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25.04.2008 
„Recruiting Trends 2008“

Goldfische im Netz ködern

von Katrin Terpitz

Personaler angeln sich Talente nicht mehr aus dem Goldfischbecken. Nein, ihre Goldfische fangen sie am besten im Netz. Denn dort, im Internet, tummeln sich heutzutage die begehrten Leistungsträger von morgen auf der Suche nach ihrem Traumjob. Neun von zehn offenen Stellen werden heute bereits auf den Firmen-Websites veröffentlicht.

DÜSSELDORF. "Schon 60 bis 70 Prozent aller Bewerbungen in Deutschland laufen heute über das Internet", sagt Wolfgang Brickwedde, Vorsitzender des Arbeitskreises Personalmarketing (DAPM), in dem sich Personalexperten von mehr als 40 großen Unternehmen austauschen.

"Die firmeneigene Karriere-Website ist zum wichtigsten Rekrutierungskanal für die Topkonzerne geworden - noch vor den Online-Jobbörsen", beobachtet Wolfgang Jäger, Professor für Personal- und Medienmanagement an der FH Wiesbaden. So auch bei Volkswagen: "Etwa 80 Prozent aller Bewerbungen kommen über unser Online-Portal herein", berichtet Hans Möller-Beick, -Jürgen Leiter Bewerbermanagement des Autobauers. Unternehmen wie Lufthansa gehen noch einen Schritt weiter: Sie akzeptieren praktisch nur noch Online-Bewerbungen über ihr Jobportal - Top-Positionen im Management ausgenommen.

Fakt ist: Neun von zehn offenen Stellen stehen heute auf den Firmen-Websites, sechs von zehn Vakanzen auf Online-Jobbörsen. Wer dagegen in Printmedien sucht, findet dort noch nicht einmal jede dritte ausgeschriebene Stelle. Dies ergab die Untersuchung "Recruiting Trends 2008" des Stellenportals Monster zusammen mit den Universitäten Frankfurt und Bamberg.

Die Wende von Papier zu Digital ging rasant vonstatten. "Vor einigen Jahren noch glaubte mir keiner, dass Karriere-Portale der Firmen einmal so wichtig werden", erinnert sich Brickwedde, heute Direktor für Rekrutierung im Softwarehaus SAP.

"Die Unternehmen investieren heute viel in ihre Karriere-Websites", weiß Brickwedde. Schließlich werden die Talente immer rarer - der demografische Wandel wirft seine Schatten voraus. Wie ihre Aktien auf dem umkämpften Talentmarkt stehen, können die Firmen an der Besucherzahl ihrer Website ablesen. VW etwa verzeichnet in jedem Monat Bewerberklicks in einstelliger Millionenhöhe. Sinken die Klickraten, gehen in den Personalabteilungen der Konzerne die Warnleuchten an. Denn welcher Arbeitgeber am attraktivsten ist - dieser Schönheitswettbewerb wird heute zum Großteil auf den Karriere-Seiten im Internet entschieden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Testsieger Volkswagen

Mit einem vorbildlichen Jobportal kann Autobauer VW aufwarten. Denn die umfassenden Inhalte gehen über reine Karriere-Informationen weit hinaus. Im aktuellen Ranking der 164 größten und beliebtesten deutschen Arbeitgeber belegte VW Platz eins (siehe Grafik). Die Analyse "Human Resources im Internet" der FH Wiesbaden liegt dem Handelsblatt exklusiv vor. Zum sechsten Mal seit dem Jahr 2000 ließ Medienexperte Jäger die Personal-Websites aus Nutzersicht untersuchen. 80 Kriterien aus den Bereichen Interaktivität, Information, Navigation, Zugang und funktionales Design flossen in die Wertung ein.

Auffällig: Die Branchen schneiden am besten ab, die unter hohem Wettbewerbsdruck stehen und viele Nachwuchskräfte wie Ingenieure, IT-Fachleute oder Berater suchen. Firmen, die im Ranking nicht unter die ersten 80 kommen, haben dagegen ein deutliches Vermittlungsproblem in mehr als einem Feld, sagt Jäger. "Deren Seiten verlieren dramatisch an Informationsbreite und Interaktivität."


Tabelle  Infokasten: Talentfischer - Die 30 besten Karriere-Websites deutscher Unternehmen


Anders BMW auf Platz zwei des Rankings: Die Website, die sowohl umfangreiche Informationen als auch ein hervorragendes Bewerbungsmodul bietet, ist vorbildlich gestaltet, resümiert die Studie. Bayer auf Platz drei überzeugte mit lebendiger und multimedialer Aufbereitung der Inhalte. Multimedia und Interaktivität sind derzeit en vogue.

Arbeitgeber, die sich ein betont modernes Image geben wollen, schmücken sich mit Podcasts, Videocasts, Chatrooms oder Blogs. "20 Prozent der untersuchten Firmen haben Podcasts auf ihrem Jobportal", berichtet Jäger. Wichtig dabei - die richtige Mischung aus authentisch und professionell. "Podcasts müssen mehr sein als ein vertontes Vorstandsschreiben", sagt Jäger. Blogs finden sich inzwischen auf etwa 15 Prozent der Internetseiten. Als Vorreiter gilt hier der Ausbildungsblog.de des Automatisierungsunternehmens Festo.

Testsieger Volkswagen dagegen verzichtet auf Podcasts und Blogs. "Diese Kommunikationskanäle sind derzeit noch nicht unbedingt zielführend", ist Möller-Beick überzeugt. Auch Lisa Behrendt, Beraterin für Online-Rekrutierung bei Terra Personalmarketing, hält nichts von zu viel Schnickschnack: "Die Seite sollte nicht überwältigen, sondern überzeugen." Die Agentur für Personalkommunikation, eine Tochter des Beratungshauses Kienbaum, konzipiert Karriere-Seiten etwa für Voith und Heraeus.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Arbeitnehmer als Kunde

Das A und O einer guten Karriere-Seite ist ihre Differenzierung nach Zielgruppen - darüber sind sich die Experten einig. Gleich zu Anfang sollten Arbeitgeber Auszubildende, Studenten und Berufserfahrene in separate Abteilungen lotsen, in der ihre Sprache gesprochen wird. "Diese simple Grundregel beherzigen aber noch längst nicht alle Firmen", weiß Personalmarketing-Experte Brickwedde. Eon geht gar einen Schritt weiter: Unter Eon-sucht-Ingenieure.de hat der Energiekonzern eine eigene Bewerberwelt für Ingenieure erschaffen.

Jedoch: "Die schönste Karriere-Seite nutzt wenig, wenn sie im Internet nicht gefunden wird", sagt Behrendt von Terra Personalmarketing. Manche Unternehmen buchen Anzeigen von Google, um schneller ins Visier der Bewerber zu kommen. Behrendt: "Genauso wichtig ist es, die Seite richtig zu verlinken, damit sie ein höheres Ranking in Suchmaschinen erreicht." Gerade Mittelständler, die ihre Job-Seiten oft noch selbst basteln, seien da noch recht unbedarft.

Entscheidend: Mit nur einem Klick sollte die Karriere-Seite von der Firmen-Homepage aus erreichbar sein. Maximal drei Klicks sollten es bis zu den freien Stellen sein, verrät Online-Expertin Behrendt. "Das dauert oft viel zu lange." Durch schlechte Benutzerführung verprellen Firmen potenzielle Bewerber, betont Jäger.

Ohnehin missverstehen viele Arbeitgeber ihre Job-Website als reine Stellenbörse. Möller-Beick von VW weiß, worauf es ankommt: "Die Seite muss dem Arbeitgeber ein Gesicht verleihen, Emotionen wecken und die Werte und Kultur des Unternehmens lebendig machen. Wie fühlt es sich an, für Volkswagen zu arbeiten?"

Arbeitgeber betrachten Bewerber immer mehr als Kunden, die sie im virtuellen Talentpool hegen und pflegen müssen, beobachtet Jäger. "Sobald eine passende Stelle vakant ist, informieren wir Kandidaten mit Potenzial automatisch", sagt Möller-Beick von VW. "Die warten nicht unendlich."

Mobile Kommunikationskanäle werden dabei immer wichtiger, gerade für die heutige "Generation Azubi". Doch die meisten Karriere-Sites sind damit noch nicht kompatibel. Jäger prophezeit: "Bewerber zieht künftig der Arbeitgeber an Land, der als Erster sein Jobangebot aufs Handy funkt."

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