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22.05.2006 
Bayerische Elite-Akademie

Großer Feldversuch

Die Bayerische Elite-Akademie versteht sich als Soft-Skill-Schmiede mit seltenem Ideal: Sie will Studenten zu tugendhaften Managern erziehen. Mit einer klassischen Drillanstalt für Überflieger hat die Schule nichts zu tun.

Treffen sich ein Maschinenbauer, ein Physiker und ein Betriebswirt. So könnte ein guter Witz beginnen. In der Bayerischen Elite-Akademie beginnt so die Projektarbeit. Treffen sich also ein Ingenieur, ein Naturwissenschaftler und ein Finanzexperte am Fuße der Alpen, um einen Businessplan aufzustellen für ein brandneues Produkt. Eine Weltinnovation. Die drei Denker, allesamt Studenten, wollen den Markt revolutionieren mit ihrer Idee. Jetzt aber reden sie seit Stunden aneinander vorbei. "Typisch BWLer", flucht der eine. "Typisch Physiker", kontert der andere. So hatten sie sich ihren großen Wurf nicht vorgestellt.

Wer an der Bayerischen Elite-Akademie studiert, landet häufig in solchen Grenzsituationen. Das ist gewollt. Zwei Jahre lang bekommen Studenten hier ein Elitetraining, das deutschlandweit seinesgleichen sucht. Die bayrische Bestenschule hat jedoch nichts mit einer klassischen Drillanstalt für Überflieger zu tun. Sie versteht sich als Soft-Skill-Schmiede. Anstatt die fachliche Exzellenz von Spitzenstudenten weiter zu forcieren, trainiert die Akademie das Sozialverhalten potenzieller Führungskräfte – ein Charakterbaustein, der vielen Hochbegabten fehlt.

Einst richtete sich die Stiftung, deren Grundkapital sich Ende der Neunzigerjahre aus Unternehmen wie Siemens oder BMW speiste, vornehmlich an alltagsfremde Techniker. Heute nimmt die Elite-Akademie bayrische Studenten aller Fachrichtungen auf. Die Latte liegt allerdings weiterhin hoch: Nur etwa 30 der besten zehn Prozent eines jeden Hochschuljahrgangs haben im 2 600 Euro teuren Förderprogramm eine Chance. Es sind die schillerndsten, die individuellsten, die führungsstärksten Köpfe des Landes. "Das sind lauter Klassensprechertypen", sagt der Akademische Leiter Dieter Frey, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Und dann erzählt er von Kant und Lessing, von Leuchttürmen und Vorbildern. Zu einer Verantwortungselite, nicht zu einer Statuselite will er die Studenten erziehen.

Im Idealfall agieren die Ausnahmetalente dann später als "ethische Führungspersönlichkeiten in macchiavellistischen Welten": Sie reißen mit ihren Ideen ganze Belegschaften mit, wagen Neues, gehen unternehmerisches Risiko ein, bleiben in ihren Entscheidungen menschlich und lassen sich obendrein von Mächtigen und Neidern, die ihnen begegnen werden, nicht vom rechten Pfad abbringen. "Diese Studenten werden später im Rampenlicht stehen", prophezeit Christine Hagen, Geschäftsführerin der Akademie. Zwei Jahre haben die Entscheider in spe Zeit, um sich ihre Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft bewusst zu machen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2:Doch aller Anfang ist schwer.

Doch aller Anfang ist schwer. In einem kleinen staubigen Vorführsaal des Münchner Volksgarten-Theaters hüpfen ein bebrillter Mathematiker, eine hübsche Psycholinguistin und ein schlaksiger Mechatroniker durch den Raum, bis die schwarzen Holzdielen rumoren. Seit einer Stunde läuft der Theaterworkshop des siebten Akademiejahrgangs, und Schauspieltrainer Philipp Jescheck zieht seine ernüchternde Bilanz: "Die wenigsten wissen, wie sie nach außen wirken."

Also wird weiter geübt, bis jeder Teilnehmer ein Gefühl für Stimme und Bewegung, Gestik und Mimik, Stärken und Schwächen besitzt. Auf der Bühne lernen die Führungskräfte der Zukunft ihre Körpersprache stimmig einzusetzen. Im Kameratraining beim Bayerischen Rundfunk verlieren sie die Scheu vor Scheinwerfern und Mikrofon. Sie polieren ihre Manieren beim Etiketteseminar, gründen gemeinsam Modellunternehmen und reden. Über Massenentlassungen und Arbeitsplatzverlagerung, über Hochschulpolitik und Globalisierung. Immer wieder flammen Diskussionen auf. Tag und Nacht.

Viermal vier Wochen lang verbringen sie rund um die Uhr in einem abgeschiedenen Bildungszentrum im tiefsten Oberbayern. "Man kriegt jedes Mal einen Lagerkoller", gesteht Daniela Mattern, die an der Uni Erlangen-Nürnberg Internationale BWL studiert. Die 25-Jährige ist eine typische Teilnehmerin. Einserstudentin, auslandserfahren, engagiert, aufgeschlossen und hochgradig idealistisch.

In São Paolo dirigiert sie einen Stab von 60 Mitarbeitern in einem Entwicklungshilfeprojekt. Ohne Atempause kann sie davon erzählen, wie sie in der Hitze Brasiliens mit Straßenkindern in den Favelas steht. Bis ihr irgendjemand im Eliteprogramm mal ordentlich die Meinung geigte: "Hol doch mal Luft, hör doch mal zu!" Da hätte sie am liebsten alles hingeschmissen, ausgerechnet sie, die sonst immer alles mit Bravour zu Ende bringt.

In solchen Momenten jubelt die Akademieleitung heimlich. Bewusst haben Wirtschaftspsychologe Frey und seine Kollegen solche Charaktere ausgewählt, die mit ihrer Art und ihren Ansichten bei den anderen anecken: Landeier und Stadtkinder, Weltenbummler und Vereinsmeier, Kinder aus Akademikerfamilien und solche vom Bauernhof – je mehr Reibungspunkte, desto besser. Fast wie im echten Leben. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist die Bayerische Elite-Akademie für den Führungsnachwuchs nicht mehr als ein großer Feldversuch.

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