Tatsächlich feiert die einst krisengeschüttelte Branche in diesem Jahrzehnt ein glänzendes Comeback. Ausgelöst durch den Wirtschaftsboom in China, steigt die weltweite Nachfrage nach Stahl, was die Verkaufspreise immer höher treibt. Das aktuelle Marktumfeld beschert den Produzenten und Distributeuren des wichtigen industriellen Vorprodukts Rekordgewinne. Erst wenn der Boom vorüber sei, würden sich die Stahlunternehmen wieder stärker dem Thema E-Business widmen, glaubt Empirica-Forscher Lilischkis. Dann seien weitere Anstrengungen auf diesem Feld notwendig, damit die Unternehmen aus Europa international wettbewerbsfähig blieben.
Denn, so zeigt die Umfrage, IKT und E-Business werden in Europa deutlich weniger genutzt als in den USA. Dies gilt vor allem für die Beschaffung. Auch auf der Verkaufsseite hat sich in den vergangenen 30 Jahren bei den europäischen Stahlfirmen recht wenig getan. Gewachsene persönliche Beziehungen zu Kunden haben den Vorrang. Und: Branchenkenner weisen noch auf ein weiteres Hemmnis für das E-Business in der Branche hin. „In der Stahldistribution spielen Transportkosten eine enorme Rolle“, erklärt Jürgen Nusser, Präsident der European Association of Steel Service Centers.
Es bringe einem Kunden nichts, x Webseiten von Produzenten und Händlern durchzukämmen. Denn, was er beim Einkauf spart, legt er bei den mit wachsender Entfernung steigenden Frachten wieder drauf. Nach Nussers Überzeugung ersetzt das Internet die klassischen Vertriebswege in der Branche nicht. Allerdings gewännen elektronische Systeme zur Unterstützung des Vertriebs an Bedeutung, insbesondere in der Logistik.
Thyssen-Krupp hat aber auch gute Erfahrungen mit E-Business beim Einkauf gemacht: Der größte deutsche Stahlhersteller installierte im Jahr 2000 eine offene elektronische Plattform für die Beschaffung allgemeiner Wirtschaftsgüter wie etwa Büromaterial. Bereits nach einen halben Jahr summierten sich die Einsparungen als Folge von niedrigeren Einkaufspreisen und Verbesserungen von Prozessabläufen auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Wegen des großen Erfolgs wurde die Plattform 2005 als „Thyssen-Krupp Strategic Sourcing“-System weltweit im Gesamtkonzern implementiert. „Wir können uns nicht mehr vorstellen, ohne das System zu arbeiten“, sagt Silke Rauhut, Teamleiterin in der Materialwirtschaft von Thyssen-Krupp Steel. Der Einkauf von Produktionsgütern wie Eisenerz erfolgt allerdings weiter wie eh und je: offline.
