Russlands Oligarchen
Ohne Putins Segen

Russlands Regierungschef Wladimir Putin hat sich den Hauptaktionär des Bergbaukonzerns Mechel vorgeknöpft und wirft ihm Inflationstreiberei und Steuerbetrug vor. Lebt jetzt die Kampagne gegen missliebige Unternehmer wieder auf?

BERLIN. Zunächst druckst der Mann nur herum: "Nein, ich weiß darüber nichts", sagt er und will den Telefonhörer schon auflegen. Doch irgendwas hält ihn davon ab - möglicherweise will er doch loswerden, was er über den Fall Mechel weiß, über den russischen Montankonzern, der bei Wladimir Putin in Ungnade gefallen ist.

Der Regierungschef kritisierte das Unternehmen vor einigen Tagen mit äußerst heftigen Worten und löste Panik an den Aktienmärkten aus. Seitdem rätseln Experten, was er mit dieser gezielten Breitseite gegen Mechel bezweckt haben könnte. Selbst erprobte Kreml-Astrologen kommen ins Grübeln. Will Putin mal wieder einen missliebigen Unternehmer loswerden?

Der anfangs so zurückhaltende Mann am Telefon - ein Moskauer Geschäftsmann, der zu vielen russischen Oligarchen enge Drähte hat - wird gesprächiger: "Es gibt schon lange einen engen Verbündeten Putins, der großes Interesse an Mechel angemeldet hat", erzählt er. "Der Mann heißt Sergej Tschemesow und baut gerade mit Putins Segen die Staatsholding Rostechnologii auf." Tschemesow könnte den Bergbaukonzern Mechel gut in seinem Portfolio gebrauchen. Denn Mechel stellt auch Spezialstahl her, und das wäre für die die Rüstungssparte von Tschemesows Holding ganz nützlich.

Die Erklärung klingt plausibel. Noch sind sich Beobachter aber nicht ganz einig: Hat Putin jetzt eine neue Runde in der Verteilung russischer Unternehmen eingeläutet und eine ähnliche Kampagne gestartet wie vor fünf Jahren gegen Yukos-Chef Michail Chodorkowskij? Oder geht es dem Regierungschef einfach nur um das Gemeinwohl aller in seinem Land?

Das zumindest gab Putin Anfang dieser Woche vor, als er Mechel und Unternehmenschef Igor Sjusin kritisierte: "Mechel verkauft auf dem Binnenmarkt die Tonne Koks für 4 100 Rubel und an seine eigenen Auslandsfirmen für 1 100 Rubel", rechnete Putin vor und trug dem Konzern gleich sein gesamtes Sündenregister vor: "Steuerhinterziehung, Verknappung der Kohleversorgung und damit Verteuerung der Stahlproduktion sowie vieler anderer Waren." Mechel trägt also die Verantwortung für das Hauptrisiko der russischen Wirtschaft: die Inflation, unter der alle leiden.

Schon wenige Tage zuvor hatte sich Putin über Mechel-Chef Sjusin geärgert: Dieser war auf einem von dem Regierungschef einberufenen Stahl-Gipfel nicht erschienen, weil er in einer Herzklinik war. "Sjusin sollte schnell gesund werden, sonst müssen wir ihm einen Doktor schicken, der alle Probleme löst", hatte Putin geätzt.

Für diese Äußerung zahlte die russische Wirtschaft einen hohen Preis: Die Kapitalisierung aller an Moskaus Börsen notierten Firmen fiel um 58 Milliarden auf 1 115 Milliarden Dollar. Aus 17 Worten bestand Putins Wutausbruch - macht 3,4 Milliarden Dollar pro Wort.

Der vom einstigen Kreml-Herrn so angezählte, aber in der Stahl-Runde fehlende Mechel-Chef hatte am meisten verloren: 70 Prozent der Aktien des Montankonzerns Mechel nennt der 48-Jährige bisher sein Eigen. Und den geplanten Börsengang in Frankfurt hat er auch schon einmal wegen der anhaltenden Turbulenzen gestoppt, heißt es bei den beteiligten Banken. Sie sollten in gut einer Woche 55 Millionen Mechel-Anteilsscheine - 11,7 Prozent des Gesamtkapitals in Form von Vorzugsaktien - für je 50,50 bis 60,50 Dollar an die deutsche Leitbörse bringen.

Das Krankenbett verließ Sjusin erst Anfang dieser Woche, als er eilig zu Opfern eines Unglücks in seiner sibirischen Kohlegrube flog. Darum hätte er sich normalerweise nie persönlich gekümmert. Aber die Zeiten sind jetzt härter geworden. Denn Putin ließ es nicht bei seinen Worten bewenden. Er setzte auch die Antimonopolbehörde und die Staatsanwaltschaft gegen Mechel in Bewegung. Kartellamtschef Igor Artemjew diagnostizierte auch schon "schwerste Vergehen" des Montankonzerns und verordnete "eine satte Strafe". Gleichzeitig versuchte er zu beruhigen: "Für so ein großes Unternehmen wird die Strafe verkraftbar sein."

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