Gehört die Stahlindustrie zum alten Eisen? Nutzt die Branche moderne Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und elektronischen Geschäftsverkehr, neudeutsch E-Business genannt, zu wenig?
Die Ansicht, die Stahlindustrie sei rückständig, ist zwar verbreitet – aber falsch. Denn eine Forschungsstudie für das Generaldirektoriat Unternehmen und Industrie der Europäischen Kommission kommt zu dem Ergebnis: Die Branche ist weder Vorbote noch Nachzügler, sie nutzt IKT und E-Business ähnlich intensiv wie das Verarbeitende Gewerbe insgesamt.
Seit dem Jahr 2001 lässt die EU im sogenannten E-Business Watch (http://www.ebusiness-watch.org) die Bedeutung des elektronischen Geschäftsverkehrs in unterschiedlichen Branchen untersuchen. Die bisherigen Studien zeigen: Geschäftsprozesse, die über computerisierte Netzwerke stattfinden – unternehmensintern, zwischen Unternehmen sowie mit Kunden – haben eine große Bedeutung. So können internetbasierte Prozesse die Produktivität steigern, Kosten senken und den Kundenservice verbessern.
Die Stahlindustrie haben die Wissenschaftler sich in diesem Jahr zum ersten Mal vorgenommen. Dabei stützen sie sich auf eine telefonische Umfrage unter 349 Stahlunternehmen in sieben europäischen Staaten und 100 Firmen in den USA mit jeweils mehr als zehn Beschäftigten. Zusätzlich wertete ein Konsortium aus mehreren Forschungseinrichtungen unter Leitung von Empirica zehn Fallstudien aus. Fast zwei Drittel der befragten großen Unternehmen sind überzeugt, dass IKT den Wettbewerb in der Branche intensiviert hat. 61 Prozent aller Unternehmen erklärten, dass E-Business sich in Zukunft auf Verwaltung und Rechnungswesen auswirken wird, und 51 Prozent sehen Auswirkungen auf Management und Controlling voraus. „Je mehr Führungspositionen in der Stahlindustrie durch die Internet-Generation besetzt werden, umso mehr wird die Akzeptanz von online abgewickelten Geschäftsprozessen steigen“, ist Georges Kirps, Vizepräsident des Stahlhandelsverbands Eurometal, überzeugt.
Doch zurzeit treiben die Stahlunternehmen ganz andere Probleme um, zeigt die Umfrage. Sie zögern mit weiteren Investitionen im elektronischen Geschäftsverkehr. „E-Business ist für die Stahlindustrie wichtig, aber in der brancheninternen Diskussion spielt es derzeit kaum eine Rolle“, bestätigt Stefan Lilischkis von der Empirica GmbH in Bonn die Studie zusammen. „Im Moment dominieren andere Themen – etwa die starke Verteuerung der Rohstoffe, der zunehmende Wettbewerbsdruck aus Asien sowie Fusionen und Übernahmen“, erläutert Enrico Gibellieri, von der European Steel Technology Platform. Nach Ansicht des Experten versprechen sich die Stahlunternehmen aktuell offenbar keine Verbesserung ihrer Rentabilität durch eine verbesserten Online-Zugang zu den Beschaffungs- und Absatzmärkten.
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Tatsächlich feiert die einst krisengeschüttelte Branche in diesem Jahrzehnt ein glänzendes Comeback. Ausgelöst durch den Wirtschaftsboom in China, steigt die weltweite Nachfrage nach Stahl, was die Verkaufspreise immer höher treibt. Das aktuelle Marktumfeld beschert den Produzenten und Distributeuren des wichtigen industriellen Vorprodukts Rekordgewinne. Erst wenn der Boom vorüber sei, würden sich die Stahlunternehmen wieder stärker dem Thema E-Business widmen, glaubt Empirica-Forscher Lilischkis. Dann seien weitere Anstrengungen auf diesem Feld notwendig, damit die Unternehmen aus Europa international wettbewerbsfähig blieben.
Denn, so zeigt die Umfrage, IKT und E-Business werden in Europa deutlich weniger genutzt als in den USA. Dies gilt vor allem für die Beschaffung. Auch auf der Verkaufsseite hat sich in den vergangenen 30 Jahren bei den europäischen Stahlfirmen recht wenig getan. Gewachsene persönliche Beziehungen zu Kunden haben den Vorrang. Und: Branchenkenner weisen noch auf ein weiteres Hemmnis für das E-Business in der Branche hin. „In der Stahldistribution spielen Transportkosten eine enorme Rolle“, erklärt Jürgen Nusser, Präsident der European Association of Steel Service Centers.
Es bringe einem Kunden nichts, x Webseiten von Produzenten und Händlern durchzukämmen. Denn, was er beim Einkauf spart, legt er bei den mit wachsender Entfernung steigenden Frachten wieder drauf. Nach Nussers Überzeugung ersetzt das Internet die klassischen Vertriebswege in der Branche nicht. Allerdings gewännen elektronische Systeme zur Unterstützung des Vertriebs an Bedeutung, insbesondere in der Logistik.
Thyssen-Krupp hat aber auch gute Erfahrungen mit E-Business beim Einkauf gemacht: Der größte deutsche Stahlhersteller installierte im Jahr 2000 eine offene elektronische Plattform für die Beschaffung allgemeiner Wirtschaftsgüter wie etwa Büromaterial. Bereits nach einen halben Jahr summierten sich die Einsparungen als Folge von niedrigeren Einkaufspreisen und Verbesserungen von Prozessabläufen auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Wegen des großen Erfolgs wurde die Plattform 2005 als „Thyssen-Krupp Strategic Sourcing“-System weltweit im Gesamtkonzern implementiert. „Wir können uns nicht mehr vorstellen, ohne das System zu arbeiten“, sagt Silke Rauhut, Teamleiterin in der Materialwirtschaft von Thyssen-Krupp Steel. Der Einkauf von Produktionsgütern wie Eisenerz erfolgt allerdings weiter wie eh und je: offline.
