Ob Handy, Blackberry oder Laptop — der moderne Manager kommuniziert simultan und überall. Doch die Technik hat enorme Konsequenzen für den Alltag: Zeitdruck und Stress nehmen zu, manche werden regelrecht abhängig oder versinken in unproduktivem Chaos. Wie wir den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen.
Mal ehrlich: Legen Sie Ihren Blackberry abends neben das Bett? Gelingt es Ihnen nicht, eine SMS oder E-Mail zu ignorieren? Haben Sie schon mal den Vibrationsalarm Ihres Handys gespürt, obwohl Sie niemand anrief? Falls Sie zwei der drei Fragen mit Ja beantworten: Willkommen im Club! Wahrscheinlich sind Sie von Ihren technischen Helfern längst abhängiger, als Sie glauben. Zumindest sind Sie auf dem besten Weg, ein Kommunikationsjunkie zu werden.
Für viele Manager und Mitarbeiter ist es heute selbstverständlich, dass sie auch abends und am Wochenende erreichbar sind. Sie sind es gewöhnt, E-Mails rund um die Uhr abzurufen, natürlich auch von zu Hause, über das Web oder per Blackberry. Projekte koordinieren, Termine vereinbaren, Fragen beantworten, Entscheidungen treffen – das alles kann heute simultan geschehen, per Mobilfunk, Internet und direkter Kommunikation, und es geschieht immer schneller. Wer das Tempo nicht mithält, muss befürchten, dass die Infoflut morgen nicht abebben wird und er deshalb schon bald hinterherhechelt.
Wo, bitte, bleibt die Zeit? Wer Kommunikationstechnik nutzt, verändert sich ganz automatisch: Er passt seinen Lebensrhythmus den Geräten an und spürt kaum noch, dass er längst unkreativer, ineffizienter und langsamer arbeitet. Wer nicht aufpasst, beschwört seinen persönlichen Systemabsturz herauf — oder hat ihn bereits erlebt. Das elektronische Hamsterrad anzuhalten, sich dem Technik-Terror bewusst entgegenzustellen — das braucht Selbstdisziplin, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Rückgrat gegenüber dem Arbeitgeber.
„Unser Wirtschaftssystem lebt davon, dass wir Zeit gewinnen“, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler von der Universität der Bundeswehr in München. „Zeit ist Geld. Und nur über Zeitgewinn kann Wachstum generiert werden.“ Mittlerweile aber seien die meisten Wirtschaftsprozesse bereits hochgradig optimiert. Viel schneller könne es kaum noch werden. Also können wir die Zeit „nur noch verdichten“, sagt Geißler. Das Ergebnis sei die moderne Vergleichzeitigung: „Tendenziell werden wir zu einer Gesellschaft, die rund um die Uhr aktiv ist.“
Nun ist „immer schneller“ nicht automatisch auch besser. Allein in den USA verplempern Angestellte 28 Milliarden Arbeitsstunden, weil sie sich ständig ablenken lassen. 588 Milliarden US-Dollar koste das pro Jahr, sagen Experten der Beratung Basex, die „Information Overload“ zum „Problem des Jahres 2008“ ausrief. Eine US-Firma zahlte jüngst 500 000 US-Dollar Strafe, weil ein Mitarbeiter beim Telefonieren einen Unfall verursachte. Mit den Auswirkungen beschäftigt sich gar ein Forschungszweig namens „Interruption Science“, Unterbrechungswissenschaft.
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Die Folgen der informationellen Überlast können für den Einzelnen dramatisch sein. Stress, Konzentrationsmangel, Unruhe und Gereiztheit sind häufige Symptome.
Das hat auch Miriam Meckel erlebt. An einem Sommertag wollte die Professorin an der Universität St. Gallen eine Halogenlampe in einem Kölner Lampenladen kaufen. Bevor sie das Geschäft betrat, kam alles auf einmal: der Anruf eines Kollegen mit der Bitte, ein Skript durchzusprechen; die SMS einer Freundin mit der Frage, wo sie denn zum verabredeten Kaffee bleibe; die Mail per Blackberry mit der Erinnerung an eine Telefonkonferenz, an der sie dann auch gewissenhaft, aber widerwillig teilnahm. In der Mittagshitze bei 30 Grad Celsius und dem Einkaufstrubel in der Innenstadt verstand sie kaum ein Wort. Meckel legte auf, ging in den Lampenladen. Als die Verkäuferin ihr sagte, dass sie die Lampe gar nicht führten, platzte Meckel der Kragen: „Schlampe!“
„Ich war zu jener Spezies Mensch mutiert, die angeblich alles gleichzeitig kann“, schreibt Meckel rückblickend in ihrem Buch „Das Glück der Unerreichbarkeit“. Sie war geworden, was sie nie sein wollte: „ein Simultant“. Irgendwann in den zwei Jahren vor dieser Szene im Lampenladen „muss es einen Punkt gegeben haben, den ich selbst nicht bemerkte“.
So geht es vielen. Zuerst beantworten Mitarbeiter E-Mails nur im Büro, später erledigen sie das im Zug oder bereits vor dem Frühstück. Wurde das Firmenhandy früher ab 20 Uhr ausgestellt, bleibt es heute bis Mitternacht an, am Wochenende sowieso.
Der Trend könnte sich verschärfen. Dieses Jahr werden die Datentarife für mobile Flatrates erstmals so billig, dass es sich fast jeder leisten kann, E-Mails, Nachrichtenseiten, Twitter, Videoblogs und YouTube-Clips aufs Handy zu holen. Je mehr Menschen mobile Mails nutzen können, umso mehr wird kommuniziert. Psychologen, Ökonomen und Soziologen warnen allerdings vor den Gefahren des Techno-Stresses:
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Wir informieren uns krank.
Erst kürzlich diagnostizierte der amerikanische Psychotherapeut Edward Hallowell eine neue Managerkrankheit: Attention De-ficit Trait (ADT), eine Konzentrationsschwäche bei Kopfarbeitern. Im Gegensatz zum Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADD) ist ADT nicht genetisch bedingt, sondern Folge von Hektik. Wer zu vielen Informationen ausgesetzt ist und immer mehr Dinge erledigen will, kann sich irgendwann nicht mehr konzentrieren, wird aggressiv, rastlos und unproduktiv. Der frühere Harvard-Arzt Hallowell schätzt die Verbreitung von ADT bei Managern auf „bis zu 40 Prozent“. Die Symptome: Führungskräfte spüren, dass sie unkreativer werden, immer oberflächlicher arbeiten und Probleme kaum noch hinterfragen.
Absurd ist nur, dass sie zwar darüber klagen, zu wenig Zeit zu haben. Aber insgeheim sind die meisten damit einverstanden, permanent abgelenkt zu sein. „Sie suchen sogar die Ablenkung“, sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Mitbegründer des Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Ob am Bahnsteig oder in der Flughafen-Lounge – kaum einer nutzt freie Wartezeit zur Muße oder zur Reflexion, sondern zückt lieber seinen Blackberry, um auf dem Laufenden zu bleiben.
Einer Studie zufolge lesen 60 Prozent der amerikanischen Besitzer von mobilen E-Mail-Geräten ihre elektronische Post schon morgens im Bett, 37 Prozent während sie am Steuer sitzen, und zehn Prozent legen das Gerät gar über Nacht neben ihr Bett und antworten auch noch um drei Uhr morgens auf die E-Mails, sobald die im Posteingang bimmeln.
„Wir leben in einem Standby-Modus“, sagt Grünewald. Und der kann süchtig machen. So kennt der Psychologe einen Manager, der seinen Blackberry mit in den Urlaub nahm — wie das etwa in den USA bereits 83 Prozent aller Nutzer tun –, das Gerät aber nach einigen Tagen verlor. Der Mann kollabierte. Er war regelrecht auf kaltem Entzug und musste im Krankenhaus mit Beruhigungsmitteln behandelt werden.
Das mag ein extremer Einzelfall sein, latent gefährdet sind aber Millionen. Viele Manager haben ihre Abhängigkeit nur noch nicht erkannt: Wer seinen Posteingang häufiger überprüft als die Uhrzeit, beim Piepsen einer ankommenden Nachricht alles stehen und liegen lässt oder auf die Tastatur drückt, sobald der Bildschirmschoner den Blick „hinaus“ in die virtuelle Welt versperrt, zeigt erste Anzeichen.
Die Abhängigkeit von Aufmerksamkeit kann krank machen. Psychologen wissen, dass die persönliche Identität von zwei Aspekten abhängt: dem Grad der eigenen Autonomie und dem Status innerhalb einer Gruppe. Eingehende E-Mails geben dem Empfänger das Gefühl, wichtig zu sein. Wer unbedingt auf jedem Verteiler stehen will und an jeder Online-Diskussion teilnehmen muss, dem „fehlt die Zeit für sich selbst“, sagt Ernst Pöppel, Chef des Münchner Instituts für Medizinische Psychologie (IMP). Dazuzugehören wird wichtiger als der Wunsch, Kraft und Inspiration im Innersten, in der eigenen Persönlichkeit zu suchen. Der Blackberry wirkt wie ein Statusverstärker: Wie wichtig man ist, wird in allen Lebenslagen zur Schau gestellt — im Restaurant, im Zug, im Büro.
Selbst der Geschäftsführer des Blackberry-Erfinders RIM, Jim Balsillie, versucht nichts zu beschönigen: „Natürlich kann die ständige Verfügbarkeit süchtig machen“, sagte er in einem Interview: „Es kommt eben auf die Dosierung an.“ Ein Glas Schnaps sei nicht unbedingt schädlich. Aber wer davon 20 Gläser vor der Arbeit trinkt, habe ein ernstes Problem.
Wer sich ständig unterbrechen lässt, lebt in einer Art Dauerstress. Aus einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht hervor, dass Mitarbeiter die ständigen Störungen bei der Arbeit als besonders belastend empfinden: Mehr als die Hälfte der Befragten in den Büros beklagte den Konzentrationsterror durch dauernde Unterbrechungen. Durchschnittlich alle elf Minuten wird die Aufmerksamkeit der Kopfarbeiter auf etwas anderes gelenkt. Bis sie wieder zur ursprünglichen Tätigkeit zurückfinden, brauchen sie dann rund 25 Minuten.
Das frisst Energie. Doch die Kraftreserven „sind bei jedem Menschen nun einmal begrenzt“, sagt Michael Frese, Arbeitspsychologe an der Universität Gießen. Jeder brauche Phasen, in denen er sich entspannen kann. Kurze und häufige Pausen sind dabei sogar besser als ein langer Urlaub ein- oder zweimal im Jahr. Schließlich sind drei Tage nach der Auszeit die Entspannungs- und Glücksgefühle ohnehin meist wieder verschwunden, so das Ergebnis einer Studie der Universität Tel Aviv.
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Wir benachrichtigen uns dumm.
Menschen sind keine Maschinen. Und so selbstverständlich, wie Computer mehrere Aufgaben scheinbar gleichzeitig erledigen, bleibt uns dieses Talent versagt. Multitasking klappt nicht. Wer es versucht, arbeitet sich sprichwörtlich dumm und dusselig.
Forscher des Center for Cognitive Brain Imaging der Carnegie- Mellon-Universität in Pittsburgh untersuchten 18 Studenten im Kernspintomografen auf ihre Leistungsfähigkeit. Die Teilnehmer sollten sprachliche und visuelle Aufgaben lösen, während sie parallel Sätze vorgelesen bekamen. Ergebnis: Die Gehirnaktivität, die auf die Lösung der visuellen Aufgaben gerichtet war, sank um 29 Prozent. Bei den sprachlichen Aufgaben reduzierte sich die entsprechende Hirnaktivität um 53 Prozent. Auf den Alltag übertragen, bedeutet das: Wer etwa Auto fährt und mit dem Handy telefoniert, blendet rund ein Drittel seines Sichtfelds aus, obendrein verkommt das Projektgespräch mit dem Kollegen zu einer oberflächlichen Faselei. „In einem Augenblick können wir immer nur einen Bewusstseinsinhalt wahrnehmen“, sagt Wissenschaftler Pöppel.
Das Gehirn spielt uns dabei regelmäßig einen Streich. Denn es springt auf jeden äußerlichen Reiz an, egal, ob wichtig oder unwichtig. Was in Urzeiten das Überleben sicherte, wirkt heute kontraproduktiv: Statt einer Gefahr wittern wir heute einen kleinen „Flash“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein in seinem Buch „Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist“. Das Handyklingeln könnte den Anruf eines Freundes ankündigen, das E-Mail-Bimmeln die Nachricht der Geliebten. Der Effekt sei mit dem einer Droge vergleichbar: So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Nikotin oder Kokain auf ähnliche Nervenbahnen wirken.
Um dem zu entkommen, hilft meist nur Disziplin. Beispiel Friedrich-Georg Lischke: Der Kontinentaleuropa-Chef des Getränkesysteme-Herstellers Mars Drinks, einer Tochter des amerikanischen Schokoriegel-Konzerns, setzt auf die Macht der Rituale: Vor zehn Uhr morgens berühren seine Finger keine Tastatur. Stattdessen greift er zu seinem „Moleskine“, dem klassischen Notizbuch aus Papier. „Ich genieße die alte Arbeitsweise“, sagt Lischke. Er könne Ideen skizzieren und Gedanken visuell in Grafiken festhalten. In den vergangenen Jahren sei ihm das immer hilfreicher geworden.
Ab zehn Uhr weiß er, dass er in unregelmäßigen Abständen gestört wird – durch E-Mails, Anrufe, Kollegenfragen. Aber das sei kein Problem, weil er diese Stunden nicht als Konzentrationsphase definiert habe. Der Nachmittag wiederum ist für die Meetings reserviert. Und ab 21 Uhr stellt er Handy und Blackberry grundsätzlich aus.
Für die Kreativität sind solche Ruhephasen enorm wichtig. Jeder braucht sie, um seine vielen Impulse zu klaren Gedanken und Analysen zu verknüpfen. Wenn wir in Deutschland täglich von zehn bis elf Uhr nicht kommunizieren würden, brächte das einen enormen „Innovationsschub“, glaubt etwa Psychologe Pöppel.
Wie wenig Menschen dafür gemacht sind, über ein halbes Dutzend Kanäle gleichzeitig zu kommunizieren, zeigt auch ein etwas bizarr anmutender Vergleich von Forschern des Londoner King’s College. Sie ließen zwei Versuchsgruppen dieselben Aufgaben erledigen. Die eine bekam parallel mehrere E-Mails zugesandt. Die andere Gruppe rauchte Joints vor der Arbeit. Und siehe da: Die Kiffer erzielten deutlich bessere Ergebnisse als die Probanden, die gleichzeitig mit ihren E-Mails beschäftigt waren.
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Wir werden immer unsicherer.
Menschen treffen täglich Entscheidungen — und zwar nicht zu knapp: Hirnforscher rechnen mit 20 000 pro Tag. Doch je mehr Informationen vorhanden sind, desto weniger klar können wir entscheiden.
Das beginnt schon bei einem simplen Produkt wie Marmelade. US-Psychologen testeten in einem Supermarkt das Kundenverhalten bei einem Angebot von 24 Brotaufstrichen im Vergleich zu sechs Gläsern. Ergebnis: Bei großer Auswahl blieben zwar 60 Prozent der Kunden stehen, aber nur drei Prozent kauften. Bei dem Angebot von sechs Konfitüren blieben zwar nur 40 Prozent stehen, dafür kauften 30 Prozent ein Glas. Die Entscheidung fiel ihnen leichter.
Weniger ist mehr — das gilt besonders für digitale Informationen. Es hat mehr Sinn, sich tiefgründig mit wenigen Studien, Testergebnissen und Zeitungsartikeln auseinanderzusetzen, als die Quantität zu erhöhen. Karen Heumann, Strategiechefin der Werbeagentur Jung von Matt, beschäftigt sich „seit Jahren mit dem Thema“, weil sie verhindern will, dass ihre „Konzentrationskraft unter der Reizüberflutung leidet“. Sie könne leicht bis zu sieben Stunden am Tag E-Mails beantworten, 120 bis 200 davon landen täglich in ihrem Posteingang. Bei dieser Informationsflut „wird es eher schwerer, effiziente Entscheidungen zu treffen“, sagt Heumann.
Deswegen schafft sie sich regelmäßig Rückzugsräume. Auf Bahnfahrten zum Beispiel nutze sie die Zeit, um Entscheidungen zu überdenken oder einfach nur zu träumen. „Ich bin jemand, der seinen Gedanken nachhängt“, sagt sie. So komme sie auf neue Ideen und zu nachhaltigen Entscheidungen. Die werden in Zeiten elektronischer Kommunikation immer schneller getroffen und ebenso schnell revidiert. Das verursacht dann noch mehr Arbeit.
Inspiration von außen und Ruhe sind für solide Entscheidungen fundamental. „Das Gehirn“, sagt Neurowissenschaftler Pöppel, „ist unglaublich konservativ.“ Es arbeite seit 100 000 Jahren immer nach gleichem Muster: Eine Entscheidung beruht auf neuronalen Verknüpfungen und abgespeicherten Erfahrungen. Damit Manager diese Erkenntnisse abrufen können, dürfen sie sich nicht ständig mit neuen Informationen aufladen. Die moderne Kommunikation verführe jedoch dazu, „zu schnell zu agieren“ – und damit zu Oberflächlichkeit und Fehlentscheidungen.
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Wir provozieren das Chaos.
Jede E-Mail löst neue Nachrichten aus: Auf eine Anfrage folgen in der Regel Antwort, Bestätigung und Gegenbestätigung. Das sind allein drei Mails ohne einen großen Verteiler. Mit CC- oder BC-Funktion erhöht sich dieser Faktor gar um ein Viel- faches. Entsprechend fühlen sich die Nutzer von E-Mail-Diensten schnell als Opfer einer zunehmenden Datenlawine. Dabei sind sie selbst auch die Auslöser: Durch Unachtsamkeit müllen viele den Posteingang ihrer Kollegen zu und wundern sich später über die virtuellen Geister, die sie riefen.
Norbert Winkeljohann kennt diesen Mail-Wahnsinn. Der Vorstand der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers und bekennender Blackberry-Fan nutzt den mobilen Postdienst als „permanente Informationsquelle“. Täglich erhält er rund 100 E-Mails. Doch jede vierte sei „überflüssig“, stellt er fest. Eine enorme Zeitverschwendung: Forscher des britischen Henley Management College haben ausgerechnet, dass Manager im Durchschnitt dreieinhalb Jahre ihres Lebens mit irrelevanten E-Mails verdaddeln.
Den Trend zum „Management by E-Mail“ hält Winkeljohann für eine „große Unsitte“. Mitarbeiter würden Kollegen und ihn auf den Verteiler setzen, „selbst wenn ich an den Entscheidungen gar nicht beteiligt werden muss“, sagt Winkeljohann. „Das ärgert mich.“
Der Höhepunkt sei für ihn ein Disput zwischen zwei Kollegen gewesen, die sich per Pingpong-Mails beschimpften — mit Winkeljohann als stillem Mitleser. „Nach kurzer Zeit habe ich empfohlen, auf das persönliche Gespräch umzuschalten“, sagt der Manager. Der Konflikt war sofort gelöst.
Seitdem zieht der PWC-Manager immer schneller die Reißleine und fragt direkt nach: „War diese Mail jetzt erforderlich?“ Das diszipliniere die Mitarbeiter enorm. So hätten sich mit der Zeit Standards etabliert, die den elektronischen Briefverkehr deutlich reduziert hätten: Die Kollegen gehen heute sehr vorsichtig mit Verteilern um, kopieren nicht mehr alle Mitarbeiter eines Büros in die Empfängerliste, Handys und Blackberrys werden zunehmend kategorisch vor Meetings ausgeschaltet.
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Wir sind die Lösung.
Alle Beispiele zeigen zugleich: Die Technik zu verteufeln oder sich gar als Opfer einer zunehmenden Kommunikationsmanie zu wähnen ist der falsche Blickwinkel. E-Mail, SMS, Internet, Handy, Blackberry und Laptop – das alles sind nur technische Instrumente. Wie man sie nutzt, dafür ist jeder selbst verantwortlich. „Wir alle haben es in der Hand, mit dem Zeitdruck gekonnt umzugehen“, sagt Arbeitspsychologe Frese.
Wer aber nur Seminare für Zeitmanagement absolviert, „tappt häufig in eine Falle“, sagt Wilhelm Schmid-Bode, Stressforscher und Facharzt für psychotherapeutische Medizin. Teilnehmer lernen dort nur, ihre Zeit noch effizienter zu nutzen, „nicht aber, sich mehr Zeit zu lassen“.
Wer effektiver und kreativer werden will, müsse lernen, „Stille und Langsamkeit wieder zu genießen“, sagt Schmid-Bode. Ein Ort, an dem sich das lernen lässt, ist etwa die Abgeschiedenheit eines Klosters, in die es immer mehr Manager zieht. Die Idylle gibt ihnen die Möglichkeit, abzuschalten, Kraft zu tanken und zu sich selbst zu finden.
Entschleunigung liegt im Trend. Wellnessanbieter boomen dank ihrer Angebote wie Massage, Yoga und Meditation. Hotels wie das Sheraton in Chicago werben damit, dass die Gäste ihre Mobilfunkgeräte kostenlos wegschließen lassen können, und Fluglinien wie Air Berlin werben mit dem handyfreien Flug.
Es muss aber nicht gleich die Flucht ins Funkloch sein. Cem Basman etwa hat für sich eine ganz simple Lösung gefunden – allerdings eher unfreiwillig. Der frühere IT-Manager arbeitet heute als selbstständiger Berater, Initiator des Gründernetzwerks „StartupWeekend“ und Profi-Blogger. Rund 80 Prozent seiner Arbeit wickelt er über Handy, E-Mail und Internet ab, der persönliche Austausch mit seinen Kunden macht allenfalls 20 Prozent aus. Entsprechend wichtig sind für ihn seine technischen Geräte. Wie geht so einer damit um, wenn die Festplatte verreckt oder das Notebook geklaut wird? Beides passierte ihm kurz hintereinander. „Ich war kurz vor dem Herzinfarkt“, sagt Basman. Alles war weg: Adressen, Manuskripte, Schriftverkehr. Horror pur.
Das Missgeschick zeigte ihm aber auch, wie unnötig seine Panikattacke war. „Dabei habe ich festgestellt, wie unglaublich schnell Wissen veraltet“, sagt Basman. Viele Adressen, Manuskripte und Mails seien nach kurzer Zeit ohnehin irrelevant gewesen, andere Daten habe er leicht rekonstruieren können. Im Nachhinein sei er über den Verlust sogar froh gewesen, denn der habe ihm die Chance „für ein geistiges Aufladen“ gegeben. Er habe sich in dieser Zeit wieder auf das Wesentliche konzentriert: die wirklich wichtigen Informationen, die besten Freunde, die wichtigsten Gesprächspartner, die Familie. Seitdem löscht er sämtliche Blogeinträge in regelmäßigen Abständen: „Das befreit.“
Mal nicht erreichbar zu sein ist gut fürs Gemüt. Gleiches gilt auch im Umgang mit Kollegen. Werbemanagerin Heumann antwortet nur auf die allerwichtigsten E-Mails sofort. Auf alle anderen reagiert sie erst, wenn sie ungestört ist und sich konzentrieren kann. Das ist meist abends. So dehnt sich die Spanne zwischen E-Mail-Lesen und Beantworten aus. Vieles habe sich bis dahin „von selbst erledigt“. Heumann plädiert sehr für neue Umgangsformen elektronischer Kommunikation.
Solche Übereinkünfte unter Kollegen oder zwischen Chef und Mitarbeitern helfen, die Informationsflut frühzeitig einzudämmen. Das ist einfacher, als viele denken. Allein das Problem ehrlich anzusprechen kann bereits zur Lösung führen.
So war das auch bei Mars-Drinks-Chef Lischke. Verantwortungsbewusst, wie er ist, schickte er Mitarbeitern auch spätabends noch E-Mails. Ende Februar mailten Mitarbeiter seines Teams aus der Niederlassung im französischen Roissy eine Art Notruf zurück. Sie fühlten sich durch den nicht endenden Ideenfluss regelrecht „unter Druck“ gesetzt. Das Feedback zeigte Lischke, welches Vorbild er mit seinem eigenen Kommunikationsverhalten hat. Die Bitte der Franzosen brachte den gewünschten Erfolg: Seitdem sendet der Manager keine E-Mail mehr nach 19 Uhr.
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Terror 2.0
60Mrd. E-Mails werden täglich weltweit verschickt.
69% der Männer verfügen über eine persönliche E-Mail-Adresse, aber nur 53% der Frauen (Quelle: Bitkom).
13% der im Büro verschickten E-Mails sind privater Natur. Quelle: Vanson Bourne Institut im Auftrag von Hitachi Data Systems).
81 Prozent der Top-Manager beschäftigen sich mit der Frage, welche Informationen über sie im Internet kursieren (Quelle: LAB).
11 Minuten kann sich ein Büroarbeiter seiner Aufgabe widmen, bevor er abgelenkt wird. Danach dauert es im Schnitt 25 Minuten, bis er den Faden wieder aufgenommen hat. (Quelle: Universität in Kalifornien)
BACN (gesprochen: "Bacon") sind Mails, die man zwar bekommen will, nur nicht jetzt. Ursache sind meist Benachrichtigungen oder Freundschaftsofferten aus den virtuellen Netzwerken, in denen man Mitglied ist.
97 Mio. Handyanschlüsse gibt es in Deutschland - rund 20 Prozent mehr als Einwohner. Ende 2008 könnten es schon 107 Millionen Anschlüsse sein. (Quelle: Bitkom)
2 800 000 000 SMS werden täglich weltweit versendet. (Quelle: GSM Association)
80 Prozent aller empfangenen E-Mails sind Spam. Das Gros kommt aus den USA und China. (Quelle: Bitkom)
33% der im Büro verschickten E-Mails sind privater Natur. (Quelle: Vanson Bourne Institut im Auftrag von Hitachi Data Systems)
37 Prozent der Manager halten ihren Blackberry und 23 Prozent SMS als unverzichtbar für ihren Job. (Quelle: German Consulting Group)
71% aller Handynutzer versenden SMS. (Quelle: Bitkom)
48% der Arbeitnehmer haben eine eigene E-Mail-Adresse im Job. Bei den Selbstständigen sind es 76 Prozent, bei Arbeitern 9 Prozent. (Quelle: Bitkom, Forsa-Umfrage)
2 Stunden täglich sind Manager mit dem Bearbeiten ihrer E-Mails beschäftigt. Mindestens ein Drittel der Post ist irrelevant. Damit vergeudet jeder Manager täglich 40 Minuten hoch bezahlte Arbeitszeit. (Quelle: Henley Management)
Weitere Informationen zum Thema bei wiwo.de:
» „Ich mach dann mal Pause“ – ein Zeitmanagement-Ratgeber.
» „Karriere machen die Flexiblen“ – Interview mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler.
