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21.09.2005 
Frauen sind bescheidener

Unternehmerinnen fürchten keine Ellenbogen

von Ruth Vierbuchen, Handelsblatt

„Ich bin zwar selbstständig, aber ich habe mich nie als Unternehmerin gefühlt.“ Diese zurückhaltende Selbstwahrnehmung ist typisch für Frauen, hat Peter Kranzusch, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM), beobachtet. Zurückhaltend gibt sich das weibliche Geschlecht denn auch, wenn es um das Thema unternehmerische Selbstständigkeit geht. Nur knapp ein Drittel (28 Prozent) aller Neugründungen entfallen laut IfM auf Frauen.

DÜSSELDORF. Grund genug für die IfM–Mitarbeiter Rosemarie Kay, Peter Kranzusch und Arndt Werner in einer Studie der Frage nachzugehen, ob Frauen eine geringere „Gründungsneigung“ als Männer haben, weil sie sich nicht im gleichen Maße mit dem männlich geprägten Unternehmerbild identifizieren können. Denn typische Attribute wie Gewinnorientierung, Machtbewusstsein und hohe Risikobereitschaft gelten nicht gerade als typisch weiblich und haben in der Öffentlichkeit keinen guten Klang. Knapp 2 500 Besucher und Besucherinnen von Gründungsmessen befragten die IfM–Mitarbeiter zu diesem Thema und gelangten zu der interessanten Erkenntnis: Es ist nicht die Abneigung gegen die Ellbogengesellschaft in Führungsetagen, die Frauen davon abhält, Unternehmerin zu werden. Die Abneigung gegen dieses Image sei bei Frauen nicht stärker ausgeprägt als bei Männern.

Es sind vielmehr die gängigen gesellschaftlichen Zwänge und kulturellen Gepflogenheiten, die das Gründungsverhalten von Frauen beeinflussen. „Unternehmerinnen werden nicht in gleichem Maße von ihrem (Ehe-)Partner unterstützt bzw. entlastet wie die Unternehmer von ihren (Ehe-)Partnerinnen“, konstatiert Rosemarie Kay in der Dokumentation „Unternehmerinnen in Deutschland“, die das IfM für das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) im Vorjahr erstellt hatte. Kurz: Frauen müssen Unternehmen, Familie und Kindererziehung unter einen Hut bringen. Groß ist die „Gründungsneigung“ deshalb auch dann, wenn sie damit die Hoffnung verknüpfen, Familie und Beruf in Einklang bringen zu können.

Frauen sähen sich bei der Existenzgründung oft mit anderen Problemen konfrontiert als ihre männlichen Kollegen, fasst das BMWA allgemein zusammen. Besonders in der Startphase hätten sie es schwerer. Oft fehlten Frauen, so IfM–Mitarbeiter Kranzusch, die fachliche Voraussetzung für die Unternehmensgründung – beispielsweise Kenntnisse in Buchführung – sowie die nötige Berufserfahrung und das branchenspezifische Fachwissen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Offensive "pro mittelstand" fördert weibliche Neugründer.

Hinzu kommen laut BMWA ein geringerer Bestand an Eigenkapital, denn Frauen verdienen meist weniger als Männer und können deshalb weniger sparen. Ein Handicap sind zudem die Unterbrechungen in der Erwerbstätigkeit durch die Kindererziehung. Martin Lindner, Berater, Mediator und Inhaber der System Consult Lindner & Partner aus Bremen, verweist auf die restriktiven familiären Zwänge, die Frauen immer wieder bremsen. Sei es der Widerstand des Ehemannes oder die Verantwortung für die Familie, die letztlich an den Frauen hängen bleibe.

Gleichwohl hat sich die Offensive „pro mittelstand“ des BMWA gerade die Förderung weiblicher Neugründer zum Ziel gesetzt: „Die gezielte Unterstützung von Gründerinnen stärkt das wirtschaftliche Wachstum eines Landes“, so die Begründung. Denn mehr Neugründungen bedeuteten mehr Wachstum und Beschäftigung. Mit 3,1 Mill. Euro fördern das BMWA und der Europäische Sozialfonds zusammen mit anderen Ministerien die im Frühjahr gegründete „Agentur für Gründerinnen“, die Frauen berät und betreut (01805 / 22 90 22).

Auch das Wirtschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen (NRW) hat sich zusammen mit der EU und anderen Organisationen die Unterstützung des „Unternehmerinnentums“ auf die Fahnen geschrieben. Allein in NRW gibt es rund 400 000 Unternehmerinnen und Managerinnen. So richtete NRW im April zum neunten Mal den „Unternehmerinnen-Tag“ aus. 725 Teilnehmerinnen kamen. Unternehmerinnen und solche die es werden wollen, können auf diesem „Forum von Gleichgesinnten“ viel lernen, wie etwa die Chefin der Scharniere-Fabrik Emil Kaltenbach in Ennepetal, Annette Kaltenbach, meint. Sie gab ihre Erfahrungen als Unternehmensnachfolgerin weiter.Insbesondere beim Thema Führung sind Frauen offen für Innovationen. „Es sind oft die Frauen, die neue Wege in der Führung gehen“, betont die RevierA GmbH, Essen, Mitorganisatorin des Unternehmerinnentages.

Um Frauen stärker an das Thema Selbstständigkeit heranzuführen, muss in der Öffentlichkeit ein „Unternehmerinnenbild“ kommuniziert werden, mahnt das Mittelstandsinstitut, nachdem es herausfand, „dass ein positives Unternehmerbild stark motivierend wirkt“. Deshalb ist aus Sicht der Autoren Kay, Kranzusch und Werner ein „deutlicher Einstellungswandel in der Gesellschaft notwendig“. Insbesondere Medien und Bildungssysteme seien in der Pflicht: „Es muss in die Köpfe der Menschen, dass auch Frauen Unternehmen führen können“, so Kranzusch. Das Unternehmerbild müsse mehr durch weibliche Eigenschaften besetzt werden. „Wir brauchen Leitbilder durch weibliche Repräsentanten, damit bei Jugendlichen Vorbildwirkung und Identifiaktion entstehen“, fordert er mehr Berichte über erfolgreiche Unternehmerinnen. Auch das Bildungssystem sollte „ein modernes, geschlechtlich ausgewogenes Selbstständigenbild an Jugendliche“ vermitteln: „Der Sozialisation dieses Leitbildes in der Jugendphase kommt eine grundlegende Bedeutung zu“, so das IfM.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wichtige Unterschiede.

Wichtige Unterschiede

  • Frauenunternehmen sind, gemessen an der Zahl der Beschäftigten und des Umsatzes, kleiner als Männerunternehmen und häufig im Handel, in den unternehmensnahen und personennahen Dienstleistungen aktiv. In diesen Bereichen ist ein geringeres Startkapital nötig, die Markteintrittsbarrieren sind niedrig und die Unternehmen können mit geringerem Zeitaufwand betrieben werden.
  • Hochqualifizierte und finanziell potente Frauen sind ein wichtiges Gründerinnenpotenzial, das zu erschließen sich lohnt, schreibt die IfM-Dokumentation „Unternehmerinnen in Deutschland“.
  • Unternehmerinnen können ihre Zeit nicht beliebig einteilen. Sie müssen die Kinderbetreuung organisieren. Adressen zu diesem Thema gibt es unter „www.existenzgruenderportal.de“.
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