzeit in Deutschland keinen großen Markt für diese Anlage“, sagt Martin Skiba, bei Repower verantwortlich für Offshore-Windparks, also Windkraftwerke vor der Küste. Denn viele Bundesländer genehmigen so hohe Anlagen an Land gar nicht erst. Oder schreiben riesige Abstände zu anderen Gebäuden vor.
Windkraftindustrie und Experten sind sich darüber einig, dass die Zukunft der Windenergie in Deutschland auf See liegt. „An Land sind die guten Standorte längst besetzt“, sagt Martin Hoppe-Kilpper, Bereichsleiter für Kraftwerke und Netze bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena). „Auf dem Meer haben wir dagegen ein schier unerschöpfliches Potenzial.“ Dort bläst der Wind stärker und stetiger als an Land. „Dieselbe Anlage liefert offshore etwa doppelt so viel Energie wie im Binnenland“, sagt Skiba von Repower.
Über zwei Dutzend Meeres-Windparks sind derzeit für die deutsche Nord- und Ostsee geplant. Gelingt der Offshore-Ausbau, könnte die Windkraft im Jahr 2030 bis zu 30 Prozent des deutschen Strombedarfs decken, schreibt das Deutsche Windenergie-Institut (DEWI) in seiner Windenergy-Studie. Bis dahin werden die Mühlen auf dem Meer den Strom auch billiger herstellen als die Anlagen an Land, meint Skiba. „Aber erst mal muss man die Anfangsphase überwinden, und dieser Anfang ist teuer.“
Bislang kommen die Windkraftprojekte auf Nord- und Ostsee nur schleppend auf Touren. Vor allem die hohen Kosten schrecken Investoren und Kreditgeber bislang ab. Der Bau eines Parks mit 80 Windmühlen vor der deutschen Küste kostet nach Branchenschätzungen mindestens 400 bis 800 Millionen Euro - für das Gros der deutschen Windkraftbranche ist das nicht mehr alleine zu stemmen. „Das sind riesige Volumina, wie man sie in Deutschland auch von Anlagen an Land nicht kennt", sagt Norbert Giese, Deutschland-Chef des Anlagenherstellers Siemens Windpower, der 1991 den ersten Offshore-Windpark vor Dänemark gebaut hat. Diese Anlagen stehen wenige Kilometer vor der Küste, in allenfalls 20 Meter tiefem Wasser.
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In Deutschland ist Offshore-Windkraft so bequem nicht zu haben: In der Nordsee zieht sich entlang der Küste das geschützte Wattenmeer, an der Ostsee dulden Touristenorte keine Windmühlen in Sichtweite. Deshalb liegen bisher alle genehmigten deutschen Nordsee-Windparks mindestens 30 Kilometer vor der Küste, wo das Wasser schon bis zu 40 Meter tief ist. Mit solchen Verhältnissen habe die Branche keine Erfahrungen, sagt Giese. „Das hat weltweit noch niemand gemacht.“
Offshore-Windparks sind deshalb ein riskantes Investment. Ein 40 Kilometer langes Kabel zur Küste ist so teuer, dass sich der Windpark nach Überzeugung der Projektentwickler nur mit großen, ergiebigen Anlagen wie der 180 Meter hohen 5M von Repower lohnt. Von diesen Windrädern gibt es bislang aber nur Testversionen. „Offshore-Windenergieanlagen der Multimegawatt-Klasse sind aus heutiger Sicht noch nicht ausreichend technisch erprobt“, sagt Heiko Stohlmeyer von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers.
Mögliche Geldgeber fürchten außerdem die Kinderkrankheiten der neuen Technik. So hat das raue Nordsee-Klima den Anlagen im dänischen Windpark Horns Rev so zugesetzt, dass der Hersteller Vestas 2004 alle 80 Turbinen auswechseln musste. Und jede Großreparatur auf dem Meer droht teuer zu werden: Wenn die Monteure wegen stürmischer See acht Tage lang nicht zu einer kaputten Anlage kommen, koste allein das Warten den Windparkbetreiber schnell über 70 000 Euro, schätzt Franz-Josef Claes, Geschäftsführer der Projektierungsgesellschaft GEO.
Kleinen Unternehmen oder Beteiligungsgesellschaften, die viele Windparks an Land gebaut haben, können aus Claes’ Sicht weder die hohen Investitionen noch das Risiko auf See tragen. So hat der „Offshore-Bürger-Windpark Butendiek zwar fünf Millionen Euro von Privatleuten eingesammelt, um 80 Windkraftanlagen vor Sylt zu planen. Seit September 2005 liegt das Projekt aber auf Eis, weil den Initiatoren die Kosten über den Kopf zu wachsen drohen.
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Die Branche hofft eher auf vermögende Finanzinvestoren und klassische Energieversorger. Die zögern aber. Abhilfe gegen die Windkraft-Flaute auf See soll eine „Offshore-Stiftung“ schaffen. Darin haben sich die Unternehmen mit Verbänden, Stromkonzernen, Banken und Versicherungen zusammengetan.
Gemeinsam will man ein Testfeld 45 Kilometer vor der Insel Borkum bauen. Das Bundesumweltministerium fördert das Projekt mit fünf Millionen Euro. Die drei Windrad-Hersteller Enercon, Multibrid und Repower sollen dort ab 2007 ihre neuesten Maschinen testen. Geld werden sie damit kaum verdienen, aber wertvolle Erfahrungen sammeln.
Zur Finanzierung solcher Projekte fordert die Branche einen Obolus vom Stromkunden: „Wir brauchen eine höhere Vergütung, damit es auch Offshore einen Boom gibt“, sagt Projektentwickler Helmuth Brümmer von der Firma Enova. Derzeit sieht das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für Anlagen auf hoher See 9,1 Cent pro Kilowattstunde vor.
Allerdings nur, wenn sich die Rotoren spätestens Ende 2010 drehen. Experten vermuten, dass das Bundesumweltministerium diese Frist noch einmal verlängert, wenn die Fachgremien das EEG im kommenden Jahr überarbeiten. Zur Höhe der Vergütung könne man derzeit aber noch nichts sagen, erklärt ein Ministeriumssprecher.
Zumal sich die Windkraft-Branche gar nicht einig darüber ist, ob mehr Geld eine Hilfe wäre. Projektentwickler Claes hält Bundesbürgschaften für den Windpark-Bau für sinnvoller: „Wenn die Vergütung steigt, haben die Hersteller keinen Grund, die Preise für die Anlagen zu senken.“ Die Hersteller brauchen das Offshore-Geschäft in Nord- und Ostsee zur Zeit nicht unbedingt. Für die nächsten ein bis zwei Jahre sind die Auftragsbücher ohnehin prall gefüllt, weil Länder wie Großbritannien oder die USA in großem Stil Windräder an Land aufstellen. Und auch die großen Offshore-Anlagen werden die knapp 600 Repower-Mitarbeiter nötigenfalls fürs Ausland bauen.
