In Europa nutzen etwa 80 Prozent der Großunternehmen 360-Grad-Beurteilungen, schätzt Personalexpertin Rudy. "Im Vergleich zum Assessment-Center sind sie schnell, leicht einsetzbar und oft kostengünstiger." Im Mittelstand ist die Feedbackkultur weniger verbreitet. Oft führen Firmen die 360-Grad-Befragung en passant ein. Eine heikle Sache - und nicht in Zeiten von Personalabbau zu empfehlen.
Der Heiztechnikhersteller Vaillant aus Remscheid hat im Jahr 2000 schrittweise die Rundum-Bespiegelung für die 400 Führungskräfte weltweit eingeführt. Alle zwei Jahre darf sich jeder bewerten lassen - vom Geschäftsführer bis zum Werksleiter. "Allein schon durch seine Existenz hat das 360-Grad-Feedback das Verhalten der Manager stark beeinflusst", beobachtet Marcus Schmidt, Leiter Personalbetreuung.
Den Fragenkatalog hat sich Vaillant auf den Leib geschneidert - ohne externe Hilfe. Er ist anonym im Intranet auszufüllen. Die Einführung ist in der Regel mitbestimmungspflichtig. Etwa 20 Minuten dauert es, die 30 Fragen zu beantworten. Schmidt: "Viel mühseliger war es, die richtige Wortwahl zu finden, damit in unseren fünf Firmensprachen alle dasselbe verstehen."
Ist die Führungskraft innovativ? Diese Frage etwa konkretisiert Vaillant durch: "Schaut er um die Ecke, ist er visionär, und setzt er sich für ständige Verbesserungen ein?" Interessant: Auf große Skepsis stieß die Befragung zunächst in Vaillants Frankreich-Dependance. "Sich von Untergebenen und Kollegen bewerten zu lassen, das passte zunächst nicht in die dortige Unternehmenskultur", erzählt Schmidt.
Viele Manager haben unterschwellig Angst, sich der allgemeinen "Benotung" zu stellen. Der Zeugnischarakter erschwert die Akzeptanz, beobachtet Rudy von DDI. Weitere Tücken: Alles beruhe auf subjektiven Wahrheiten. Zahlen und Grafiken aber suggerierten Objektivität. Heidrick-&-Struggles-Experte Kell fügt hinzu: "Das 360-Grad-Feedback ist eine reine Nabelschau innerhalb einer Organisation. Deren blinde Flecken werden übersehen, was systemstabilisierend wirkt."
Verzerrte Wertungen durch Schönfärberei oder politische Spielchen sehen auch Experten als Problem. Kell zufolge mitteln sich die Werte meist und sind letztlich wenig aussagekräftig. Heinrich Wottawa, Professor für Personaldiagnostik in Bochum, beobachtet eine Noteninflation: "Alle streicheln sich gegenseitig. Wir Deutsche tun uns eben schwer mit negativer Kritik."
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