0 Bewertungen
25.09.2007 
Business-Wissen

Die Macht der Kopflosen

von Katrin Terpitz

Was passiert, wenn es keinen Boss und keine Hierarchien gibt – Anarchie und Chaos? Nicht unbedingt. Die Tierwelt zeigt: Kopflosigkeit kann für das Überleben in der globalisierten Welt sogar sehr vorteilhaft sein.

Obwohl die Spinne sicherlich geschickt ist, was das Überleben unter schwierigen Bedingungen angeht - wenn sie den Kopf verliert, stirbt sie. Foto: ap Lupe

Obwohl die Spinne sicherlich geschickt ist, was das Überleben unter schwierigen Bedingungen angeht - wenn sie den Kopf verliert, stirbt sie. Foto: ap

Der Seestern etwa ist eine ganz erstaunliche Spezies. Er besitzt keine Befehlszentrale, kein Gehirn, nur ein diffuses Nervennetz. Fängt ein Arm an, sich zu bewegen, muss er die anderen überzeugen mitzukommen. Halbiert man ihn, wachsen die Arme nach, und man hat zwei Seesterne. Anders die Spinne. Verliert sie den Kopf, stirbt sie.

Dezentrale Organismen können zentralistischen überlegen sein – gerade im Wirtschaftsleben bei immer komplexeren Anforderungen der digitalen Welt. Dies beschreiben die Stanford-Absolventen Ori Brafman und Rod A. Beckström im US-Bestseller „Der Seestern und die Spinne. Die beständige Stärke einer kopflosen Organisation“ (im Oktober auf Deutsch bei Wiley).

Scheinbar chaotische Gruppen, die nach dem Seesternprinzip kopflos agieren, hätten etablierte Spinnen ins Straucheln gebracht. Beispiel Musikbranche: Zur Jahrtausendwende noch teilten sich fünf Spinnen 80 Prozent des Marktes, in nur fünf Jahren krempelten Internet-Tauschnetze alles um. Als die Spinnen den Seestern Napster ausgeschaltet hatten, tauchten neue Seesterne wie Grokster oder eMule auf. Keiner weiß, wer eMule gründete, es gibt keinen Zentralserver – also keinen Kopf, den man attackieren kann.

Bei Seesternen seien Macht und Wissen überall verteilt, erklären die Autoren. Sie seien extrem flexibel und wüchsen rasant. Was sie antreibe, seien allein die gemeinsamen Ziele und Werte. Ein Ideengeber wie Jimmy Wales von Wikipedia setzt einen Seestern in Gang und übergibt vertrauensvoll die Zügel der Gemeinschaft. Er ist bloß Katalysator. Traditionelle Manager dagegen haben Macht, kontrollieren – und können Kreativität hemmen. Bei Wikipedia ist das anders. Das Online-Lexikon bietet Interessierten ein offenes System für ihre Ziele, sie wollen beitragen – auch wenn sie nur indirekt profitieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 2:
Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Forum Diskussionen zu diesem Beitrag im Forum
  Alle anzeigen
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Bitterer Beigeschmack  Artikel in Merkliste

04.09.2008 von Thomas Wiede

Das Schlimmste scheint überstanden zu sein: BP hat sich mit seinen russischen Partner darauf verständigt, wie es beim umkämpften Ölkonzern TNK-BP weiter gehen soll. Als Sieger dürfen sich bei dem Kompromiss, den die beiden zerstrittenen Partnern bekanntgegeben haben, die Russen fühlen. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Die nächste Revolution  Artikel in Merkliste

04.09.2008 von Siegfried Grass

Die Ernährungsprobleme der Menschhheit lassen sich lösen - vorausgesetzt, die Agrarbiotechnologie bekommt eine Chance. Kommentar

weiterHandelsblatt Quiz

Werbesprüche-Quiz: Auf Kundenfang mit dem Wir-Gefühl

Los geht's!Seit 1990 ist „Wir“ das wichtigste Wort in der Werbesprache. Wissen Sie, wer noch mit dem Sinn für Gemeinschaft auf Kundenfang geht?
Testen Sie Ihr Wissen!
Anzeige