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30.04.2008 
Warenwirtschaftssysteme

Softwarekonzerne kurbeln Einkauf an

von Chris Löwer

Große Softwarehäuser becircen kleinere Unternehmen, weil der Markt für elektronische Warenwirtschaftssysteme bei Großunternehmen mittlerweile recht abgegrast ist. Nun wollen sie Mittelständler für den elektronischen Warenverkehr zur betriebswirtschaftlichen Unternehmenssteuerung rüsten. Bisher sind viele Unternehmer von den Angeboten eher enttäuscht.

BERLIN. Der entscheidende Tipp kam vom Steuerberater. Die Vitality Deutschland GmbH aus Hamburg beliefert mehr als 1 000 Hotels und gehobene Gaststätten mit Säften aus Florida. Im Warenwirtschaftssystem des Getränkehändlers begann es bei der Flut der Bestellungen allerdings zu gären, weil die bisherige Software von einem Kleinanbieter in die Jahre gekommen und wenig ausbaufähig war. Der Steuerberater der Firma riet zu einem branchenunabhängigen Programm der Datev, mit dem sich unter anderem die Fakturierung, Auftragsbearbeitung und Abwicklung sowie die Lagerverwaltung automatisieren ließ, nebst Bestandsführung und Artikelreservierung. Sogar eine Anbindung an den E-Shop war möglich.

Viele verbinden mit der Nürnberger Datev eG vor allem Steuer- und Lohnbuchhaltungssoftware. Doch seit einigen Jahren bietet das Unternehmen auch Warenwirtschaftslösungen für Mittelständler an. „Zentral ist für unsere Software immer die Zusammenarbeit mit dem Steuerberater“, sagt Eckhard Schwarzer, Mitglied der Geschäftsleitung. Diese unmittelbare Anbindung unterscheidet die Datev-Programme von Lösungen vieler kleiner Software-Hersteller, die allenfalls Schnittstellen zur Datenübertragung programmieren können.

Große Softwarehäuser becircen kleinere Unternehmen, weil der Markt für elektronische Warenwirtschaftssysteme bei Großunternehmen mittlerweile schon recht abgegrast ist. Nun wollen sie also Mittelständler für den elektronischen Warenverkehr nebst Anbindung an die ERP-Systeme zur betriebswirtschaftlichen Unternehmenssteuerung rüsten. „Was bei Großkonzernen nicht mehr wegzudenken und auch bei größeren Mittelständlern inzwischen üblich ist, findet unaufhaltsam weitere Verbreitung“, unterstreicht Eckhard Schwarzer.

Beim Angebot vieler großer Software-Anbieter stört ihn allerdings, dass sie den Steuerberater häufig noch immer außer Acht ließen. „Für mittelständische Unternehmer ist er oft der wichtigste externe Berater, zu dem ein besonderes Vertrauensverhältnis besteht. Deshalb hat der Steuerberater meist vorzügliche Kenntnisse über die finanziellen und wirtschaftlichen Hintergründe des Unternehmers“, sagt Schwarzer. Insofern biete sich eine Verzahnung der Software für das Rechnungswesen, die Warenwirtschaft sowie das Personal- und Dokumentenmanagement geradezu an. „Umgekehrt fließen vom Steuerberater erfasste Daten zur Finanz- und Lohnbuchführung in die Systeme im Unternehmen ein. Dadurch können die in der Kanzlei vorhandenen Unternehmensdaten auch für den Betrieb erschlossen werden“, erklärt der Datev-Chef.

Das klingt nachvollziehbar. Gleichwohl ist es für Unternehmer gar nicht so einfach, die richtige Wahl bei Software und IT-Dienstleister zu treffen. Allein für den Bereich elektronische Beschaffung gibt es Dutzende Konkurrenten, viele mit besonderen Branchenkenntnissen. „Das ist ein sehr heterogener Markt mit unterschiedlichen Schwerpunkten, so dass die einzelnen Lösungen schwer untereinander vergleichbar sind“, weiß Mario Esser vom Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft Consult IW.

Der Branchenexperte rät, sich zunächst an die eigene Nase zu fassen. Das erleichtere die Suche: „Bevor man willkürlich zu einer Lösung greift, sollte man die Unternehmensziele definieren und darauf fußend die E-Business-Strategie und -Anwendung auswählen“, sagt Esser. Schließlich solle allen Versprechungen zum Trotz eine Software die Strategie unterstützen – und nicht umgekehrt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Open-Source-Systeme erfreuen sich großer Beliebtheit.

Dabei müssen Warenfluss und Geschäftsabläufe nicht unbedingt mit einer teuren Lösung von der Stange in Schwung gebracht werden. Immer größerer Beliebtheit erfreuen sich nach Essers Erfahrung Open-Source-Systeme wie Avert. Diese ersparten kleineren Unternehmen meist zwar nicht die Hilfe eines IT-Dienstleisters, doch die Kosten für den laufenden Betrieb hielten sich in Grenzen. Wer ohnehin schon auf das frei verfügbare Betriebssystem Linux baut, wird ohnehin eine offene Lösung bevorzugen. „Wer dies dann anpasst an die eigenen Bedürfnisse, behält außerdem das Know-how im Unternehmen und ist so nicht dauerhaft auf externe Dienstleister angewiesen.“

Wer einen Dienstleister sucht, dem rät Esser zur Internetrecherche oder zum Besuch einer Fachmesse wie der e-Procure in Nürnberg, Systems in München oder Cebit in Hannover. Wer die Wahl aus dem Handgelenk schüttelt, wird womöglich teuer dafür bezahlen: Esser wurde schon in ein Unternehmen gerufen, das in flotter Folge fünf Dienstleister verschlissen hatte. Ohne sichtbares Ergebnis, aber mit arg geschröpftem Budget.

Grundsätzlich raten Experten kleineren Unternehmen zu preiswerteren Lösungen kleinerer Software-Anbieter. Ab etwa 250 Mitarbeitern werden Angebote großer Softwareschmieden interessant. In diesem Segment beherrschen vor allem Oracle und SAP den Markt. Beide bieten Lösungen an, die den gesamten Warenwirtschaftsprozess abdecken.

Ihr größter Vorteil liegt in der Verbreitung: Die Branchengrößen haben ihre Systeme bereits bei fast allen großen Unternehmen installiert, was zum Beispiel Zulieferern die Anbindung stark erleichtert. So versuchen SAP und Co ihre Marktmacht auszuspielen - bislang im Mittelstand allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Denn die Scheu vor dem Installationsaufwand von Konzernsoftware ist groß. Und ein Drittel bis die Hälfte der Kunden ist mit den Tools unzufrieden (siehe Grafik).

Auch das Stimmungsbarometer „Elektronische Beschaffung“, eine jährliche Studie des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik und der Uni Würzburg, signalisiert Nachholbedarf. Zwar nutzt ein Großteil deutscher Unternehmen elektronische Kataloge zur Beschaffung. Meist wickeln sie aber nur ihr halbes Beschaffungsvolumen darüber ab. „Nur ein Teil der katalogfähigen Ware wird von Unternehmen heute elektronisch bestellt, typischerweise über Shop-Systeme von Lieferanten. Der Rest wird nach wie vor per Telefon und Fax geordert“, bestätigt Andreas Stiehler, Analyst der Berliner Berlecon Research GmbH.

Den Schatz, der sich mit der Beschaffungs-Software heben ließe, haben viele also noch gar nicht entdeckt. Dabei ist die Konkurrenz groß: Nach Analysen von Berlecon gibt es mehr als 30 IT-Beschaffungsspezialisten, die alle um die knappen Budgets deutscher Einkaufsleiter buhlen. Allzu große Sprünge erwartet man im Markt nicht: „Selbst bei einem nachhaltigen Wachstum des IT-Beschaffungsmarktes ist eher mit einer weiteren Konsolidierung zu rechnen“, sagt Analyst Stiehler: „Dafür spricht auch die steigende Relevanz kostenloser E-Procurement-Angebote von Lieferanten, die über einfache Shop-Angebote hinausreichen.“

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