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19.04.2008 

Wir informieren uns krank.

Erst kürzlich diagnostizierte der amerikanische Psychotherapeut Edward Hallowell eine neue Managerkrankheit: Attention De-ficit Trait (ADT), eine Konzentrationsschwäche bei Kopfarbeitern. Im Gegensatz zum Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADD) ist ADT nicht genetisch bedingt, sondern Folge von Hektik. Wer zu vielen Informationen ausgesetzt ist und immer mehr Dinge erledigen will, kann sich irgendwann nicht mehr konzentrieren, wird aggressiv, rastlos und unproduktiv. Der frühere Harvard-Arzt Hallowell schätzt die Verbreitung von ADT bei Managern auf „bis zu 40 Prozent“. Die Symptome: Führungskräfte spüren, dass sie unkreativer werden, immer oberflächlicher arbeiten und Probleme kaum noch hinterfragen.

Absurd ist nur, dass sie zwar darüber klagen, zu wenig Zeit zu haben. Aber insgeheim sind die meisten damit einverstanden, permanent abgelenkt zu sein. „Sie suchen sogar die Ablenkung“, sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Mitbegründer des Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Ob am Bahnsteig oder in der Flughafen-Lounge – kaum einer nutzt freie Wartezeit zur Muße oder zur Reflexion, sondern zückt lieber seinen Blackberry, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Einer Studie zufolge lesen 60 Prozent der amerikanischen Besitzer von mobilen E-Mail-Geräten ihre elektronische Post schon morgens im Bett, 37 Prozent während sie am Steuer sitzen, und zehn Prozent legen das Gerät gar über Nacht neben ihr Bett und antworten auch noch um drei Uhr morgens auf die E-Mails, sobald die im Posteingang bimmeln.

„Wir leben in einem Standby-Modus“, sagt Grünewald. Und der kann süchtig machen. So kennt der Psychologe einen Manager, der seinen Blackberry mit in den Urlaub nahm — wie das etwa in den USA bereits 83 Prozent aller Nutzer tun –, das Gerät aber nach einigen Tagen verlor. Der Mann kollabierte. Er war regelrecht auf kaltem Entzug und musste im Krankenhaus mit Beruhigungsmitteln behandelt werden.

Das mag ein extremer Einzelfall sein, latent gefährdet sind aber Millionen. Viele Manager haben ihre Abhängigkeit nur noch nicht erkannt: Wer seinen Posteingang häufiger überprüft als die Uhrzeit, beim Piepsen einer ankommenden Nachricht alles stehen und liegen lässt oder auf die Tastatur drückt, sobald der Bildschirmschoner den Blick „hinaus“ in die virtuelle Welt versperrt, zeigt erste Anzeichen.

Die Abhängigkeit von Aufmerksamkeit kann krank machen. Psychologen wissen, dass die persönliche Identität von zwei Aspekten abhängt: dem Grad der eigenen Autonomie und dem Status innerhalb einer Gruppe. Eingehende E-Mails geben dem Empfänger das Gefühl, wichtig zu sein. Wer unbedingt auf jedem Verteiler stehen will und an jeder Online-Diskussion teilnehmen muss, dem „fehlt die Zeit für sich selbst“, sagt Ernst Pöppel, Chef des Münchner Instituts für Medizinische Psychologie (IMP). Dazuzugehören wird wichtiger als der Wunsch, Kraft und Inspiration im Innersten, in der eigenen Persönlichkeit zu suchen. Der Blackberry wirkt wie ein Statusverstärker: Wie wichtig man ist, wird in allen Lebenslagen zur Schau gestellt — im Restaurant, im Zug, im Büro.

Selbst der Geschäftsführer des Blackberry-Erfinders RIM, Jim Balsillie, versucht nichts zu beschönigen: „Natürlich kann die ständige Verfügbarkeit süchtig machen“, sagte er in einem Interview: „Es kommt eben auf die Dosierung an.“ Ein Glas Schnaps sei nicht unbedingt schädlich. Aber wer davon 20 Gläser vor der Arbeit trinkt, habe ein ernstes Problem.

Wer sich ständig unterbrechen lässt, lebt in einer Art Dauerstress. Aus einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht hervor, dass Mitarbeiter die ständigen Störungen bei der Arbeit als besonders belastend empfinden: Mehr als die Hälfte der Befragten in den Büros beklagte den Konzentrationsterror durch dauernde Unterbrechungen. Durchschnittlich alle elf Minuten wird die Aufmerksamkeit der Kopfarbeiter auf etwas anderes gelenkt. Bis sie wieder zur ursprünglichen Tätigkeit zurückfinden, brauchen sie dann rund 25 Minuten.

Das frisst Energie. Doch die Kraftreserven „sind bei jedem Menschen nun einmal begrenzt“, sagt Michael Frese, Arbeitspsychologe an der Universität Gießen. Jeder brauche Phasen, in denen er sich entspannen kann. Kurze und häufige Pausen sind dabei sogar besser als ein langer Urlaub ein- oder zweimal im Jahr. Schließlich sind drei Tage nach der Auszeit die Entspannungs- und Glücksgefühle ohnehin meist wieder verschwunden, so das Ergebnis einer Studie der Universität Tel Aviv.

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