Ein Chamäleon, das sich mit Kunden und Konkurrenten vernetzt – so sehen Top-Manager die Firma von morgen. Einzelkämpfer dagegen haben kaum Überlebenschancen. Interessant: Die heute wirtschaftlich erfolgreichsten Unternehmen wagen die mutigsten Veränderungen. Über 1100 Unternehmenschef weltweit haben ihre Zukunftsstrategien verraten.
Faszination Zukunft: Zwei Besucherinnen mit klassischer Kleidung der "Star Trek" Crew auf der Science Fiction Convention in Bonn. Top-Manager sehen die Firma von morgen als Chamäleon, das sich mit Kunden und Konkurrenten vernetzt. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Hand aufs Herz: Gehören Sie auch zu den Menschen, die Kopfhörer tragen, um damit gesehen zu werden? Elektronikhersteller Philips war überrascht, welch versteckte Bedürfnisse beim Brainstorming mit Kunden ans Tageslicht kamen. Die Produktdesigner hatten daraufhin die zündende Idee: ein extravaganter Kopfhörer mit glitzernden Kristallen – gestaltet mit der Firma Swarovski. Der kam genauso gut an wie der USB-Stick mit Swarovski-Steinen, der als Kettenanhänger zu tragen ist.
„Design around you“ – in diesem Prinzip sieht Philips das Erfolgsrezept für die Zukunft. „Der Kunde von morgen will stark einbezogen sein in die Produktgestaltung – sonst geht er zur Konkurrenz“, sagt Ronald de Jong, Geschäftsführer von Philips Deutschland, zuständig für Konsumgüter und Lifestyle. „Deshalb müssen Unternehmen in Zukunft ganz genau wissen, was Kunden gerade bewegt – und dann vermehrt passende Partner suchen.“ So hat Philips mit Beiersdorf einen Trockenrasierer mit Nivea-Emulsion und mit dem Braukonzern Interbrew eine Bierzapfanlage auf den Markt gebracht.
„Das erfolgreiche Unternehmen der Zukunft ist ein Teamplayer, Einzelkämpfer haben kaum Überlebenschancen“, prophezeit Rainer Mehl, Leiter der Strategieberatung von IBM Global Business Consulting Deutschland. So planen 85 Prozent der Firmenchefs weltweit, sich künftig intensiv mit Partnern zu verbünden. Das ist Fazit der Studie „Das Unternehmen der Zukunft“ von IBM und Economist Intelligence Unit. Sie basiert auf persönlichen Gesprächen mit über 1 100 Unternehmenschefs aus 40 Ländern und 32 Branchen. Besonderes Augenmerk galt den Zukunftsstrategien der heute schon überdurchschnittlich erfolgreichen Firmen.
Häufiger Partnertausch ist angesichts des Paarungsdrangs der Unternehmen künftig Trumpf. Selbst die Konkurrenz kommt immer öfter mit ins Boot, wollen Firmen Oberwasser behalten. „Co-opetition“ lautet das Zauberwort. Beispiel Philips: „Wir liefern uns zwar einen harten Wettbewerb mit Panasonic und Sony, aber arbeiten eng zusammen, wenn es um neue Industriestandards wie Bluray geht“, sagt Manager de Jong. Beispiel Nutzfahrzeuge: Jeder zweite Hersteller kooperiert schon partiell mit Wettbewerbern in Vertrieb oder Service – wie Renault und Volvo. Ihre Marke sehen die meisten Manager dadurch nicht gefährdet, ergab eine Umfrage von Oliver Wyman.
„Früher gab es eine klare Trennung in Wettbewerber, Zulieferer, Kunden. Künftig gehen diese Beziehungen wild durcheinander: Ein Konkurrent kann zugleich Zulieferer und Kunde sein“, betont de Jong. Unternehmen müssen Markttrends erspüren und sich ständig neu vernetzen.
Denn das Rad der Veränderung dreht sich immer schneller, empfinden die Unternehmenschefs weltweit. „Wir haben in den letzten zehn Jahren mehr Veränderungen erlebt als in den 90 Jahren davor“, sagt Ad Scheepbouwer, Chef der niederländischen KPN Telekom. 83 Prozent der befragten CEOs erwarten einen noch tiefgreifenderen Wandel über viele Dimensionen gleichzeitig – vor zwei Jahren waren es erst 65 Prozent. IBM-Studienautor Mehl: „Aus dieser Not müssen Unternehmen eine Tugend machen. Ständige Veränderung wird zum Normalzustand.“ Masao Yamazaki, Chef der West Japan Railway, formuliert es so: „Unsere Unternehmenskultur braucht einen eingebauten Mechanismus zur Veränderung.“
Die Studie belegt: Firmen, die sich permanente Innovation auf die Fahnen schreiben, punkten. „CEOs, die sich für die mutigsten Schritte entscheiden, sind wirtschaftlich erfolgreicher als ihre Mitbewerber“, betont Samuel Palmisano, Weltchef von IBM. Die Folge: Die Gräben zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung vertiefen sich immer mehr.
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Zu den Verlierern dürften die Unternehmen gehören, die die revolutionäre Kraft des Internets nicht nutzen. De Jong von Philips: „Schon heute konsultiert der Verbraucher in 70 Prozent der Fälle das Internet, bevor er kauft.“ Der Markt ist extrem transparent, die Kunden sind immer besser informiert und entsprechend anspruchsvoller. Drei Viertel der befragten Unternehmenschefs werten dies allerdings als Chance und nicht als Bedrohung. Mehl: „Das Web 2.0 ermöglicht Erkenntnisse, die über die traditionelle Marktforschung weit hinausgehen.“
So verkündete Langnese am Mittwoch, den Eisklassiker „Nogger Choc“ wieder ins Programm zu nehmen. Seit 2001 hatten sich Zehntausende enttäuschter Kunden per Internet-Petition für das Comeback des Nougateises stark gemacht. Und unter Probierpioniere.de dürfen seit gestern Kunden neue Produkte testen. Firmen können auf dieser Plattform mit Konsumenten direkt in Dialog treten. Eine solche virtuelle Interaktion bewährte sich auch vor dem Start des Mini One. Schon neun Monate zuvor konnten Kunden ihre Wunschausstattung im Internet konfigurieren – die letztlich viel extravaganter war als vermutet.
Doch nicht nur trendige Konsumgüter gestaltet der Kunde künftig mit. Das bestätigt Hartmut Jenner, Chef von Alfred Kärcher, Spezialist für Reinigungsgeräte: „In der Zukunft reden wir immer mehr vom ,Prosumenten’, der noch intensiver in die Wertschöpfungskette eingebunden ist. Der Produktionsprozess wird individueller und maßgeschneidert.“
Zukunft haben Unternehmen mit personalisierten Produkten nach lokalen Vorlieben. Denn aller McDonaldisierung zum Trotz – den Konsumenten mit dem global einheitlichen Geschmack wird es nie geben. IBM-Strategieberater Rainer Mehl: „Zwar sind Unternehmen aus Effizienzgründen gezwungen, ihre Abläufe weltweit immer stärker zu vereinheitlichen. Für den Kunden bleibt dies aber unsichtbar, denn er bekommt die globale Marke vor Ort nach lokalem Gusto serviert.“ Zwei Drittel der befragten Unternehmenschefs wollen ihr Geschäftsmodell entsprechend ändern.
Die CEOs der Zukunft müssen vor allem eins sein – Visionäre. „Sie dürfen sich auf keinen Fall in der Tageshektik verzetteln“, warnt Mehl. Um Abstand vom Alltagsgeschäft und neue Ideen zu bekommen, lässt etwa IBM alle Mitarbeiter in „Jams“ brainstormen. Auch Philips entwirft regelmäßig Zukunftsszenarien – 400 Leute, von Philosophen über Techniker und Trendforscher, diskutieren dann Szenarien für die Welt und Produkte von morgen. De Jong: „Wir müssen Veränderungen selbst vorantreiben, um nicht von ihnen getrieben zu werden.“
