Was passiert, wenn es keinen Boss und keine Hierarchien gibt – Anarchie und Chaos? Nicht unbedingt. Die Tierwelt zeigt: Kopflosigkeit kann für das Überleben in der globalisierten Welt sogar sehr vorteilhaft sein.
Obwohl die Spinne sicherlich geschickt ist, was das Überleben unter schwierigen Bedingungen angeht - wenn sie den Kopf verliert, stirbt sie. Foto: ap
Der Seestern etwa ist eine ganz erstaunliche Spezies. Er besitzt keine Befehlszentrale, kein Gehirn, nur ein diffuses Nervennetz. Fängt ein Arm an, sich zu bewegen, muss er die anderen überzeugen mitzukommen. Halbiert man ihn, wachsen die Arme nach, und man hat zwei Seesterne. Anders die Spinne. Verliert sie den Kopf, stirbt sie.
Dezentrale Organismen können zentralistischen überlegen sein – gerade im Wirtschaftsleben bei immer komplexeren Anforderungen der digitalen Welt. Dies beschreiben die Stanford-Absolventen Ori Brafman und Rod A. Beckström im US-Bestseller „Der Seestern und die Spinne. Die beständige Stärke einer kopflosen Organisation“ (im Oktober auf Deutsch bei Wiley).
Scheinbar chaotische Gruppen, die nach dem Seesternprinzip kopflos agieren, hätten etablierte Spinnen ins Straucheln gebracht. Beispiel Musikbranche: Zur Jahrtausendwende noch teilten sich fünf Spinnen 80 Prozent des Marktes, in nur fünf Jahren krempelten Internet-Tauschnetze alles um. Als die Spinnen den Seestern Napster ausgeschaltet hatten, tauchten neue Seesterne wie Grokster oder eMule auf. Keiner weiß, wer eMule gründete, es gibt keinen Zentralserver – also keinen Kopf, den man attackieren kann.
Bei Seesternen seien Macht und Wissen überall verteilt, erklären die Autoren. Sie seien extrem flexibel und wüchsen rasant. Was sie antreibe, seien allein die gemeinsamen Ziele und Werte. Ein Ideengeber wie Jimmy Wales von Wikipedia setzt einen Seestern in Gang und übergibt vertrauensvoll die Zügel der Gemeinschaft. Er ist bloß Katalysator. Traditionelle Manager dagegen haben Macht, kontrollieren – und können Kreativität hemmen. Bei Wikipedia ist das anders. Das Online-Lexikon bietet Interessierten ein offenes System für ihre Ziele, sie wollen beitragen – auch wenn sie nur indirekt profitieren.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Kriminelle Seesternorganisationen nutzen.Seesternorganisationen jedoch werden oft auch für Kriminelles genutzt. Beispiel El Kaida: Die Autoren halten das Terrornetz für so bedrohlich, weil Osama bin Laden nur Inspirator sei. Ihn zu eliminieren betrachten sie somit als zwecklose Strategie.
Sind Seesterne unbesiegbar? Nein, sie zerfallen, sobald man ihr Wertesystem zerstört. Für Wikipedia etwa wäre viel Geld gefährlich. Gibt man dem Katalysator Macht, mutiert der Seestern zur Spinne.
Die Spinne aber sollte schlau sein und vom Seestern etwas abschauen, raten Brafman und Beckström. Sie loben hybride Unternehmen wie Ebay oder IBM, die etwa die Kundenseite dezentralisiert haben. Statt in den Kampf mit dem offenen Quellcode Linux zu treten, stellte IBM 600 Entwickler dafür ab und nutzt kostenlos das Wissen von Tausenden Entwicklern.
Auch Toyotas dezentrale Innovationsteams lassen viel Freiheit für Kreativität. Fazit: Dezentralisierung in Netzwerken ist überlebenswichtig. Doch dafür brauchen Firmen eine netzwerkfähige Führung. Schon Laotse wusste: Der beste Anführer ist der, von dessen Existenz die Leute kaum etwas wissen.
