Deutsche Manager verdienen europaweit am besten. Diese guten Gehälter bekommen sie aber keineswegs nachgeworfen. Die Führungskräfte bezahlen kräftig dafür – an Stellen, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Der Job geht an die Reserven.
Nur 44 Prozent der Führungskräfte können ihr Arbeitspensum bewältigen. Foto: Archiv
DÜSSELDORF. Nirgendwo verdienen Manager so viel wie in Deutschland. Zumindest innerhalb Europas – das belegt eine Kienbaum-Studie. „Der Geschäftsführer eines Unternehmens mit bis zu 100 Mitarbeitern bekommt in Deutschland im Schnitt 274 000 Euro. Zum Vergleich: 202 000 Euro sind in Großbritannien möglich, in Italien gerade mal 131 000 Euro“, sagt Christian Näser, Vergütungsexperte von Kienbaum. Verglichen wurden Belgien, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien, die Niederlande, Österreich, Spanien, Schweden und die Schweiz.
Aber: Diese guten Gehälter bekommen deutsche Manager keineswegs nachgeworfen. Sie bezahlen kräftig dafür – jedoch an Stellen, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Der Druck, unter dem diese Führungskräfte stehen, ist enorm. 56 Prozent aller Manager sind überlastet, stehen unter so enormem Leistungsstress, dass ihnen sie bereits an die Reserven gehen oder gar körperliche und seelische Erschöpfungssymptome verspüren. Dies zeigt eine Online-Umfrage unter 9 000 Fach- und Führungskräften des Job-Portals Stepstone. Fazit: Nur 44 Prozent können ihr Arbeitspensum bewältigen.
Vor allem aber zeigten Parallelumfragen von Stepstone in anderen Ländern, dass deren Führungskräfte dieses Problem nicht, beziehungsweise nicht im selben Ausmaß haben. Die Deutschen leiden danach am stärksten. In Dänemark kommen 66 Prozent mit ihrem Arbeitspensum bestens klar, in den Niederlanden und Norwegen sagten dies 62 Prozent.
Damit nicht genug: Deutsche Manager haben eine immer unsicherere Position. Die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton hat gerade wieder erforscht, wie lange Vorstandsvorsitzende in welchem Land im Durchschnitt auf ihrem Chefsessel sitzen bleiben dürfen. Die Zahl von Vorstandschefs, die auf Grund eines Mergers, einer Übernahme oder eines Buy-outs ihren Hut nehmen mussten, ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Booz-Allen-Partner Klaus-Peter Gushurst resümiert: „Die Fluktuationsquote europäischer Vorstandschefs liegt mit 15,4 Prozent auf einem Rekordhoch, sie sind international am meisten gefährdet.“ Die riskanteste Branche ist die Telekommunikationsindustrie, gefolgt von den Energieversorgern und der Gesundheitsbranche. Top-Manager wechseln sogar immer häufiger die Seite. Gushursts Fazit: „Insbesondere Hedge-Fonds sind für Ex-Vorstandschefs eine attraktive Alternative zur Position eines Vorstandsvorsitzenden.“
Und: Kaum gelingt es einer Führungskraft, so schnell den Erfolg vorzuweisen, wie es sich das Unternehmen ausgerechnet hatte – viel schneller ist sie wieder weg vom Fenster. Denn manchmal ist einfach die Zeit zu kurz, um neue Konzepte erfolgreich umzusetzen. Jüngstes Beispiel ist Frank Rheinboldt. Der Vorstandschef des Luxusmodeherstellers Escada war gerade dabei, den Damenmodekonzern neu auszurichten. Doch nun muss Rheinboldt seinen Hut nehmen, weil dem russischen Großaktionär Rustam Aksenenko die Reform zu lange dauerte.
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„Dass es Aktionären, Aufsichtsräten oder Investoren mit Erfolgen neuer Top-Manager nicht schnell genug gehen kann, kommt immer häufiger vor“, beobachtet auch Ernst Heilgenthal, Personalberater und Partner bei Gemini Executive Search. Das Problem sind dabei nicht Vorstände – die fallen meist weich –, sondern die Signalwirkung an die Mitarbeiter. Heilgenthal: „Wer in zehn Jahren drei Chefs in Folge mit jeweils anderen Strategien erlebt, nimmt am Ende die Firma und seinen Job nicht mehr ernst.“ Wenngleich sich Headhunter wie er grundsätzlich über diesen Wechselwahn freuen können, denn sie legen zweistellig an Umsatz zu. Vorausgesetzt, sie finden weiterhin genug Kandidaten: Denn oft werden die Kopfjäger schon nicht mehr im Inland fündig bei der Suche nach neuen Top-Leuten und müssen über die Landesgrenzen schauen.
Umgekehrt sind immer mehr gut ausgebildete Menschen in Deutschland so unzufrieden mit dem Arbeitsleben, dass sie auswandern: Im Fernsehen haben Doku-Soaps über deutsche Auswanderer Hochkonjunktur. Die TV-Sender Pro Sieben und Vox begleiten deutsche Handwerker nach Dänemark und Großbritannien, Ärzte nach Schweden und Norwegen und Kaufleute nach Kanada oder Neuseeland. Gerade hoch qualifizierte Macher kehren Deutschland den Rücken.
„Forscher gehen in die USA, Ingenieure in die globalen Industriezentren“, konstatiert Tiemo Kracht, Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum Executive Consultants. Und: „Erstmals seit 37 Jahren verlassen mehr Arbeitskräfte Deutschland, als hierher kommen.“ Jedes Jahr packen laut Statistischem Bundesamt rund 150 000 Deutsche ihre sieben Sachen, um woanders ein neues Leben anzufangen. 50 Prozent davon sind Akademiker. Zudem: „Die Zahl der deutschen Auswanderer wächst jährlich um zehn Prozent“, weiß Kracht, „Hinzu kommt eine statistisch nicht erfassbare Abwanderungswelle von Schülern und Studenten, die ihre Ausbildung im Ausland absolvieren und nie wieder nach Deutschland zurückkehren, weil sie bereits in jungen Jahren in den USA oder Großbritannien Wurzeln geschlagen haben.“ Das Problem: Im Gegenzug ließen sich in Deutschland beispielsweise 2005 nur 900 Hochqualifizierte nieder. Headhunter Kracht sieht deshalb eine Zeitenwende im Personalmanagement für unabwendbar.
Fakt ist: Um Top-Personal konkurrieren nicht nur inländische Unternehmen, sondern auch attraktive Arbeitgeber aus dem Ausland. Kracht: „Hier kommt eine Druckwelle auf die Unternehmen zu, die die Rekrutierung aufwendiger und teurer macht. Statt darüber nachzudenken, wie sie ältere Beschäftigte entlassen können, werden Unternehmen sich zunehmend um das Binden von Mitarbeitern kümmern müssen.“ Und: Sie werden nicht umhinkommen, sich um Einwanderer zu bemühen. Kracht: „Die Dänen exerzieren dies zurzeit schon vor. Der dänische Arbeitgeberverband geht regelmäßig auf Werbetour nach Deutschland. Dänemark benötigt jährlich 50 000 bis 100 000 Arbeitskräfte aus dem Ausland. Die Einwanderer erhalten deshalb schon einen Rabatt von bis zu 75 Prozent auf ihre Einkommensteuer.“
Obwohl deutsche Betriebe heute schon bis zu 20 Prozent offene Stellen beklagen, die sie wegen des Fachkräftemangels nicht besetzen können, verlassen sich die meisten Unternehmen jedoch nach wie vor bei der Personalakquise auf ihren guten Namen. Und scheren sich wenig darum, ob selbst international erfahrene Mitarbeiter sich bei ihnen gut aufgehoben fühlen. Die Frage bleibt nur, wie lange noch und ob der Schaden dann noch reparabel ist.
