Von Erschöpfung kann auch Kommunikationsexpertin Anja Bauer (Name geändert) ein Lied singen. Für ihren neuen Job in Stuttgart fuhr sie jeden Freitagabend in völlig überfüllten Züge zurück nach Hannover. An Platzreservierung war nicht zu denken, da die 38-Jährige nie wusste, wann sie das Büro verlassen würde. Die häufigen Zugverspätungen gingen ihr bald gehörig auf die Nerven. „Am Wochenende konnte ich nicht wirklich entspannen, da ich schon Sonntagnachmittag losmusste.“ Jeden Montag fühlte sie sich wie gerädert. Mittlerweile bezieht sie ihre neue Wohnung in Stuttgart.
Was Extrempendlern zu schaffen macht, ist oft die fehlende Lebens- und Freizeit. „Wer ständig unterwegs ist, vermisst meist die zwei, drei Stunden täglich in der Partnerschaft, mit Kindern und Freunden. Und er versucht oft, alles geballt am Wochenende nachzuholen“, sagt Wagenpfeil. Das führt erneut zu Überforderung.
„Der ständige Zwang, sich organisieren zu müssen, wird ebenfalls als Belastung empfunden“, weiß Antje Ducki, Professorin an der Technischen Fachhochschule in Berlin. Die Psychologin befragte 270 Pendler diverser Bundesministerien. Deren Gesundheitszustand unterschied sich signifikant von dem der Kollegen. Sie klagten über weniger Arbeitsfreude, somatische Beschwerden und waren anfälliger für Depression.
Allerdings: Sind die Ausgangsbedingungen gut, schlägt sich der ständige Ortswechsel nicht so negativ nieder. „Dazu zählen eine stabile Partnerschaft und eine entsprechende innere Haltung wie Offenheit für Neues“, sagt Ducki. Besonders wichtig für Pendler ist ein gutes Arbeitsklima. „Da ihnen unter der Woche die Kompensationsmöglichkeiten fehlen, schlagen Konflikte im Job stärker durch als bei anderen. Zudem ist für sie wichtig zu wissen, dass sich die Last, die sie täglich oder wöchentlich auf sich nehmen, auch lohnt.“ So trägt das Verständnis von Chef und Kollegen viel dazu bei, damit die Situation als weniger stressreich empfunden wird. „Ganz besonders wichtig ist, dass Pendler über höchst flexible Arbeits- und Anwesenheitszeiten verfügen“, sagt Ducki. Das bietet etwa der Schweizer Pharmakonzern Roche, der seit jeher viele Mitarbeiter hat, die täglich aus Deutschland oder Frankreich zur Arbeit anreisen.
So manche Firma weiß zudem die Vorzüge der Wochenendpendler zu schätzen. Denn unter der Woche legen die den Turbo ein. Sie können sich ganz auf die Arbeit konzentrieren und Überstunden machen, ohne dass die Familie mit dem Abendessen quengelt. Gleitende Arbeitszeiten, wodurch sie erst Montag früh aufbrechen und etwa freitags von zu Hause arbeiten können, erhöht die Motivation zusätzlich. Gerade Mittelständler könnten durch solche flexiblen Modelle Talente locken, die sonst nie in die Provinz ziehen würden.
Wolfgang Lichius, Vizepräsident der Personalberatung Kienbaum, weiß jedoch: Firmen sehen es nicht gerne, wenn wichtige Mitarbeiter pendeln. Lichius: „Denn irgendwann sind die das ständige Unterwegssein leid und sehen sich nach einem anderen Job um.“ Seit drei bis fünf Jahren aber – seitdem der Kampf um Talente härter wird – weiche vor allem in Großbetrieben die Meinung auf, ein Manager sollte seinen Wohnort in der Nähe haben. Auch Wagenpfeil sieht Arbeitgeber ihren Vielpendlern gegenüber mehr in der Pflicht. „Tage im Home-Office einlegen zu dürfen sollte heute selbstverständlich sein.“
