Um auszukundschaften, was der Wettbewerber plant, beschäftigen Unternehmen heute eigene Geheimagenten. Deren Aufgaben gehen zuweilen weit über klassische Marktforschung hinaus. Manche Spione von der Konkurrenz arbeiten mit fragwürdigen Methoden. Dabei gehen die meisten Firmen viel zu leichtfertig mit ihren Betriebsgeheimnissen um.
DÜSSELDORF. Sie sind mitten im Krieg. Und sie merken nicht einmal, dass der Feind sie belagert, ausspäht und an neuen Angriffsstrategien feilt. Die Rede ist von ahnungslosen Unternehmen, die ins Visier von Spionen der Konkurrenz geraten sind. Und die haben es auf die Kronjuwelen abgesehen: Kundendaten, Produkte, Marketingkonzepte, Fusionspläne. Solche Informationen sind Millionen wert. Geraten sie in falsche Hände, stehen Marktanteile oder gar die Existenz auf dem Spiel.
Schlagzeilen machte der Fall von SAP und Oracle. Das US-Softwareunternehmen wirft dem Rivalen SAP vor, über die Tochter Tomorrow Now illegal Daten von Oracle-Rechnern heruntergeladen zu haben. SAP-Chef Henning Kagermann räumte zwar „unangemessene Datenabrufe“ ein, bestritt aber vehement einen breit angelegten Diebstahl und eine Verletzung der Eigentumsrechte. Die Sache beschäftigt nun ein Gericht in San Francisco.
Im Kampf um einen Wissensvorsprung findet ein weltweites Wettrüsten statt: Unternehmen haben dafür eigene Nachrichtendienste aufgebaut, Abteilungen für so genannte Competitive Intelligence (CI). Ihre Aufgabe ist es, systematisch Informationen über Markttrends, Patente, Technologien und Kundenerwartungen zu sammeln.
Mittlerweile unterhalten rund 80 Prozent der mittleren und großen Unternehmen weltweit solche Einheiten. Dies schätzt der Branchenverband der CI-Profis, SCIP, der hier durch das Deutsche Competitive Intelligence Forum vertreten ist. Reden will jedoch kaum ein Unternehmen darüber. Das Image von CI-Abteilungen ist nicht ohne Makel.
„Mit Industriespionage hat mein Job nichts zu tun, eher mit dem, was man früher unter Marktforschung verstand“, sagt Andrea Pütz, die als Wettbewerbsanalytikerin im Darmstädter Chemieunternehmen Ticona arbeitet. Sie nutzt ausschließlich öffentliche und legale Quellen wie Finanzberichte, Zeitungsartikel und Fachbücher. Zudem befragt sie Kollegen und Experten. Alle Informationsteilchen fügt sie dann in einem Bericht für den Vorstand zusammen. Dieser dient als wichtiger Wegweiser für die Strategie des Unternehmens.
Pütz hält sich bei ihrer Arbeit an den Ethikkodex des Branchenverbandes SCIP. „Jeder CI-Profi sollte nur solche Aktionen initiieren, die er auch vertreten könnte, wenn sie morgen in der Zeitung stünden“, fasst Rainer Michaeli, Direktor des Instituts für Competitive Intelligence, diesen Kodex zusammen. Das Institut bildet Marktanalysten zu CI-Profis weiter. Auf der Referenzliste stehen Unternehmen wie Lufthansa, Deutsche Bank, Siemens, SAP und Schering.
„Von möglichen Negativschlagzeilen lassen sich die meisten CI-Profis nicht abhalten“, ist hingegen Spionage-Experte Udo Ulfkotte überzeugt. Immerhin seien gerade die Daten von großem Interesse, die nicht frei zugänglich seien. „Der Druck auf Unternehmen ist durch die weltweite Konkurrenz enorm. Für wichtige Informationen überschreiten Konzerne deshalb ethische Grenzen“, beobachtet Ulfkotte. Zudem gebe es Kulturen, in denen Spionage ganz anders beurteilt werde als in Deutschland. In China etwa werde Industriespionage gar nicht als verwerflich angesehen, weiß der Spionage-Experte.
Denn oft machen es die Ausgespähten den Industriespionen nur allzu leicht. Geschickt nutzen sie Sicherheitslücken und die Naivität der Mitarbeiter aus. Im Selbstversuch testete Ulfkotte, wie eine deutsche Solarfirma mit sensiblen Firmendaten umging. Mit holländischen Akzent rief er in der deutschen Zentrale an und gab sich als Kollege der niederländischen Tochterfirma aus. Er wolle sich für ein Meeting informieren.
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Innerhalb weniger Minuten erzählte ihm ein Ingenieur, aus welchen Materialien die Solarzellen-Beschichtung besteht und wie sie aufgetragen wird. Ulfkotte wundert nun nicht mehr, dass chinesische Firmen deutsche als Marktführer in der Solarbranche abgehängt haben. Juristisch jedoch ist solch ein Vorgehen kaum angreifbar, betont der Experte: „Es ist kein Straftatbestand, in einem Gespräch zu lügen. Die Informationen wurden mir ja freiwillig gegeben.“
Wie Ulfkotte gehen auch die echten Industriespione vor: Sie geben sich als Kunde, Doktorand oder Headhunter aus, kontaktieren ehemalige Mitarbeiter und lassen sich erklären, wie die Arbeit konkret aussieht. Auf Messen mimen sie den Technikfreak und verwickeln Mitarbeiter geschickt in Fachgespräche. Denen kommen schnell mal intime Details zum neuen Produkt über die Lippen.
„Einen Maulwurf beim Wettbewerber einzuschleusen, ist meist gar nicht nötig“, weiß Ulfkotte. Ein solcher muss sich gerade in den USA vor Gericht verantworten. Ein Ex-Ingenieur von Boeing soll Industriespionage für China begangen haben. Dongfan „Greg“ Chung wird vorgeworfen, vertrauliche Informationen über Raumfahrtprogramme an die Volksrepublik weitergegeben zu haben.
Wie James Bond & Co. nutzen auch Industriespione modernste Technik, um an interne Firmendaten zu gelangen. Besondere Vorsicht ist bei Werbegeschenken geboten, warnt Ulfkotte. Kugelschreiber mit eingebautem GPS-Sender etwa liefern wertvolle Informationen darüber, welche Kunden und Geschäftspartner der Manager der Konkurrenz gerade besucht. Ebenfalls effektiv: die verwanzte Kaffeekanne. Hiermit versorgt die Sekretärin nicht nur die Teilnehmer geheimer Konferenzen mit Heißgetränken, sondern gleich auch mithörende Wettbewerber mit vertraulichen Informationen.
Die wachsende Spionagegefahr ruft Experten wie Christian Muth von Fink Secure Communication auf den Plan. Der Ex-Bundeswehr-Offizier arbeitet in der Competitive Intelligence Defense, der Abwehr von Industriespionage. Hat ein Unternehmen den Verdacht, dass ein Mitarbeiter abgehört wird, rückt Muth schon mal nachts im Betrieb an. Die Profis untersuchen Steckdosen, nehmen Aktenschränke auseinander und schauen in jede Blumenvase. Dann bauen sie das Büro haargenau wieder so auf, wie sie es vorgefunden haben. Denn der Mitarbeiter soll von alledem nichts merken – er könnte ja mit den Spionen unter einer Decke stecken.
Am meisten verwundert Muth die Sorglosigkeit vieler Beschäftigter: Passwörter, Safeschlüssel und Geheimdokumente liegen offen in der Schublade, so dass auch die Putzkolonne problemlos zugreifen könnte. Seine Arbeit sieht Muth manchmal als Kampf gegen Windmühlen. „Viele Firmen fragen sich heute noch, ob sie überhaupt bespitzelt werden. Die richtige Frage müsste aber lauten: Wo ist die Gefahr für mein Unternehmen am größten?“
