4 Bewertungen *****
27.08.2008 
Compliance-Regeln

Unterschätzte Gefahr

von Anke Brillen

Nicht alle Unternehmer haben ihre betrieblichen Risiken unter Kontrolle. Viele kennen sie nicht einmal. Dabei würden sie mit einer systematischen Finanzkontrolle ihre Ratingqualifikationen deutlich verbessern. Denn Compliance-Regeln - Richtlinien zur Vermeidung von unternehmerischen Risiken - gelten für alle Unternehmen - auch für kleine.

FRANKFURT. Die traditionsreiche Schmuckmanufaktur Victor Mayer in Pforzheim hat den alten Tresorschlüssel buchstäblich an den Nagel gehängt. Stattdessen sichern jetzt moderne Chipkarten die Tore. Marcus Oliver Mohr, Geschäftsführer der Victor Mayer GmbH & Co. KG hält Gold, Platin und Edelsteine hermetisch unter Verschluss - mit einem elektronischen Sicherheitssystem, das Diebstahl automatisch ausschließt.

Für das Unternehmen, das vor über 150 Jahren gegründet wurde, ist Risikovorsorge seit jeher obligatorisch. Nicht nur die hochkarätigen Rohstoffe will Mohr vor fremden Zugriffen sichern, sondern auch die Design-Entwürfe vor Plagiaten schützen. Darauf drängen auch die Versicherungen. "Doch auch Banken wollten für ihre Finanzierung wissen, ob ein derartiges Unternehmen über moderne Sicherheitsanlagen verfügt", sagt Peter Lamers, Rechtsanwalt und Leiter der Ecovis G + C Rechtsanwaltsgesellschaft in Krefeld.

Nicht alle Unternehmer haben ihre betrieblichen Risiken unter Kontrolle. Viele kennen sie noch nicht einmal. Dabei können sie damit ihre Ratingqualifikation dramatisch verbessern. Denn Compliance-Regeln - Richtlinien zur Vermeidung von unternehmerischen Risiken - gelten für alle Unternehmen - auch für kleine. "Wir beobachten, dass Compliance vor allem für mittelständische Unternehmen immer wichtiger wird", sagt Wilhelm von Haller, Mitglied der Geschäftsleitung Firmenkunden Deutschland und des Management Committee Deutschland der Deutschen Bank. "Die Beherrschung der unternehmenseigenen Risiken und Konflikte durch ein Risikomanagementsystem werden zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil."

Compliance beschränke sich nicht auf spektakuläre Korruptionsfälle oder Datenmissbrauch, sondern beginne als unternehmerische Vorsorge bereits bei banalen betrieblichen Risiken wie dem Ausrutscher eines Supermarkt-Kunden auf einer Bananenschale oder bei der einfachen Liquiditätsplanung, sagt Lamers von Ecovis. "Kann ein Unternehmen ein sachgerechtes Risikomanagement nachweisen, wird das Rating positiv beeinflusst."

Sparkassen und Landesbanken nehmen in ihrem internen Rating-Verfahren die installierten Controllingprozesse genau unter die Lupe. Im Bereich "Planung und Steuerung" werden zum Beispiel "Risikofrüherkennungssysteme" explizit bewertet. Ausdrücklich bei allen Kunden der Sparkassen und Landesbanken werden "Planungen für den Fall, dass der Unternehmer die Geschäftsführung nicht mehr selbst ausüben kann" hinterfragt. Ebenfalls geprüft werden "die Risiken, die in den Bereichen Politik, Recht, gesellschaftliche Trends oder Umwelt" begründet sein können.

Auch bei der Deutschen Bank wird beim Rating neben der Beurteilung von quantitativen Kriterien wie der finanziellen Situation eines Unternehmens oder dem Wettbewerb auch eine qualitative Bewertung durchgeführt: "Dabei spielt die Bewertung des Risikomanagements und der Compliance eine wichtige Rolle. Unternehmen, die auch bei Compliance-Fragen gut aufgestellt sind, können Risiken besser beherrschen. Das wiederum hat einen positiven Einfluss auf das Rating", sagt Deutsche-Bank-Experte von Haller.

"De facto kann es sich kein mittelständisches Unternehmen mehr leisten, das Thema Compliance zu ignorieren", resümiert Experte Lamers, der bereits eine Vielzahl von Unternehmen auf Ratingverhandlungen mit Banken vorbereitet und Compliance-Regelungen implementiert hat.

Während Großkonzerne ganze Compliance-Abteilungen und Vorstandsressorts einrichten, stehen die meisten mittelständischen Unternehmen aber ratlos vor einem zeitlichen und personellen Problem. Risikomanagement ist - wenn überhaupt - in kleineren Betrieben reine Chefsache. "Ein Fehler", sagt Lamers. Er rät mittelständischen Unternehmen, sich dieses Themas konkret anzunehmen, effektiver zu delegieren und eine eigene Compliance-Verantwortlichkeit im Betrieb zu schaffen. "Prädestiniert sind die Controlling- und Rechtsabteilungen."

Compliance

Wirtschaftlicher Nutzen
Der Begriff Compliance bezeichnet die Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien, aber auch freiwilligen Kodizes von Seiten eines Unternehmens. Eine solche Kontrolle soll das Unternehmen präventiv vor Fehlverhalten bewahren, das auf Unwissenheit oder Fahrlässigkeit beruht. Der wirtschaftliche Nutzen ist die Vermeidung von Kosten durch Schäden und Strafzahlungen, aber auch eine Verbesserung der Bonität und damit bessere Kreditkonditionen.

Informationen erwünscht
Die Regierungskoalition in Berlin arbeitet derzeit an einem Gesetzentwurf, der die rechtliche Situation sogenannter Whistle-Blower stärken soll. So soll es für Arbeitnehmern leichter werden, Informationen, die nicht im Einklang mit den Unternehmensgrundsätzen stehen, oder strafbare Geschäftspraktiken an das Compliance-Management weiterzugeben. Zum Schutz der Informanten soll der Paragraph 612a des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) geändert werden.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Blogkommentare zu diesem Artikel

Anzeige

Sprechstunde über den Äther 

06.07.2009, 07:00 UhrIT-Podcast

Telemedizin ist eine der Zukunftstechnologien, von der jeder profitieren könnte. Diagnosen von Ärzten aus der ganzen Welt wären in Echtzeit möglich, Pflegedienste könnten über Funksteuerungen verständigt, Lebensdaten per Internet übermittel werden. Doch es gibt viele Hürden. Fehlende Standards und Berührungsängste von Ärzten wie Patienten haben die Entwicklung lange Zeit gehemmt. Anhören


weiterHandelsblatt Quiz

Quiz : Firmennachfolge: Der Nächste, bitte!

Los geht's!Tausende Unternehmen stehen in Deutschland jedes Jahr vor einem Generationenwechsel. Die Nachfolge ist nicht nur die Schlüsselübergabe von einem Chef...

weiterBildergalerien

zurück
  • Mitarbeiter auf Zeit als flexible S...

    Mitarbeiter auf Zeit als flexible Start-Belegschaft

    Wer ein Unternehmen gründet, hat in der Regel wenig Geld und kaum Planungssicherheit. Gründer setzen deshalb zunächst gerne Mitarbeiter auf Zeit ein - die sind günstiger, und der Unternehmer geht weniger Verpflichtungen ein. Worauf frischgebackene Chefs dabei...Bildergalerie 

  • Zehn Schritte zur geförderten Kinde...

    Zehn Schritte zur geförderten Kinderbetreuung

    Kinder als Teil der Karrieplanung: Um qualifizierte Mitarbeiter langfristig an den Betrieb zu binden, bieten Unternehmer eine betriebliche Betreuung für die Youngsters an. Der Europäische Sozialfonds fördert solche Plätze mit bis zu 50 Prozent der Betriebskos...Bildergalerie 

  • In zehn Schritten zur eigenen Firma

    In zehn Schritten zur eigenen Firma

    Die deutsche Franchise-Wirtschaft boomt: Der Umsatz der Unternehmen stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent. Das Konzept bietet nicht nur den täglichen Duft von frischen Brötchen, sondern auch ein reduziertes unternehmerisches Risiko. Doch wie funktionieren...Bildergalerie 

vor

 

 

Frage des Tages

Die Banken vergeben nach Meinung einiger Minister und Wirtschaftsvertreter zu wenig Kredite, obwohl sie von der EZB billiges Geld bekommen haben. Weil der Wirtschaft nun eine Kreditklemme drohe, erwägt der Bund Zwangsmaßnahmen gegen die Banken. Halten Sie einen solchen Schritt für sinnvoll?

Ja.
Nein.