Pressesprecher laufen in den meisten Firmen unter Wert. Den Unternehmenslenkern ist nicht bewusst, wie viel wertvolle Informationen ihnen ein Pressesprecher liefern könnte – wenn man ihm denn zuhören würde.
DÜSSELDORF. Pressesprecher haben ein Problem: ihr schlechtes Standing in der Chefetage. Jeder dritte Sprecher findet kein Gehör für seine Vorschläge in der Geschäftsführung. Und sogar nur 42 Prozent sind als Kommunikationsstrategen von ihren Geschäftsführern und Vorständen akzeptiert. „Wenn ich als externer Berater beauftragt werde, erlebe ich den Pressesprecher entweder gar nicht – oder in aufgelöstem Zustand“, erzählt Marcus Johst, Geschäftsführer der Societät für strategische Medienberatung in Hamburg. „In vielen Unternehmen ist der Sprecher nichts anderes als der Pförtner für Journalisten“, formuliert er. Johst hat sich auf Krisen-PR spezialisiert und vertrat zum Beispiel die von Uschi Glas lizenzierte Kosmetikfirma 4S Marketing, als ihre Produkte bei Stiftung Warentest durchfielen.
Auch eine Studie der DPA-Tochter News Aktuell und der PR-Agentur Faktenkontor belegt: Unternehmenschefs verlassen sich in Krisensituationen äußerst selten auf ihren Pressesprecher. Nur zwölf Prozent der befragten Kommunikationsmanager bestätigen, dass Unternehmenskrisen durch den eigenen Sprecher koordiniert werden und sich die Geschäftsführung seinen Empfehlungen anpasst. Die Ergebnisse sind Bestandteil des regelmäßig durchgeführten PR-Trendmonitors, bei dem 2 426 Manager aus Pressestellen und PR-Agenturen befragt werden.
Das Ergebnis ist kein Kompliment: Weder für die Kommunikationsexperten noch für ihre Geschäftsführer. Pressesprecher bringen meist ein abgeschlossenes Studium und entsprechende Erfahrung in der Branche und dem Geschäft mit. Ihre Chefs zahlen ihnen nicht unter 50 000 Euro. In der Spitze kann so ein Gehalt sogar bei 300 000 Euro liegen. Die Faustregel: Je höher der Umsatz, desto größer das Team, Gleiches gilt für eine Börsennotierung. Wenn die Dienste der PR-Profis allerdings gar nicht benötigt oder geschätzt werden, ist dieses Geld quasi zum Fenster rausgeschmissen.
„Kommunikationsleute übernehmen eine Bandbreite von Aufgaben“, wendet Petra Rob, Leiterin der Unternehmenskommunikation des Metro-Konzerns, ein. Daher gibt es auch große Unterschiede zwischen den Presseabteilungen. „Die einen sind fürs Erstellen von Broschüren verantwortlich, andere sollen eine umfassende Kommunikationsstrategie implementieren.“
Lesen Sie weiter auf Seite 2: In den meisten Unternehmen darf an den Vorstandssitzungen kein Pressesprecher teilnehmen.
Aber noch längst nicht alle Chefs messen der Kommunikation tatsächlich eine strategische Bedeutung bei. „Auch ein Pressesprecher mit noch so starker Persönlichkeit und guter Ausbildung kann nichts ausrichten, wenn seine Funktion drei Ebenen unter der Geschäftsführung angesiedelt ist“, urteilt der Krisenberater Johst. Jörg Forthmann, Chef der PR-Agentur Faktenkontor aus Hamburg ergänzt: „In den meisten Unternehmen darf an den Vorstandssitzungen kein Pressesprecher teilnehmen. Auf den wirklich wichtigen firmeninternen Mail-Verteilern steht der Pressesprecher fast nie.“ Die Folge: Das Sprachrohr des Unternehmens weiß nie frühzeitig über die Entwicklungen des Hauses Bescheid – was seine Kompetenz entscheidend schwächt. Forthmann: „Und das wiederum wirkt sich negativ für das Standing der Presseabteilung in der Firma aus.“
Dabei: Den Unternehmenslenkern ist nicht bewusst, wie viel wertvolle Informationen ihnen ein Pressesprecher liefern könnte – wenn man ihm denn zuhören würde. Dem entspricht der Frust der Sprecher. Nur 32 Prozent von ihnen stimmen der Aussage „Ich kann gegenüber der Geschäftsführung ehrlich argumentieren“ zu.
Die Presseverantwortlichen von kleinen und mittleren Unternehmen klagen immer wieder darüber, dass ihnen die Hände gebunden sind. Dass sie die Presse gerne informieren würden, ihre Chefs aber Angst vor zu viel Öffentlichkeit haben.
Zuweilen wollen auch Firmen – meist sind es Familienunternehmer – partout keine Informationen veröffentlichen. Auch im Handel gibt es beispielsweise noch immer Unternehmen, die am liebsten gar nicht mit der Presse sprechen. Lidl hat erst vor kurzem einen Sprecher eingestellt, bei Aldi steht diese Entscheidung noch immer aus.
