Hat er die T-Aktionäre getäuscht? Nein, hat er nicht, daran erinnert sich Ron Sommer ganz genau. Viele wichtige Details hingegen hat er längst vergessen. Im Prozess gegen die Telekom
hat der frühere Vorstandsvorsitzende am Montag ausgesagt und während der sechsstündigen Verhandlung einige Erinnerungslücken offenbart. Die Kläger zweifelten an seiner Glaubwürdigkeit.
FRANKFURT. Niemand hat diese Frage gestellt. Ron Sommer beantwortet sie trotzdem - und nicht nur einmal: "Wie richtig unsere Strategie war, sich frühzeitig vom deutschen Markt unabhängig zu machen, sehen Sie jetzt: Die Deutsche Telekom wäre ein schrumpfendes Unternehmen - ohne die Zukäufe im Ausland."
Ron Sommer ist ganz der Alte: Einer, der jede Bühne nutzt, um seine Verdienste zu betonen, um darzustellen, dass er keine Fehler - zumindest keine fachlichen - gemacht hat, um daran zu erinnern, dass er zu Unrecht vor fast sechs Jahren als Telekom
-Chef gefeuert wurde.
Doch all das steht hier nicht zur Debatte. Hier im Saalbau Bornheim im Nordosten Frankfurts, wo sonst Familien Feste feiern und Flohmarktbesucher nach Schnäppchen jagen, geht es um ganz andere Fragen: Wann genau entschied die Telekom
, den US-Mobilfunker Voicestream zu übernehmen? War das vor oder nach dem dritten Börsengang im Juni 2000? Hätte die Telekom
auf die mit dem Kauf verbundenen Risiken im Börsenprospekt eingehen müssen? Hat sie also Fakten unterschlagen, ihre Aktionäre getäuscht?
Diese Fragen sind es, die Ron Sommer am dritten Verhandlungstag im Telekom
-Zivilgerichtsprozess beantworten muss. Er ist der erste, der prominenteste und umstrittenste Zeuge in diesem Verfahren vor dem Frankfurter Oberlandesgericht. Ob der Vorsitzende Richter Claus Dittrich die Telekom
wegen falscher Angaben im Börsenprospekt zu Schadensersatz verurteilt, wird nicht zuletzt von Sommers Aussagen abhängen.
Der bisherige Prozessverlauf verhieß wenig Gutes für die 16 000 Kleinanleger, die im wohl größten Wirtschaftsverfahren der deutschen Geschichte Wiedergutmachung fordern. Die ersten Verhandlungstage vergangene Woche endeten für sie ernüchternd: Im wichtigsten Streitpunkt schlug sich das Gericht auf die Seite der Telekom
. Die Immobilienbewertung des Konzerns sei korrekt gewesen, sagte Richter Dittrich.
Bleibt nur noch der zweitwichtigste Kriegsschauplatz: Hat die Telekom
den Anlegern die Übernahmepläne in den USA zu lange verheimlicht? "Nein." Ron Sommer weist alle Vorwürfe zurück. "Es war Teil unserer Strategie, uns möglichst viele Optionen möglichst lange warmzuhalten." Erst Mitte Juli 2000 habe er entschieden, Voicestream mehr Priorität einzuräumen. Ende Juli habe man die Details der Übernahme geklärt und den Deal verkündet - und damit einen Monat nach der Platzierung der dritten Tranche der Telekom
-Papiere zu 66,50 Euro. Heute notiert die T-Aktie bei elf Euro, Voicestream heißt schon lange T USA, -Mobile und Ron Sommer berät Unternehmen wie den russischen Mischkonzern Sistema und die US-Anlagefirma Blackstone.
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Keine 100 Besucher sind es, die Ron Sommer zuhören. Die Reihen sind zwar besser gefüllt als zum Auftakt des Prozesses. Von dem Ansturm, der zur Verlegung des Prozesses in den Saalbau zu Bornheim führte, aber keine Spur.
Von der dritten Reihe aus beobachten Brigitte und Horst G., wie Sommer sich im Zeugenstand schlägt. Ein paar Tausend Euro hat das Ehepaar aus einer Kleinstadt im Rheinland mit Telekom
-Aktien verloren und sich der Sammelklage angeschlossen. "Wahrscheinlich sehen wir nicht einen Bruchteil des Geld wieder, aber wir wollen mindestens erleben, wie die Manager vor Gericht ins Schwitzen kommen", sagt Horst G.
Vergeblich: Ron Sommer schwitzt nicht, Ron Sommer kommt nicht in Verlegenheit, Ron Sommer wird nicht nervös. Er wird höchstens ungehalten, sehr ungehalten - wenn er immer wieder dieselben Fragen beantworten, sich an Details erinnern soll, an die er sich partout nicht erinnern will oder kann.
Dann fallen Sommers Antworten so aus: "Sie haben offenbar keine Vorstellung von der Arbeit eines Vorstandsvorsitzenden bei einem Konzern dieser Größenordnung." Oder so: "Das weiß ich nicht mehr. Ich bin kein wandelnder Kalender." Mit Polizeischutz und im Blitzlichtgewitter hat Sommer den Saal betreten. Vorher haben Spürhunde zwischen den Tischen und Stühlen nach Bomben geschnüffelt, ein Techniker die Großbildleinwand ausprobiert, die nun Ron Sommers Gesicht zeigt: große, weit geöffnete Augen hinter Brillengläsern, die ihn jünger aussehen lassen als 58, den leicht belustigt wirkenden schmalen Mund.
Neben dem Zeugen Sommer sitzt Max Hirschberger. Man kennt sich aus alten Zeiten. Der Jurist hat einmal Sommers Büro bei der Telekom
geleitet, später war er im Vorstand für die Strategie zuständig. Im Zweifel ist Hirschberger derjenige, der spitzfindige Fragen von Andreas Tilp und den anderen Klägeranwälten besser beantworten könnte. Wie Sommer verließ Hirschberger die Telekom
2002. Nun arbeitet er für die Kanzlei Beiten Burkhardt - und steht seinem Ex-Chef im Prozess juristisch bei.
Die Rollen haben sich geändert. Sonst aber scheint es, als sei die Zeit stehengeblieben, wenn Ron Sommer über das Jahr 2000 berichtet, über die Pläne der Telekom
, keinesfalls als europäischer Nischenanbieter zu enden, sondern ein Global Player zu werden. Das hat er seinen Aktionären schließlich immer versprochen.
Damals ist er noch nicht "der Vernichter des Geldvermögens", auch nicht "der Blender" oder "Bibelverkäufer", wie er später geschimpft wird. Sommer wird als Popstar gefeiert, als Mann, der eine behäbige Behörde auf Trab brachte und für den der damalige Kanzler Gerhard Schröder vor laufenden Kameras seine Hände zum Telekom
-T formt.
Im März 2000 trifft sich Sommer zum ersten Mal mit dem damaligen Voicestream-Chef John Stanton. "Es war ein Herantasten, um auszuloten, ob ein Zusammengehen Sinn macht", erzählt der ehemalige Telekom
-Chef vor Gericht. Ergebnis des Vorgeplänkels: "Ein Zusammengehen erschien uns eher unwahrscheinlich."
Erst vier Monate später, Mitte Juli, habe er mit Stanton die entscheidenden Gespräche geführt und sich auf den Preis geeinigt - in einem abgelegenen Domizil in Sun Valley, einem Skiort im US-Bundesstaat Idaho.
Hat es nicht zwischendurch noch Kontakt zu Stanton gegeben? Was genau hat man besprochen? Wer hat wen angerufen? Wann entschied Sommer, die Bilanzen von Voicestream genauer zu studieren?
Lesen Sie weiter auf Seite 3: In Bornheim erteilt Sommer eine Lehrstunde
Wer dachte, er bekäme einen Einblick in die Verhandlungstaktik Sommers, damals im Sommer 2000, der irrte. Wenn Richter Dittrich eine Frage der Klägeranwälte trotz Widerstand der Verteidigung zulässt, antwortet Sommer in der Regel: "Daran erinnere ich mich nicht mehr."
Dabei hat er wohl vorher alte Akten gewälzt: "Ich bereite mich intensiv auf solche Termine vor." Früher übte er für wichtige Auftritte sogar tagelang - so gut, dass er etwa in Fernsehsendungen ein mediales Tribunal problemlos umdrehte und eine Lehrstunde seiner unternehmenspolitischen Visionen daraus machte.
In Bornheim erteilt Sommer ebenfalls eine Lehrstunde - über die Arbeit eines Vorstandsvorsitzenden. Eines der Prinzipien: Man kümmert sich nicht allzu sehr um Details. "Das war nicht meine Aufgabe, mich um die Technikalien zu kümmern. Dann wäre ich am falschen Platze."
Da die Kläger aber Details erfahren wollen, haben ihre Anwälte beantragt, weitere Zeugen zu laden - darunter Max Hirschberger, Sommers Rechtsbeistand, und John Stanton, den ehemaligen Voicestream-Chef.
Sommer jedoch bleibt bis zum Schluss dabei: "Voicestream hat erst nach dem Börsengang mehr Wichtigkeit gewonnen." Und er bleibt auch dabei: Es war eine gute Entscheidung, Voicestream zu übernehmen. "Die Zahlen heute bestätigen uns."
Was er nicht sagt: Die Übernahme geriet damals zu einem Abenteuer. Weil die Telekom
mehrheitlich in staatlicher Hand war, flammte in den USA massiver politischer Widerstand auf. Die Dinge liefen nicht nach Plan. Dann stiegen die Schulden, auch durch den Voicestream-Deal, der erst im Sommer 2001 besiegelt wurde. Die T-Aktie sank und sank. Die schlechte Branchenkonjunktur tat ein Übriges, Sommers Pläne zu vereiteln.
Der Kauf der US-Mobilfunkgesellschaft hatte den Telekom
-Chef so unter Druck gesetzt, dass ein Buch des Medienwissenschaftlers Peter Glotz über Sommer erst im Herbst 2001 und damit einige Monate später erschien, weil der Verleger glaubte, der Porträtierte überstehe den Sommer nicht.
Doch diesen Sommer überstand Ron Sommer noch. Erst im Juli 2002 trat er zurück.
