Kai Ricke-Uwe zieht die Stirn in Falten. Er schaut nach oben, als würde er dort einen imaginären Punkt anvisieren. Er hält kurz inne, sagt dann: "Kann ich den Satz noch mal hören, nur zur Sicherheit." Peinlich genau achtet der ehemalige Telekom
-Chef darauf, dass der Richter seine Zeugenaussage richtig zu Protokoll gibt.
FRANKFURT. Nicht selten geht es vor Gericht zu wie im Boxring. Es wird geschlagen, geschubst, geklammert, aber auch taktiert und getäuscht. Auf die Präzision kommt es an. Vor der ersten Verhandlungspause im Prozess der rund 16 000 Kläger gegen die Deutsche Telekom liegt der Bonner Konzern nach Punkten vorn.
Nachdem der Vorsitzende Richter Christian Dittrich bereits zu Beginn des Prozesses den Vorwurf der Kläger, die Telekom
habe im Prospekt zum dritten Börsengang im Juni 2000 ihr Immobilienvermögen falsch angegeben, abgebügelt hat, droht auch der zweite wichtige Vorwurf wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Dabei geht es um die Frage, ob die Telekom
ihren Aktionären im Börsenprospekt die Verhandlungen über einen Kauf des US-Mobilfunkunternehmens Voicestream bewusst verschwiegen hat. Knapp 40 Milliarden Euro ließ sich die Telekom
den Deal kosten; am 23. Juli 2000 gab der Aufsichtsrat sein Okay.
Keiner der Zeugen hat bislang den Vorwurf der Kläger bestätigt. Weder Ex-Mister
-Telekom Ron Sommer noch Finanzchef Karl Eick-Gerhard oder der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Hans Winkhaus. -Dietrich Sie alle vermittelten den Eindruck, dass der Milliarden-Deal sehr kurzfristig, im Juli 2000, über die Bühne ging und deshalb nicht im Börsenprospekt vom Juni erwähnt werden musste. Unterschiede gibt es nur bei der Größe der Erinnerungslücken.
Auch Kai Ricke-Uwe hilft den Klägern nicht weiter. Der Frage, wann denn entschieden worden sei, Voicestream zu übernehmen, weicht er aus. Mit der Gestaltung von detaillierten Angeboten von potenziellen Übernahmen habe er nichts zu tun gehabt. Dafür sei sein Kollege Jeffrey Hedberg zuständig gewesen. "Meine Aufgabe war allein das operative Geschäft", sagt Ricke.
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Der ehemalige Vorstandschef sitzt kaum fünf Minuten auf dem Zeugenstuhl, da hat ihn Telekom
-Anwalt Bernd Schmitz-Wilhelm bereits mehrfach unterbrochen. Immer wieder besteht der Rechtsbeistand des Unternehmens darauf, dass Ricke nicht so formuliert habe, wie es der Richter für das Protokoll diktieren will. Ricke, der zunächst selbst keine Einwände erhebt, muss sich mehrfach seine eigenen Formulierungen vorlesen lassen und justieren - ein "detailliert" wegnehmen, dann den Ausdruck "Übernahme" durch "Angebot" ersetzen. Ricke kommt ins Schleudern, setzt neu an und wird wiederum korrigiert.
Der Ex-Telekom
-Chef nimmt seinen Auftritt sehr ernst. Eigentlich ist er als Zeuge in dem größten Anlegerprozess der deutschen Justizgeschichte geladen, und doch scheint er sich rechtfertigen zu wollen, als säße er auf der Anklagebank. Immerhin war er es, der im Jahr 2000 - damals als T-Mobile-Chef - im Hause Telekom
für die Übernahme des US-Mobilfunkunternehmens Voicestream geworben hat. Die Übernahme kostete bekanntlich viel Geld. Zu viel, sagen die Kritiker.
Einer, der es genauer wissen müsste, ist Max Hirschberger. Er muss kurz vor Ricke in den Zeugenstand. Hirschberger findet sich schnell zurecht. Schon einmal saß er auf der Theaterbühne des Veranstaltungssaals, in den das Oberlandesgericht den "Mammutprozess" verlegt hat.
Bei seinem vorherigen Auftritt hatte der Anwalt allerdings nicht als Zeuge Platz genommen, sondern als Rechtsbeistand für Ron Sommer. Die beiden sind alte Bekannte. Hirschberger war Sommers Mann für besondere Aufgaben. Er bereitete unter anderem den Markteintritt der Telekom
in den USA vor. Hirschberger war mittendrin, als die Voicestream-Übernahme im Jahr 2000 arrangiert wurde. Er kann sich nicht darauf berufen, von dem Voicestream-Deal erst aus der Zeitung erfahren zu haben - so wie es andere vor ihm getan haben.
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Sein ehemaliger Chef Sommer hatte wiederum Erinnerungslücken. Es sei nicht die Aufgabe eines Vorstandsvorsitzenden gewesen, sich um die "Technikalien" zu kümmern. Wer hat sich dann um die "Technikalien", die Fachfragen, gekümmert?
Hirschberger muss herhalten für alles, was Sommer im Ungefähren gelassen hat. Klägeranwalt Andreas Tilp hat sich an diesem Tag offenbar vorgenommen, den Zeugen nicht so leicht davonkommen zu lassen. Immer wieder bohrt er nach. Er will wissen, wer für die Buchprüfung zuständig gewesen sei. Hirschberger spielt mit den Bügeln seiner Brille, setzt sie ab, setzt sie wieder auf. In Bedrängnis gerät er nicht. Immer, wenn die Fragen brenzlig werden, scheint auch bei ihm die Erinnerung auszusetzen. Ob es schon am 7. März 2000 ein Treffen mit Voicestream-Vertretern gegeben habe? Hirschberger weiß davon nichts, will es aber auch nicht ausschließen.
Während der Befragung kommt es zu so erhellenden Dialogen wie diesem: "Wann hat die Durchführung der Due Diligence begonnen?" fragt Musterklägeranwalt Tilp und erhält von Telekom
-Anwalt Schmitz die erhellende Antwort: "Die Durchführung der Due Diligence beginnt, wenn man durchführt."
Bislang hat die Telekom
die Attacken abgewehrt. Aber das kann sich ändern - wie beim Boxen. Gestern setzten sich die Klägeranwälte mit einem Antrag auf Ausweitung der vor dem Oberlandesgericht verhandelten Streitfragen durch. Ausgang ungewiss.
