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11.05.2006 
Lastmanagement

Sonne, Wasser und Biomasse gleichen Flauten automatisch aus

von Patrick Bernau

Virtuelle Kraftwerke kombinieren flexibel verschiedene Stromquellen und liefern so stetige Energiemengen. Eines der ersten virtuellen Kraftwerke im Normalbetrieb steht in Unna. Die Stadtwerke sparen damit bares Geld.

KÖLN. Die Stadtwerke in Unna gewinnen ihren Strom aus Windrädern, Solarzellen und einem Wasserkraftwerk, dazu kommen noch fünf herkömmliche Block-Heizkraftwerke. Damit Flauten oder Dauerregen nicht das Netz lahm legen, werden sie alle zentral gesteuert: Wenn die Sonne scheint und viel Wind weht, produzieren die Kraftwerke weniger Strom. „Dann schaltet man die Motoren ab“, sagt Erik Henning, Projektleiter beim Dortmunder Energiewirtschafts-Berater EUS. Wenn es in Unna regnet und der Wind gerade Pause macht - auch kein Problem: Die Block-Heizkraftwerke gleichen den fehlenden Strom aus.

„Virtuelles Kraftwerk“ heißt diese Entwicklung. Das in Unna ist eines der ersten im Normalbetrieb in Deutschland. Die Stadtwerke sparen damit Geld: Zum einen brauchen sie weniger Gas für ihre Kraftwerke, und sie müssen weniger Energie zukaufen - weil das virtuelle Kraftwerk den Wind recht gut vorhersagen kann. So wissen die Unnaer heute häufig schon mehrere Tage im Voraus, wie viel Strom sie selbst produzieren können und wie viel sie zusätzlich brauchen werden. Wenn sie den Strom früher kaufen, ist das für sie billiger. Virtuelle Kraftwerke lösen ein grundsätzliches Problem der Windkraft: Sie liefert zwar Strom - aber nur, wenn der Wind weht. Und der Strom aus Sturmstunden lässt sich kaum für später speichern. Windkraft ist also an sich nicht zu gebrauchen für die so genannte Grundlast, den Grundbedarf an Energie, der verlässlich gedeckt werden muss.

Wenn über Mittag Flaute herrscht und die Menschen an den Herden daheim trotzdem kochen wollen, muss die Energie dafür irgendwo her kommen. Die Anbieter müssen also dafür sorgen, dass sie jederzeit Ersatz-Energie abrufen können. Dafür brauchen sie Reserve-Kraftwerke, und das kostet Geld. Lange Zeit war das „Grundlast“-Problem eine beliebtes Argument, mit dem Windkraftgegner gegen die neue Energie zu Felde zogen.

Hier setzten virtuelle Kraftwerke an: Ausgeklügelte Computer-Programme kombinieren die Windparks zum Beispiel mit Solaranlagen und Biomasse-Kraftwerken. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn kein Wind weht, scheint vielleicht die Sonne - und wenn das immer noch nicht reicht, kommt die Energie eben aus der Biomasse. Wie viel Strom das virtuelle Kraftwerk liefert, wird berechenbar.

Das ist zwar gut für die Windpark-Betreiber, verschiebt das Problem indes aber nur. Windräder brauchen immer noch zusätzliche Reserve-Kraftwerke. „Windenergie kann nicht die Grundlast übernehmen“, sagt selbst Greenpeaces Energie-Experte Jan Feddern. Doch Stromanbieter müssen die Reserve-Energie dank der Softwaresteuerung nicht mehr so oft teuer anderswo einkaufen und über lange Leitungen transportieren, sondern können die Strommenge selbst ausgleichen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Zauberwort heißt Regelenergie

„Und man braucht diese riesigen Übertragungsnetze nicht mehr“, sagt Feddern. In einigen Jahren sollen virtuelle Kraftwerke auch die Stromnachfrage steuern können: In solchen Visionen schaltet sich die Waschmaschine erst ein, wenn gerade mehr Strom da ist, als gebraucht wird, und er deshalb gerade besonders billig ist.

Für Windpark-Betreiber sind virtuelle Kraftwerke ebenfalls eine Option. Wenn sie es schaffen, selbst eins aufzubauen, können sie in bescheidenem Umfang „Regelenergie“ für die Netzbetreiber liefern. „Ob die aus Kohle, aus Kernkraft oder aus Windenergie kommt, ist uns schnuppe“, sagt Eon-Netz-Sprecherin Anja Chales de Beaulieu. „Ein virtuelles Kraftwerk ist für uns interessant, in dem es Regelenergie anbietet.“ Dazu muss der Windpark-Betreiber ein „Prä-Qualifikations-Verfahren“ der Netzbetreiber durchlaufen.

Er muss nachweisen, dass er rund um die Uhr innerhalb weniger Minuten mehr Strom produzieren kann. „Das Prä-Qualifikations-Verfahren schafft ein einzelner Betreiber nicht, ein virtuelles Kraftwerk schon“, sagt Kurt Rohrig, der Bereichsleiter für Information und Energietechnik beim Institut für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) an der Uni Kassel, das sich mit Windkraft beschäftigt.

Damit hätten die Betreiber aber noch nicht alles herausgeholt, was geht, sagt Rohrig. „Wenn man das auf einen Windpark mit angeschlossener Biogas-Anlage begrenzt, dann ist das Verschwendung.“ Virtuelle Kraftwerke lohnten sich erst richtig, wenn viele kleine Stromquellen zu einer großen Einheit zusammengeschlossen würden - viele private Windparks in unterschiedlichen Regionen etwa. Die Steuerung per Internet und Telefonleitung macht es möglich.

Auch die Stadtwerke Unna wollen ihr virtuelles Kraftwerk weiter ausbauen. Und die zusätzlichen Anlagen, so heißt es ausdrücklich, „müssen nicht zwingend in Unna stehen.“

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