Auch die Namensfindung glückt unkonventionell. „Ein wahrer Kaffeefreund war Honoré de Balzac. Er soll täglich bis zu 70 Tassen Kaffee getrunken haben“, erzählt ihr ein Freund beiläufig. Kullmann horcht auf – das wäre doch ein guter Namenspatron. Ohne je ein Werk des französischen Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert gelesen zu haben, tauft sie ihren Kaffeeladen Balzac. Ihr gefällt auch der internationale Charakter: der Name französisch, die Idee amerikanisch, das Produkt italienisch und die Unternehmerin eine Deutsche.
Den Businessplan entwirft Kullmann zusammen mit einem alten Schulfreund – und der überzeugt prompt. Die Deutsche Ausgleichsbank findet Gefallen an „Balzac Coffee“ und gewährt einen Kredit von 150 000 Mark. Trotz dieser ersten Vorschusslorbeeren – Familie und Freunde bleiben skeptisch: „Nessie, warum willst du denn gerade ein Café eröffnen? Es gibt doch schon an jeder Ecke in Hamburg eines“, fragt etwa ihre Mutter Norma Kullmann, eine Heilpraktikerin. Auch Freundinnen sind verdutzt: „Du – eine Unternehmerin?“
Die Zweifel kommen nicht von ungefähr – das weiß auch Kullmann, die mit vollem Namen Vanessa Norma Luise Kullmann heißt. „Ich war nie eine Superschülerin, das Abi habe ich gerade so geschafft, und ich wusste lange nicht, was ich wollte – aber“, erzählt sie, „dass ich eines Tages einmal mein eigenes Ding mache, das stand für mich immer fest.“ Ein Selbstbewusstsein, das die junge Frau aus finanzieller Rückendeckung und liberalem Elternhaus hat und das sie trotz aller Emotionalität weit trägt – weiter als die meisten Menschen – und wohl auch weiter, als sie selbst sich zugetraut hätte. Kullmann überzeugt sie alle – die Freundinnen und die Familie. Die Mutter backt mit „Nessie“ die ersten Muffins, der Vater hilft als Ex-Vorstand des Handelskonzerns Otto mit ökonomischem Sachverstand, und die vier Jahre ältere Schwester Natalia beteiligt sich finanziell.
Wie ihr Namenspate Balzac hat Kullmann bis dahin ein unruhiges Leben geführt – stets auf der Suche. Nach dem Abitur verliert sich Kullmann erst einmal für zwei Jahre in der Modebranche: In Italien jobbt sie in Schneiderateliers, ein Bewerbungsschreiben an die Hamburger Modedesignerin Jil Sander bleibt unbeantwortet. Im Jahr 1994 startet Kullmann schließlich auf Drängen ihrer Eltern an der renommierten Textilfachschule Nagold eine Ausbildung zur Textilbetriebswirtin, die sie 1996 abschließt.
Viel schlauer fühlt sich Kullmann danach nicht, und gefunkt hat es auch nicht: „Immerhin wusste ich jetzt, was ich nicht will!“ Auch ruhiger ist sie durch die Ausbildung nicht geworden. Ihr nächster Fluchtpunkt ist New York, wo sie sich als Assistentin in der Mode- und Werbeszene durchschlägt. Die Lebensart der Metropole beflügelt sie, und kleine Erfolgserlebnisse wie der Aufstieg zum „Executive Assistent“ geben ihr Auftrieb und lassen sie Vorbilder suchen. Der Gründermut des Inders an der Ecke, der kaum Englisch spricht, den aber alle wegen seines fantastischen Chicken Currys lieben, steckt sie an: „Es kann doch nicht so schwer sein!“ Ihr „Wow-Erlebnis“ – wie sie es selbst formuliert – hat sie eines Mittags, als sie für sich und ihre Kollegen Kaffee bei Starbucks holt. Vor ihr in der Schlange wartet Filmstar Harrison Ford, hinter ihr zieht sich ein Obdachloser die Schuhe aus, und sie steht dazwischen. „Eine Kaffeehauskette à la Starbucks in Deutschland – das wär’s! Das ist mein Ding!“ Kullmanns Augen leuchten noch heute, wenn sie sich an diese Szene erinnert, die ihr Leben verändert hat.
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