Sie sind die Missgeburten vieler Unternehmenskrisen: Firmenbestatter lassen im Auftrag der Eigentümer marode GmbHs verschwinden. Die Dummen sind die Gläubiger.
GERA/STUTTGART. Der Totengräber kam pünktlich. "14 Uhr: Notar!" stand auf dem Zettel, den ihm sein Boss Herbert Elders rübergeschoben hatte. Dazu eine Adresse im Ruhrgebiet und die Telefonnummer. Also war Karl H. rechtzeitig zur Stelle, setzte beim Notar seine Unterschrift unter die Papiere - und war nach wenigen Minuten Eigentümer und Geschäftsführer einer Pleitefirma. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.
600 Euro, mehr ließ der Boss diesmal nicht springen. Aber meckern wollte Karl H. nicht, er war schließlich nur der Strohmann, der tat, was er immer tat in solchen Fällen: "den Spaten rausholen". Rund drei Wochen später, Anfang 2005, war die von Karl H. übernommene INO GmbH-Marketing aus Dortmund fachgerecht ausgeplündert, verschoben und bestattet. Und mit ihr die Forderungen des Insolvenzverwalters und der Kunden: Ruhet in Frieden, ihr Gläubiger.
Firmenbestatter - in Deutschland betreiben sie ein lukratives Geschäft. Im Auftrag der Eigentümer übernehmen sie marode GmbHs. Sie verlagern den Firmensitz, lassen die Bücher verschwinden, setzen unauffindbare Geschäftsführer ein. Kommen die Gläubiger dahinter, ist es oft zu spät. Rechnungen kommen zurück: "Empfänger unbekannt verzogen".
Kunden finden die halbseidenen Dienstleister reichlich - trotz Wirtschaftsaufschwungs. Den Boom im Markt der Totengräber wird wohl auch das novellierte GmbH-Gesetz, das Justizministerin Brigitte Zypries derzeit vorbereitet, nicht abwürgen.
Frank Erdt schnaubt. "So läuft das Geschäft." Vier Jahre hat der 44-jährige Staatsanwalt aus Gera gegen Herbert Elders ermittelt, rund 700 solcher Firmenbestattungen hat er ihm und seinen Kumpanen nachgewiesen. Wenn der große Blonde, ein Typ wie Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, davon erzählt, wird sein Redefluss ein sprudelnder Quell. Details lässt er ungern weg. Dann spricht er lieber schneller.
Elders "Marbella-Connection", benannt nach der Residenz der Haupttäter in Südspanien, hat Staatsanwalt Erdt nahezu zerschlagen: "Rund 2 000 Straftaten sind zusammengekommen." Die Anklageschrift umfasste 750 Seiten. Erst vor wenigen Tagen wurde Elders, ein 66-jähriger Ex-Handelsschullehrer, der sich als Steuerberater ausgab, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Ein weiterer Drahtzieher bekam dreieinhalb. Das Verfahren gegen Karl H. läuft noch.
Doch das Gewerbe der Firmenbestatter gleicht der Hydra, gegen die der griechische Sagenheld Herakles antreten musste. Schlug er einen Kopf ab, wuchsen gleich zwei neue nach. "Fragen Sie mal die Kollegen in Berlin", sagt Erdt, und es klingt resigniert. "Da gibt es mittlerweile einen genauso großen Fall."
Nicht nur in Berlin. Es geschieht überall in Deutschland - in Gera, Berlin, aber auch in Stuttgart, München oder Köln. Firmenbestatter sind die Missgeburten von Firmenkrisen und die Totengräber der Zahlungsmoral. Wo Unternehmen am Ende sind, sind sie zur Stelle.
Die Zahl der Pleiten hier zu Lande ist unverändert hoch. Im ersten Halbjahr 2006 meldeten 22 207 Unternehmen Insolvenz an. Das sind exakt vier mehr als ein Jahr zuvor. Zugleich nimmt die Moral im Geschäftsleben ab. Die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit Firmenpleiten ist in den vergangenen Jahren nach oben geschnellt. Laut Bundeskriminalamt gab es anno 2004 14 902 Insolvenzstraftaten in Deutschland - rund 1 000 Fälle mehr als 2003. Und laut Schufa steigt die Zahl derjenigen stetig, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen.
Immer häufiger lautet das Motto: Rette sich, wer kann. Und nach mir die Sintflut.
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Auf diesem Nährboden gedeihen sie prächtig, dubiose Helfer mit dem Sinn für Schlupflöcher. Sie tricksen, sie täuschen. Die Dummen sind die Gläubiger, die noch ihr Geld fordern, wenn der Laden längst ausgeschlachtet und abgewickelt ist. "Vor allen mittelgroße Handwerksbetriebe bedienen sich solcher Firmenbestatter", sagt Michael Pluta.
Aus seiner Kanzlei im 14. Stock eines ovalen Büroturms hat Pluta eine schöne Rundumsicht auf Stuttgart. Hinten die Daimler-Chrysler-Zentrale, vorn im Tal die City. Pluta hat den Überblick - auch im Bestatter-Business. Mitten auf dem ovalen Tisch im Besprechungszimmer steht eine Kiste, randvoll mit Bestatter-Fällen. "Im Jahr bekommen wir mindestens zehn davon", sagt Pluta.
Er gehört zu den Top-Insolvenzverwaltern in Deutschland, ein kräftiger Mann mit vollem grauem Haar, einer, der Erfolg ausstrahlt, dem man glaubt, dass er zupacken kann. Das muss er als Insolvenzverwalter auch. Kräftig und schnell. Denn die Firmenbestatter werden immer dreister.
Je nach Ausgangslage verstehen die sich sogar auf Sonderbestattungen. Wie im Kirgisen-Fall.
Den bekam Michael Pluta im April auf den Tisch. Tatort: eine Stadt im Badischen. Dort hatte Firmenchef Peter K. 400 000 Euro Schulden angehäuft, eigentlich hätte er Insolvenz anmelden müssen. Doch stattdessen teilte er sein Unternehmen einfach auf - "in einen Plus- und einen Minus-Teil", erzählt Pluta.
Die Verlust-Tochter verkaufte K. für zwei Millionen Euro an eine eben erst gegründete tschechische Firma, Geschäftsführer wurde ein Weißrusse. "Der hatte noch nicht einmal eine Arbeitserlaubnis hier."
Der Weißrusse verschmolz beide Unternehmen miteinander. Anschließend ließ Peter K. den Kaufpreis abarbeiten, indem er Arbeitsleistungen der neuen Firma mit den Kaufpreisschulden verrechnete.
Als die Gläubiger schon nicht mehr durchblickten, machte K. seinen letzten Zug: Er ersetzte den Weißrussen durch einen Kirgisen. Der ließ über einen tschechischen Anwalt die Bücher der Firma anfordern - und meldete prompt Insolvenz an. Die Geschäftsunterlagen sind seither verschollen, Michael Pluta hat Strafanzeige erstattet. "Das ist bisher der krasseste Fall", sagt der Insolvenzverwalter. Ausgang offen.
Ob Kirgisien oder Marbella - klar ist: Die Täter kennen sich aus im deutschen Insolvenzdschungel. Und machen sich ihn zu Nutze.
Ihr Lieblingsobjekt: zahlungsunfähige oder überschuldete GmbHs. Deren Geschäftsführer müssen eigentlich binnen drei Wochen beim Amtsgericht Insolvenz anmelden.
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Doch nichts fürchten die Firmenchefs mehr als das. Denn im Insolvenzverfahren muss nicht nur das Unternehmensvermögen dran glauben, auch privaten Werten geht es an den Kragen. Außerdem droht strafrechtliche Verfolgung, wenn sich herausstellt, dass die Insolvenzanmeldung verschleppt wurde.
Firmeninhaber vor dem Ruin versuchen deshalb oft, noch schnell ihr Vermögen verschwinden zu lassen - bevor der Insolvenzverwalter anrückt und mit ihm die Gläubiger. "In solchen Situationen stoßen die Inhaber dann auf so eine Werbung", sagt Staatsanwalt Frank Erdt.
Zurück nach Gera, zurück zur Marbella-Connection. Erdt zeigt die Kopie einer Annonce. Firmenbestatter Elders und seine Komplizen - darunter war auch ein Anwalt - schalteten solche Anzeigen in renommierten Blättern wie der "Welt", "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", "Frankfurter Rundschau" und auch im "Handelsblatt". "GmbH-Konkurs nicht nötig", heißt es da oder: "Bringen Sie Ihre Schäfchen ins Trockene."
Der Staatsanwalt nickt. Sehen Sie, so läuft?s. Es ist heiß in seinem Büro, in wenigen Stunden beginnt in Dortmund das WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien. Ein Kollege hat schon das Nationaltrikot an.
Doch Erdt ist im Geiste noch in Spanien. Erst einmal wurden die Alteigentümer beraten, erzählt er. Dafür schickte die Führungsriege um Herbert Elders so genannte "Repräsentanten" vor, die die Bedingungen der Firmenbestattung ausloteten. Nur um die Verträge kümmerten sich die Bosse noch selbst.
War alles geklärt, ging es ab zum Notar. Dort übernahmen Leute wie Karl H. die Firma und wurden Eigentümer und Geschäftsführer.
Strohmänner sind das A und O im Firmenbestatter-Gewerbe. Sie leben meist in Deutschland und halten ihre Adresse geheim oder arbeiten gleich mit falschen Pässen. Als Wohnadressen geben sie Anschriften im Ausland an. Spanien ist sehr beliebt. Sofern sie dort angeblich Büros haben, reduzierte sich das auf ein Postfach.
Oft setzte die Marbella-Bande sogar Obdachlose ein: "Gehen Sie mal in Berlin zum Bahnhof Zoo. Da finden Sie eine Menge Geschäftsführer", sagt Erdt und lacht.
Ein perfekter Trick, um die Gläubiger auszubremsen: Rechnungen oder Mahnungen kommen nicht mehr an. Stellen die Gläubiger ihrerseits Insolvenzanträge für die Pleitefirma, finden Insolvenzverwalter, Steuerprüfer und Polizei nichts - außer Klingelschildern. Auch die Buchführungsunterlagen sind natürlich längst vernichtet.
Für die Alteigentümer ist vor allem das wichtig. Denn ohne Beweise keine Strafverfolgung wegen Insolvenzverschleppung oder Betrug. Die meisten reden sich damit heraus, die Firma doch ganz ordnungsgemäß verkauft zu haben. Und zum Beweis, dass sie auch die Bücher übergeben haben, legen sie ein "Übernahmeprotokoll" vor - ordentlich quittiert vom unauffindbaren Totengräber.
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Firmen zu bestatten ist lukrativ. Pro Unternehmen kassierten die Marbella-Drahtzieher 5 000 bis 10 000 Euro. Bis zu fünf Millionen Euro sollen sie so verdient haben. 30 Prozent gingen an die "Repräsentanten", Strohmänner erhielten bis zu 1 000 Euro.
Und die Notare? Hätten die nicht eigentlich Verdacht schöpfen müssen? Strafverfolger Erdt schweigt beredt. Und sagt dann doch: "Das kann man sich an drei Fingern abzählen."
Teilweise gehörten zwar auch die Notare zu den Opfern der Marbella-Bande: Ihre eigenen Rechnungen kamen zurück, weil sie die gutgläubig an die Scheinadressen der Bestatter geschickt hatten. Doch die Drahtzieher um Herbert Elders konnten die Juristen besänftigen - wohl auch, weil sie mit Folgeaufträgen winkten. Anzeige erstattete niemand.
Dass die Marbella-Connection sich am Ende selbst begrub, hat sie Jutta S. zu verdanken. Die agile Frau, die zeitweise von Malaga aus bis zu 47 Firmen führte, bekam kalte Füße. Als sie auspackte, bekam Staatsanwalt Erdt endlich die Hintermänner zu fassen. Die beiden Haupttäter hatten sich zwischenzeitlich nach Spanien und Paraguay abgesetzt.
Doch das Übel der Firmenbestatterei ist damit keineswegs ausgerottet. Ein Blick in die Zeitung verheißt nichts Gutes. Neben Werbung für Haarwuchsmittel und Seniorenbetreuung finden sich etwa in der "Welt am Sonntag" noch immer Annoncen wie: "Pleite? Dann raus aus der Schuldenfalle" oder "Droht Insolvenzgefahr!!! ... Sofortiger GF- und Gesellschafterwechsel in notarieller Form binnen 24 Stunden möglich." Dazu eine Telefonnummer.
Erdt macht das misstrauisch. Berufserfahrung. Vielleicht seien das ja gerade Ausnahmen, aber "in der Regel stecken kriminelle Absichten dahinter". Unter der Telefonnummer der ersten Anzeige ist jedenfalls nur ein Tuten zu hören: Der Anschluss existiert schon nicht mehr.
Bei einer anderen Nummer meldet sich ein zutraulicher Berater. Natürlich könne man bei Straftaten in Deutschland nicht helfen, sagt der. Aber dann, ein Raunzen: "Wenn ich mal was verhunzt habe" und die Insolvenz "unsichtbar machen will, dann gibt es immer noch den englischen Weg".
Und dann kommt der Mann am Telefon zur Sache: Auf der britischen Insel werde eine Limited gegründet, eine englische Billig-GmbH. Die übernehme dann die Pleitefirma in Deutschland. Die Limited lasse sich sodann die Geschäftsunterlagen aus Deutschland kommen - und dürfe die Papiere nach englischem Recht sechs Wochen später vernichten. "Das ist völlig legal." - Wirklich?
Insolvenzverwalter Michael Pluta lacht. In Deutschland sei das Zur-Seite-Bringen von Geschäftsunterlagen strafbar, in England werde das nicht anders sein: "Das dürfte selbst in Kirgisien gelten."
Doch sind die Papiere erst einmal weg, das weiß auch Pluta, haben die Strafverfolger viel zu tun.
So wie die Berliner Staatsanwaltschaft, die zurzeit die Aktivitäten der in der Hauptstadt ansässigen Juricon GmbH unter die Lupe nimmt.
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"Gegen die Verantwortlichen des Unternehmens und mit diesen zusammenarbeitende Geschäftsführer" werde zurzeit ermittelt, heißt es bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Es geht - unter anderem - um Insolvenzverschleppung, Untreue sowie Verletzung der Buchführungspflichten. Die Juricon GmbH soll ein Firmenbestatter sein.
Die Firma wehrt sich auf ihrer Homepage gegen den Vorwurf illegaler Geschäfte: "Abwickeln", steht da, "heißt nicht beerdigen." Die angedeuteten Dienstleistungen, die Juricon anbietet, klingen jedoch sehr nach den üblichen Firmenbegräbnissen.
Für Polizei und Strafverfolger in Deutschland ist es manchmal auch ein Kampf in der Grauzone. Denn formal sind die Bestellung eines neuen Geschäftsführers und eine Sitzverlegung eines Unternehmens durchaus legal. Wer aber einer insolvenzreifen Firma hilft, im Verborgenen aus dem Leben zu scheiden, der macht sich zumindest der Anstiftung oder Beihilfe strafbar.
Jede Menge Arbeit also, und zwar in der gesamten Republik: Im Berliner Juricon-Fall geht die Staatsanwaltschaft zurzeit von rund 200 illegalen Firmenbestattungen aus. In München wird gegen sechs Männer und eine Frau ermittelt, die 300 Unternehmen beerdigt haben sollen.
Die Kollegen in Köln haben gerade acht Täter aburteilen lassen. Trotz 272 nachgewiesenen Fällen kamen die Bestatter mit Bewährungsstrafen davon. Frustrierend für die Strafverfolger: Sie hatten Ermittlungsakten durcharbeiten müssen, die so umfangreich waren, dass sie in der Tiefgarage gestapelt wurden - und 33 Stellplätze belegten.
In Berlin scheint diese Frustration mittlerweile angekommen zu sein. In ihrem Entwurf zur Novellierung des GmbH-Gesetzes hat Bundesjustizministerin Zypries auch Fallen für Firmenbestatter einbauen lassen.
Unter anderem sollen Alteigentümer leichter haftbar gemacht werden können, wenn Unternehmen pleite und deren Geschäftsführer nicht mehr greifbar sind. Insolvenzverwalter Pluta ist trotzdem skeptisch: "Die Täter werden schnell neue Ausweichstrategien entwickeln."
Geradezu witzig findet Pluta den Plan der Bundesregierung, dass das Handelsregister einen Firmenübergang künftig nur noch dann eintragen darf, wenn der Übernehmer eine zustellungsfähige Anschrift angibt. "Dann hätte man dem Kirgisen eben eine korrekte Anschrift in Deutschland verschafft", sagt er.
Auch die Marbella-Connection hätte das nicht aufgehalten. Karl H. und seine Totengräber-Kollegen besaßen anfänglich sogar noch Adressen in Deutschland. Ihre Post ließen sie sich aber einfach an einen Schein-Wohnsitz in Spanien nachsenden.
