0 Bewertungen
06.11.2007 
Frauenquote

Die Jungs am Schlips packen

von Cornelia Schmergal, Wirtschaftswoche

Männer müssen einen Teil ihrer Macht abgeben: Um ein ambitioniertes Ziel zu erreichen, hat das Gleichstellungs-Wunderland Norwegen eine Frauenquote in Aufsichtsräten eingeführt. Allen Unternehmen, die sie verfehlen, drohen ab Januar drakonische Strafen. Viele Unternehmen dürften nun in Panik verfallen.

Schwere Zeiten für Wikinger - zumindest in Aufsichtsräten: Norwegischer Fußballfan. Foto: apLupe

Schwere Zeiten für Wikinger - zumindest in Aufsichtsräten: Norwegischer Fußballfan. Foto: ap

OSLO. Wenn Karita Bekkemellem über Männer spricht, dann stößt sie die Ellbogen fest auf die Tischplatte und zerrt mit beiden Händen an einer imaginären Krawatte. Manchmal müsse man „die Jungs in der Wirtschaft einfach am Schlips packen“, sagt Norwegens Gleichstellungsministerin dabei – und ihnen beibringen, was das Beste für sie sei. Und was das Beste für die norwegische Wirtschaftswelt sein soll, das hat die sozialdemokratische Regierung in einem Gesetz festgeschrieben: Männer müssen einen Teil ihrer Macht künftig an Frauen abgeben. Im staatlichen Auftrag gewissermaßen, was manchem Herrn nun tatsächlich die Luft abschnürt.

Als erstes Land der Welt hat Norwegen eine Frauenquote für Aufsichtsräte eingeführt. Seit Anfang 2006 müssen alle staatlichen Unternehmen mindestens 40 Prozent ihrer Aufsichtsratsmandate mit Frauen besetzen. Von Januar an wird diese Regel auch auf die Privatwirtschaft ausgeweitet. Börsennotierten Aktiengesellschaften, die dann an der 40-Prozent-Quote scheitern, drohen drakonische Strafen: Das Gesetz sieht schlimmstenfalls gar eine Zwangsauflösung der Unternehmen vor.

Inzwischen sind in Norwegen viele Wirtschaftsbosse in Panik verfallen. Jedes dritte private Unternehmen hat noch immer nicht genügend Frauen in sein oberstes Gremium bugsiert. Bis das Gesetz in Kraft tritt, bleiben aber nur noch zwei Monate.

Anders als in Deutschland, wo Aufsichtsräte den Vorstand kontrollieren, verfügt Norwegen über eine einstufige Unternehmensverfassung: Aufsichtsrat und Vorstand sind im „Board“ zusammengefasst, lenken das Unternehmen und verfügen über großen Einfluss. Auch deshalb ist die Quote selbst im Gleichstellungs-Wunderland Norwegen umstritten. Ministerin Bekkemellem erzählt, dass sie noch nie in ihrer Karriere so oft von Männern beschimpft und unter Druck gesetzt worden sei.

Auf der einen Seite stichelt etwa die feministische Frauenzeitschrift „Fett“, bislang würden „Quotenmänner von ihren Bruderschaften in die Aufsichtsräte gehievt“. Weil die weibliche Hälfte der Bevölkerung konsequent benachteiligt würde, sei die Quote unbedingt nötig. Auf der anderen Seite maulen Firmenpatriarchen, es gebe überhaupt nicht genügend qualifizierte Frauen, und man fühle sich beinahe genötigt, die eigene Gattin nebst Schwiegertochter an der Unternehmensspitze zu platzieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Männer beschweren sich bei der Ombudsfrau

So sind die Arbeitgeberverbände längst dazu übergegangen, weibliche Führungskräfte in Seminaren für Aufsichtsratsposten fit zu machen. Zwei Millionen Euro jährlich lassen Wirtschaft und Regierung sich die Kurse kosten, an denen bereits 500 Frauen teilgenommen haben. „Unsere Mitglieder halten zwar nichts von der Quote, aber sie reagieren auf das Gesetz“, sagt Nina Solli, Gleichstellungsmanagerin beim Hauptverband der Norwegischen Wirtschaft (NHO), der 17 000 Unternehmen vertritt.

Allerdings räumt Solli ein, dass die Quote schon einiges bewegt habe. Noch 2005 habe der Frauenanteil in norwegischen Aufsichtsräten bei durchschnittlich 18,9 Prozent gelegen. Für Oktober 2007 hat der NHO einen Anteil von 34,1 Prozent errechnet. Die Frauen würden sich daranmachen, eigene Netzwerke zu bilden. „Und sie trauen sich endlich etwas zu“, sagt Solli.

Damit jedoch kann das vermeintlich starke Geschlecht nur schwer umgehen. Bei der Ombudsfrau für Gleichstellung, die Diskriminierung von Geschlechts wegen bekämpfen soll, sind Dutzende von Beschwerden eingegangen – geschrieben von Männern, die sich aus ihren Spitzenjobs verdrängt fühlen. „Die Männer sind verunsichert“, sagt Ombudsfrau Beate Gangas.

In Norwegen allerdings streiten die Regierungsmitglieder selbst darüber, ob sie im Januar tatsächlich Privateigentum auflösen sollen, falls Unternehmen die Quote verfehlen. Wirtschaftsminister Dag Terje Andersen beruhigt versöhnlich, dass es „erst mal nur Abmahnungen“ geben werde. Doch Gleichstellungsministerin Bekkemellem droht, die Regierung werde alle Instrumente nutzen, die das Gesetz zur Verfügung stelle. „Ich kann darin keinen Skandal erkennen“, sagt sie.

Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 44, 29.10.2007.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Zu spät, zu teuer  Artikel in Merkliste

09.10.2008 von Eric Bonse

Man muss ein unerschütterlicher Optimist sein, um noch an die Zukunft des europäischen Satellitensystems Galileo zu glauben. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Jenseits der Panik  Artikel in Merkliste

08.10.2008 von Frank Wiebe

Zugegeben, es fällt schwer, das berühmte Licht am Ende des Tunnels oder Silberstreifen am Horizont zu entdecken. Selbst eine Hilfsaktion der Notenbanken und Regierungen kann die Märkte nur mit Mühe wenigstens zeitweise beruhigen. Dennoch: In einigen Jahren werden rückblickend vielleicht feststellen, dass in diesen Tagen die Wende zum Guten ihren Anfang nahm. Kommentar

weiterHandelsblatt Quiz

Werbesprüche-Quiz: Auf Kundenfang mit dem Wir-Gefühl

Los geht's!Seit 1990 ist „Wir“ das wichtigste Wort in der Werbesprache. Wissen Sie, wer noch mit dem Sinn für Gemeinschaft auf Kundenfang geht?
Testen Sie Ihr Wissen!
Anzeige