Die keineswegs geradlinige Entwicklung des Wirkstoffs Memantine liefert dazu ein anschauliches Beispiel: Das Molekül wurde schon vor mehr als 30 Jahren erstmals geschaffen. Und bereits in den frühen 80er-Jahren brachte Merz den Wirkstoff unter dem Namen Akatinol auf den Markt, zur Behandlung von Spastik und anderen Symptomen bei Hirnschädigungen.
Aber Memantine/Akatinol wäre wohl eher ein kleines Nischenprodukt geblieben, hätten Entwickler von Merz nicht die Überzeugung gewonnen und den Weg mit großem Einsatz weiterverfolgt, dass die Substanz auch bei anderen Hirnleistungsstörungen positive Effekte entfalten kann. Ihnen gelang der Nachweis, dass Memantine über einen Botenstoff wirkt, der bei Alzheimerpatienten in erhöhter Konzentration auftritt. "Fast niemand hatte damals an diesen Wirkmechanismus geglaubt", sagt Hückmann.
Auch bei den klinischen Versuchen musste das Frankfurter Unternehmen später Neuland betreten. "Ein Problem bestand darin, dass es keine etablierten klinischen Testverfahren für die fortgeschrittenen Alzheimerstadien gab. Viele sahen gar keine Chance, eine Wirkung bei schwer Demenzkranken nachzuweisen", erläutert der Merz-Chef.
Doch die Entwickler ließen sich davon nicht abschrecken und suchten den Dialog mit den Genehmigungsbehörden in Europa und den USA, um einvernehmliche Kriterien für die zulassungsrelevanten Studien zu entwerfen. Am Ende liefen die Zulassungsverfahren reibungsloser als bei anderen Pharmaherstellern. Im Jahr 2002 wurde Memantine in Europa, ein Jahr später in den USA zugelassen. Die gesamte Entwicklung kostete rund 60 Mill. Euro - für Merz ein hoher, wenn auch nicht existenzbedrohender Betrag.
Die Bereitschaft, solche Risiken einzugehen und eigene Wege zu gehen ist für Hückmann bis heute einer der maßgeblichen Erfolgsfaktoren geblieben. Wer immer nur dem Mainstream folge, sagt er, bringe letztlich keine echten Innovationen hervor.
