Innerhalb weniger Minuten erzählte ihm ein Ingenieur, aus welchen Materialien die Solarzellen-Beschichtung besteht und wie sie aufgetragen wird. Ulfkotte wundert nun nicht mehr, dass chinesische Firmen deutsche als Marktführer in der Solarbranche abgehängt haben. Juristisch jedoch ist solch ein Vorgehen kaum angreifbar, betont der Experte: „Es ist kein Straftatbestand, in einem Gespräch zu lügen. Die Informationen wurden mir ja freiwillig gegeben.“
Wie Ulfkotte gehen auch die echten Industriespione vor: Sie geben sich als Kunde, Doktorand oder Headhunter aus, kontaktieren ehemalige Mitarbeiter und lassen sich erklären, wie die Arbeit konkret aussieht. Auf Messen mimen sie den Technikfreak und verwickeln Mitarbeiter geschickt in Fachgespräche. Denen kommen schnell mal intime Details zum neuen Produkt über die Lippen.
„Einen Maulwurf beim Wettbewerber einzuschleusen, ist meist gar nicht nötig“, weiß Ulfkotte. Ein solcher muss sich gerade in den USA vor Gericht verantworten. Ein Ex-Ingenieur von Boeing soll Industriespionage für China begangen haben. Dongfan „Greg“ Chung wird vorgeworfen, vertrauliche Informationen über Raumfahrtprogramme an die Volksrepublik weitergegeben zu haben.
Wie James Bond & Co. nutzen auch Industriespione modernste Technik, um an interne Firmendaten zu gelangen. Besondere Vorsicht ist bei Werbegeschenken geboten, warnt Ulfkotte. Kugelschreiber mit eingebautem GPS-Sender etwa liefern wertvolle Informationen darüber, welche Kunden und Geschäftspartner der Manager der Konkurrenz gerade besucht. Ebenfalls effektiv: die verwanzte Kaffeekanne. Hiermit versorgt die Sekretärin nicht nur die Teilnehmer geheimer Konferenzen mit Heißgetränken, sondern gleich auch mithörende Wettbewerber mit vertraulichen Informationen.
Die wachsende Spionagegefahr ruft Experten wie Christian Muth von Fink Secure Communication auf den Plan. Der Ex-Bundeswehr-Offizier arbeitet in der Competitive Intelligence Defense, der Abwehr von Industriespionage. Hat ein Unternehmen den Verdacht, dass ein Mitarbeiter abgehört wird, rückt Muth schon mal nachts im Betrieb an. Die Profis untersuchen Steckdosen, nehmen Aktenschränke auseinander und schauen in jede Blumenvase. Dann bauen sie das Büro haargenau wieder so auf, wie sie es vorgefunden haben. Denn der Mitarbeiter soll von alledem nichts merken – er könnte ja mit den Spionen unter einer Decke stecken.
Am meisten verwundert Muth die Sorglosigkeit vieler Beschäftigter: Passwörter, Safeschlüssel und Geheimdokumente liegen offen in der Schublade, so dass auch die Putzkolonne problemlos zugreifen könnte. Seine Arbeit sieht Muth manchmal als Kampf gegen Windmühlen. „Viele Firmen fragen sich heute noch, ob sie überhaupt bespitzelt werden. Die richtige Frage müsste aber lauten: Wo ist die Gefahr für mein Unternehmen am größten?“
