0 Bewertungen
14.05.2008 
E-Business

Geschäft mit Hindernissen

von Markus Hennes

Gehört die Stahlindustrie zum alten Eisen? Nutzt die Branche moderne Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und elektronischen Geschäftsverkehr, neudeutsch E-Business genannt, zu wenig?

Old Economy? Bei Thyssen-Krupp läuft mittlerweile auch vieles Online.Lupe

Old Economy? Bei Thyssen-Krupp läuft mittlerweile auch vieles Online.

Die Ansicht, die Stahlindustrie sei rückständig, ist zwar verbreitet – aber falsch. Denn eine Forschungsstudie für das Generaldirektoriat Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommission kommt zu dem Ergebnis: Die Branche ist weder Vorbote noch Nachzügler, sie nutzt IKT und E-Business ähnlich intensiv wie das Verarbeitende Gewerbe insgesamt.

Seit dem Jahr 2001 lässt die EU im sogenannten E-Business Watch (http://www.ebusiness-watch.org) die Bedeutung des elektronischen Geschäftsverkehrs in unterschiedlichen Branchen untersuchen. Die bisherigen Studien zeigen: Geschäftsprozesse, die über computerisierte Netzwerke stattfinden – unternehmensintern, zwischen Unternehmen sowie mit Kunden – haben eine große Bedeutung. So können internetbasierte Prozesse die Produktivität steigern, Kosten senken und den Kundenservice verbessern.

Die Stahlindustrie haben die Wissenschaftler sich in diesem Jahr zum ersten Mal vorgenommen. Dabei stützen sie sich auf eine telefonische Umfrage unter 349 Stahlunternehmen in sieben europäischen Staaten und 100 Firmen in den USA mit jeweils mehr als zehn Beschäftigten. Zusätzlich wertete ein Konsortium aus mehreren Forschungseinrichtungen unter Leitung von Empirica zehn Fallstudien aus. Fast zwei Drittel der befragten großen Unternehmen sind überzeugt, dass IKT den Wettbewerb in der Branche intensiviert hat. 61 Prozent aller Unternehmen erklärten, dass E-Business sich in Zukunft auf Verwaltung und Rechnungswesen auswirken wird, und 51 Prozent sehen Auswirkungen auf Management und Controlling voraus. „Je mehr Führungspositionen in der Stahlindustrie durch die Internet-Generation besetzt werden, umso mehr wird die Akzeptanz von online abgewickelten Geschäftsprozessen steigen“, ist Georges Kirps, Vizepräsident des Stahlhandelsverbands Eurometal, überzeugt.

Doch zurzeit treiben die Stahlunternehmen ganz andere Probleme um, zeigt die Umfrage. Sie zögern mit weiteren Investitionen im elektronischen Geschäftsverkehr. „E-Business ist für die Stahlindustrie wichtig, aber in der brancheninternen Diskussion spielt es derzeit kaum eine Rolle“, bestätigt Stefan Lilischkis von der Empirica GmbH in Bonn die Studie zusammen. „Im Moment dominieren andere Themen – etwa die starke Verteuerung der Rohstoffe, der zunehmende Wettbewerbsdruck aus Asien sowie Fusionen und Übernahmen“, erläutert Enrico Gibellieri, von der European Steel Technology Platform. Nach Ansicht des Experten versprechen sich die Stahlunternehmen aktuell offenbar keine Verbesserung ihrer Rentabilität durch eine verbesserten Online-Zugang zu den Beschaffungs- und Absatzmärkten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Europäer hinken hinterher

Tatsächlich feiert die einst krisengeschüttelte Branche in diesem Jahrzehnt ein glänzendes Comeback. Ausgelöst durch den Wirtschaftsboom in China, steigt die weltweite Nachfrage nach Stahl, was die Verkaufspreise immer höher treibt. Das aktuelle Marktumfeld beschert den Produzenten und Distributeuren des wichtigen industriellen Vorprodukts Rekordgewinne. Erst wenn der Boom vorüber sei, würden sich die Stahlunternehmen wieder stärker dem Thema E-Business widmen, glaubt Empirica-Forscher Lilischkis. Dann seien weitere Anstrengungen auf diesem Feld notwendig, damit die Unternehmen aus Europa international wettbewerbsfähig blieben.

Denn, so zeigt die Umfrage, IKT und E-Business werden in Europa deutlich weniger genutzt als in den USA. Dies gilt vor allem für die Beschaffung. Auch auf der Verkaufsseite hat sich in den vergangenen 30 Jahren bei den europäischen Stahlfirmen recht wenig getan. Gewachsene persönliche Beziehungen zu Kunden haben den Vorrang. Und: Branchenkenner weisen noch auf ein weiteres Hemmnis für das E-Business in der Branche hin. „In der Stahldistribution spielen Transportkosten eine enorme Rolle“, erklärt Jürgen Nusser, Präsident der European Association of Steel Service Centers.

Es bringe einem Kunden nichts, x Webseiten von Produzenten und Händlern durchzukämmen. Denn, was er beim Einkauf spart, legt er bei den mit wachsender Entfernung steigenden Frachten wieder drauf. Nach Nussers Überzeugung ersetzt das Internet die klassischen Vertriebswege in der Branche nicht. Allerdings gewännen elektronische Systeme zur Unterstützung des Vertriebs an Bedeutung, insbesondere in der Logistik.

Thyssen-Krupp hat aber auch gute Erfahrungen mit E-Business beim Einkauf gemacht: Der größte deutsche Stahlhersteller installierte im Jahr 2000 eine offene elektronische Plattform für die Beschaffung allgemeiner Wirtschaftsgüter wie etwa Büromaterial. Bereits nach einen halben Jahr summierten sich die Einsparungen als Folge von niedrigeren Einkaufspreisen und Verbesserungen von Prozessabläufen auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Wegen des großen Erfolgs wurde die Plattform 2005 als „Thyssen-Krupp Strategic Sourcing“-System weltweit im Gesamtkonzern implementiert. „Wir können uns nicht mehr vorstellen, ohne das System zu arbeiten“, sagt Silke Rauhut, Teamleiterin in der Materialwirtschaft von Thyssen-Krupp Steel. Der Einkauf von Produktionsgütern wie Eisenerz erfolgt allerdings weiter wie eh und je: offline.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Zu spät, zu teuer  Artikel in Merkliste

09.10.2008 von Eric Bonse

Man muss ein unerschütterlicher Optimist sein, um noch an die Zukunft des europäischen Satellitensystems Galileo zu glauben. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Jenseits der Panik  Artikel in Merkliste

08.10.2008 von Frank Wiebe

Zugegeben, es fällt schwer, das berühmte Licht am Ende des Tunnels oder Silberstreifen am Horizont zu entdecken. Selbst eine Hilfsaktion der Notenbanken und Regierungen kann die Märkte nur mit Mühe wenigstens zeitweise beruhigen. Dennoch: In einigen Jahren werden rückblickend vielleicht feststellen, dass in diesen Tagen die Wende zum Guten ihren Anfang nahm. Kommentar

weiterHandelsblatt Quiz

Werbesprüche-Quiz: Auf Kundenfang mit dem Wir-Gefühl

Los geht's!Seit 1990 ist „Wir“ das wichtigste Wort in der Werbesprache. Wissen Sie, wer noch mit dem Sinn für Gemeinschaft auf Kundenfang geht?
Testen Sie Ihr Wissen!
Anzeige