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26.05.2008 
Compliance-Beratung

Affären kosten Konzerne Milliarden

von Thomas Sigmund und Axel Höpner

Deutsche Unternehmen ziehen weitreichende Konsequenzen aus der Fülle von Wirtschaftsskandalen der jüngsten Zeit. Vor allem die Schmiergeldaffäre der Siemens AG hat tiefe Spuren hinterlassen. So haben fast alle Dax-Konzerne in den vergangenen Monaten umfangreiche Compliance-Organisationen aufgebaut, um Vorfälle wie bei Siemens zu verhindern.

BERLIN/MÜNCHEN. Am Montag begann in München der erste Prozess gegen einen Siemens-Manager, der über Jahre ein System schwarzer Kassen betrieben haben soll. Zwar gibt es noch keine belastbaren Zahlen aus einzelnen Unternehmen, aber für die Gesamtwirtschaft geht das Ausmaß der Kosten in die Milliarden, mit denen die Unternehmen ihre neuen Compliance-Organisationen aufgebaut haben. Deutliche Hinweise gibt auch der Handelsblatt-Business-Monitor, eine exklusive Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Psephos im Auftrag des Handelsblatts und der Beratung Droege & Comp. unter rund 600 Top-Managern. Demnach haben sie in großem Umfang Anwälte beschäftigt, um sich beim Aufbau der Compliance-Organisation beraten zu lassen.

Fast zwei Drittel der Firmen mit über 5 000 Mitarbeitern gab danach an, in letzter Zeit verstärkt anwaltlichen Rat wegen der wachsenden Anforderungen in Anspruch genommen zu haben. Bei kleinen (bis 500 Mitarbeiter) und mittleren Unternehmen sieht das nicht anders aus. Zusammengerechnet suchten hier über 60 Prozent verstärkt den Rat der Juristen. Compliance bedeutet eine Unternehmensführung, die sich an Gesetze und Richtlinien hält.

So hat Thyssen-Krupp in den vergangenen Monaten ein völlig neues Compliance-System aufgebaut. Weltweit sind inzwischen 430 Mitarbeiter für Fragen rechtlich einwandfreier Unternehmensführung zuständig, beraten ließ sich der Konzern unter anderem von der Kanzlei Hengeler Mueller. Thyssen-Krupp nennt zwei Gründe für die umfangreiche Neuorganisation: die Kartellstrafe der EU, die Thyssen vor gut einem Jahr 480 Mill. Euro kostete, und die Erschütterung über die erheblichen Folgen der Siemens-Affäre.

Auch die Deutsche Bahn hat ihr Compliance-System erweitert, sie nahm dafür sogar den ehemaligen Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner unter Vertrag. Er hatte zuvor bei der Staatsanwaltschaft der Main-Metropole die bundesweit erste Schwerpunktabteilung zur Korruptionsbekämpfung aufgebaut.

Bereits zu Jahresanfang hatte der Risikoreport der Unternehmensberatung Ernst & Young prognostiziert, dass Compliance-Fragen zur größten strategischen Herausforderung für Unternehmen in diesem Jahr werden dürften.

Der Fall Siemens belegt die enormen finanziellen Auswirkungen, die Compliance-Themen zur Folge haben können. Zahlreiche große und kleine Anwaltskanzleien profitieren vom Großauftraggeber Siemens. Ganze Heerscharen von Experten durchforsten den Konzern immer noch nach neuen Korruptionsfällen und helfen bei der Verbesserung der Compliance-Systeme.

Allein im vergangenen Quartal überwies der skandalgebeutelte Konzern 175 Mill. Euro an externe Berater. Auch im laufenden Quartal dürfte es nach Einschätzung in Branchenkreisen nicht viel weniger sein.

Damit will das Unternehmen auch ein Signal an die US-Börsenaufsicht SEC senden, die wegen der Affäre eine Milliardenstrafe verhängen könnte.

Wie viele Anwälte der New Yorker Kanzleien Debevoise & Plimpton und Davis Polk & Wardwall für Siemens arbeiten, gibt der Konzern nicht bekannt.

Hierzulande gilt ein Stundensatz von 300 bis 500 Euro für einen guten Wirtschaftsanwalt als angemessen. Spitzenanwälte erreichen 600 Euro und mehr, in dieser Preisklasse dürften sich viele der US-Anwälte bewegen, die Siemens beschäftigt. "Da muss eine Armada von ihnen unterwegs sein", sagt ein Anwalt.

Jobst Bauer, -Hubertus Partner der Kanzlei Gleiss Lutz, bezeichnet die finanziellen Dimensionen im Fall Siemens als Sondersituation. Den Münchenern sitze die SEC im Nacken, die US-Börsenaufsicht stelle extrem hohe Anforderungen, der Beratungsbedarf steige damit deutlich.

Vorreiter und Vorbild für viele Unternehmen ist die Daimler AG. Sie sah sich im Zuge einer Korruptionsaffäre ebenfalls dem Druck der US-Börsenaufsicht SEC ausgesetzt und beauftragte von 2004 an die amerikanische Kanzlei Skadden mit den internen Untersuchungen. Für die Folgen des Skandals musste Daimler allein im Jahr 2006 Rückstellungen in dreistelliger Millionenhöhe bilden.

Der Fall Siemens vor Gericht

Siemens wird seit 2006 von mehreren Korruptionsaffären erschüttert. Am Montag hat der erste Prozess gegen einen Ex-Manager des Konzerns mit einem Geständnis begonnen. Der 57-jährige Reinhard S. räumte vor dem Münchener Landgericht ein, er habe mit einem System aus Scheinberaterverträgen Gelder für Provisionszahlungen gesammelt. Zugleich belastete der frühere Manager der Festnetzsparte ICN seine damaligen Vorgesetzten. "Der komplette Bereichsvorstand war natürlich informiert, dass diese Tätigkeit von mir vorgenommen wurde", sagte S.

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