Mittlerweile sind die „Herren der Zahlen“ von Erbsenzählern zu meinungsstarken Kommunikatoren geworden: Von Controllern wird verlangt, ihre Chefs bei der Hand zu nehmen und sie so sicher wie möglich durch jene verwirrenden Zahlengebirge zu führen, die die IT-Systeme Tag für Tag auftürmen.
Wie Co-Piloten müssen Controller alle Instrumente im Blick haben und rechtzeitig vor Turbulenzen warnen. Foto: ap
DÜSSELDORF. „Manager werden heute überschüttet mit Informationen. Wir müssen sie sortieren und die Zahlen dann vorstands- und kindergartengerecht aufbereiten.“ So sagt es ein Top-Controller aus einem Dax-30-Konzern. Das Zitat spricht Bände über das Selbstverständnis, dass die Experten heute haben: Controller sollen ihre Chefs bei der Hand nehmen und sie so sicher wie möglich durch jene verwirrenden Zahlengebirge führen, die die IT-Systeme des Unternehmen Tag für Tag auftürmen. Ihnen, den „Herren der Zahlen“ zu folgen, rechnet sich, so sind sie überzeugt. Denn, weiteres Zitat: „Controlling ist, aus Zahlen Geld zu machen.“
Welche Stellung das Controlling in deutschen Konzernen besitzt, hat Wirtschaftsprofessor Jürgen Weber von der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar untersucht. Sein Buch „Von Top-Controllern lernen“ ist soeben im Wiley Verlag erschienen. Dort gewähren die obersten Controller der Dax-Konzerne erstmals Einblicke in ihre Rollen – siehe obige Zitate. In Tiefeninterviews befragte Weber 26 von 30 Top-Steuerleuten der Dax-Firmen bzw. deren Stellvertreter zur Rolle des Controllings, zu ihrem Selbstverständnis und den Perspektiven ihres Berufsstandes.
Ein Fazit: Das Standing der Controller in den Konzernen hat sich deutlich verbessert. Denn die Zeiten, als sie hauptsächlich damit beschäftigt waren, „Zahlenfriedhöfe“ anzulegen, wie ein Dax-Controller selbstkritisch einräumt, sind passé. Weber: „Was der Controller heute leisten muss, ist, vorhandene Zahlen zu interpretieren, sich eine Meinung zu bilden und diese auch zu vertreten.“ Und das am besten mit „liebenswürdiger Penetranz“, wie es Albrecht Deyhle von der Controller Akademie ausdrückt.
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„Controller kommen immer mehr in die Beraterrolle. Sie müssen dem Vorstandschef Sicherheit geben bei seinen Entscheidungen“, sagt Weber. Damit die Unternehmung nicht zum Blindflug wird. Der Controller als Co-Pilot und damit heimlicher zweiter Vorstandschef?
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Die Aussagen der Interviewten nähren den Verdacht, in der monströsen Unübersichtlichkeit globaler Konzerne blicke ohnehin nur noch eine Berufsgruppe durch. Schließlich gilt es, so Weber, „sich auf ein Komplexitätsniveau zu begeben, das die Führungskräfte verstehen.“
Die befragten Dax-Controller verstehen sich als kritischer Counterpart des Vorstands – sie gehören zu den wenigen, die den Finger in offene Wunden des Unternehmens legen dürfen. Beliebt machen sie sich im Unternehmen damit nicht gerade, das wissen auch die Top-Controller nur zu gut. Zitat: „Management heißt, den letzten Freund zu verlieren. Aber als Controller haben Sie gar keinen Freund, den Sie verlieren können.“ Solche Freiheiten kann sich nur erlauben, wer gewisse Hofnarren-Allüren mitbringt, sagt Controlling-Experte Deyhle.
Für diese Rolle geeignet sind allerdings keine Zahlenknechte, die sich am liebsten hinter Schichttorten und Balkendiagrammen verstecken. Gerade in Zeiten softwaregestützter Steuerungswerkzeuge zählt mehr denn je der gesunde Menschenverstand. Da muss der Controller die Vorstände auch schon mal zurückpfeifen können und diese von unreflektierter Zahlengläubigkeit abhalten. „Zu glauben, ich habe den ganzen Laden im Griff, wenn ich nur die Zahlen im Griff habe, ist Unsinn“, warnt Andreas Schüren, Geschäftsführer der Managementberatung Rölfs MC Partner aus Düsseldorf.
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Analytisch, kommunikativ und meinungsstark – so sollten Chef-Controller heute gestrickt sein. Geeignet hierfür sind nur jene, die eine offensive, nach außen gerichtete Rolle auch annehmen wollen, betont Siegfried Gänßlen, Vorsitzender des Internationalen Controller Vereins (ICV) und zugleich stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Finanzchef des Sanitärtechnikherstellers Hansgrohe.
„Ein moderner Controller muss den Cholesterinspiegel im Unternehmen messen können. Und den erfährt er natürlich nur, wenn er seinen Schreibtisch verlässt und mit den Kollegen redet“, sagt Gänßlen. Vom Typ her muss er in der Lage sein, ein gutes betriebsinternes Netzwerk aufzubauen – nur so kann er blutleeren Zahlen Leben einhauchen.
Erfolgreich sein kann nur, wer auch über den Tellerrand des Unternehmens hinausschaut. Mit der Innenperspektive kann sich heutzutage ohnehin kein Controller mehr begnügen. Er muss vom Markt her denken können. Weber: „Controller müssen heute wissen, was der Wettbewerb macht oder wie welche Zahlen auf Analysten wirken.“
Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Immer nur andere zum Jagen zu tragen, macht nicht unbedingt Spaß.“
Öfter mal die Perspektive zu wechseln, ist für Controller extrem wichtig. Weber empfiehlt, zwischendurch einen operativen Posten in einer anderen Abteilung des Betriebs zu übernehmen. Denn schmoren Controller zu lange im eigenen Saft, laufen sie Gefahr, fachliche Scheuklappen zu bekommen und zu „notorischen Nörglern“ zu mutieren, warnt Weber. Und auf solche mag ohnehin keiner hören.
Hinzu kommt: „Immer nur andere zum Jagen zu tragen, macht nicht unbedingt Spaß“, sagt Controlling-Experte Weber. Irgendwann wolle und solle ein Controller auch selber mal den „Blattschuss“ anbringen. Selbst am Drücker sitzen wird demnächst beispielsweise Controlling-Experte Siegfried Gänßlen. Im Mai übernimmt er den Vorstandsvorsitz von Hansgrohe. Den Weg in den Vorstandsolymp schaffen allerdings die wenigsten Controller. In den meisten Unternehmen nimmt man sie immer noch primär als Zahlenspezialist und Budgetplaner wahr. Oft wird der Controller-Posten zur Endstation statt zum Karriere-Sprungbrett.
Während die Anforderungen an Controller stetig steigen, wird zugleich der qualifizierte Nachwuchs in den nächsten Jahren knapp. Hansgrohe hat sich bereits darauf eingestellt: Das Unternehmen bietet Diplomandenplätze an oder schickt Praktikanten schon mal für zehn Wochen nach China. „Der Krieg um die Talente ist voll entbrannt“, bestätigt Gänßlen, der deshalb persönlich Praxisseminare an der Universität hält.
Der Sanitärhersteller pickt sich gezielt die Leute mit Kommunikationstalent heraus. Gänßlen: „Wir sagen Bewerbern nach der ersten Runde schon mal, sie sollen für den nächsten Termin eine kleine Präsentation vorbereiten. ’Wrap it nicely’ – diese Fähigkeit ist für Controller heute sehr wichtig.“ Erbsen zählen längst die Computer, Aufgabe der Controller ist es, sie leicht verdaulich zu verpacken.
Und die Zukunft? Überflüssig wird die Berufsgruppe auf keinen Fall. Wie formulierte es einer der Chef-Controller eines Dax-Unternehmens: „Je komplexer die Welt umso wichtiger wird Controlling. Die Frage ist nur, wann der Zeitpunkt erreicht ist, wo auch wir nicht mehr helfen können.“
