24.05.2007

Deutschland könnte aber an nationalem Verbot festhalten: Schleichwerbung unter Auflagen soll erlaubt werden

Schleichwerbung ist für deutsche Fernsehproduzenten ein Tabu. Zumindest scheinen sie seit dem Skandal um die ARD-Serie "Marienhof" bemüht, sich nicht dabei erwischen zu lassen - denn in Deutschland ist solche versteckte Werbung verboten.

Anzeige

HB BRÜSSEL. Dennoch wollten die EU-Kulturminister am (heutigen) Donnerstag unter deutschem Vorsitz eine europaweite Regelung festzurren, die das umstrittene "Product Placement" in Serien, Spielfilmen, Sportsendungen und leichten Unterhaltungsformaten erlaubt. Für die deutschen Produzenten bedeutet das noch keinen Freibrief: Die Bundesregierung kann nach dem Richtlinienentwurf nämlich an ihrem nationalen Verbot festhalten. Der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann räumte jedoch schon im November bei einer Sitzung in Brüssel ein, dass man diese Position wahrscheinlich nicht durchhalten könne - weil sie Wettbewerbsnachteile für die deutsche Film-Industrie bedeuten würde.

Denn in vielen anderen EU-Staaten verdient die Branche gut mit Product Placement, das dort längst gang und gäbe ist - von den USA ganz zu schweigen. Filme und Serien aus diesen Ländern laufen bekanntlich auch im deutschen Fernsehen - mitsamt der darin enthaltenen Werbung. Spätestens seit James Bond demonstrativ seinen Sportwagen zur Schau stellt, sind deutsche Zuschauer mit dem Phänomen Product Placement wohl vertraut.

Einige deutsche Politiker hätten das gern abgestellt. Doch ein europaweites Verbot der umstrittenen Werbeform war weder im Europaparlament noch unter den Regierungen der 27 Mitgliedstaaten durchzusetzen - die deutschen Bedenken stießen dort weitgehend auf Unverständnis, wie die CDU-Europaabgeordnete Ruth Hieronymi schon frühzeitig aus den Verhandlungen berichtete.

Hieronymi, die den Richtlinienentwurf als Berichterstatterin für das Parlament bearbeitete, erkannte in der Richtlinie dennoch eine Chance. Während für Schleichwerbung in den meisten EU-Staaten bislang überhaupt keine Regelung existiert, zieht das neue Gesetz klare Schranken ein: In Kindersendungen, Nachrichten, Dokumentationen und anderen Informationsformaten soll verdeckte Werbung europaweit verboten werden.

Zudem konnte Hieronymi in Verhandlungen mit dem Rat, der Vertretung der EU-Regierungen, eine Kennzeichnung von Product Placement durchsetzen: Vor und nach jeder Sendung, die verdeckte Werbung enthält, soll ein Warnhinweis eingeblendet werden.

Dieser Kompromiss sollte am Donnerstagnachmittag von den EU-Kulturministern angenommen werden. Das Europaparlament wird die Richtlinie voraussichtlich im September verabschieden, für ihre Umsetzung haben die Mitgliedstaaten dann zwei Jahre Zeit - in Kraft treten wird die Neuregelung also voraussichtlich im Jahr 2010.

Ob das deutsche Verbot das Jahr 2010 überlebt, hängt nicht zuletzt von den Bundesländern ab. Dort gebe es zum Teil starkes Interesse, Product Placement zuzulassen, sagte die EU-Abgeordnete Hieronymi der Nachrichtenagentur AP. Mit der zunehmenden Verbreitung von Video-on-Demand werde Product Placement als Einnahmequelle "bedauerlicherweise" immer attraktiver, sagte Hieronymi: Wer Filme und Sendungen etwa aus dem Internet herunterlade, könne klassische Werbepausen "einfach wegzappen" - Product Placement dagegen lässt sich von der eigentlichen Sendung nunmal nicht trennen.

0 Bewertungen:
Jetzt bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
  • Webnews
  • Del.Icio.Us
  • Mr. Wong
  • Digg
  • Y!GG
  • Linkarena
  • Google
  • Mein Yahoo!
  • Wikio
Anzeige

Weitere Artikel der Rubrik Unternehmen

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle: "Der Antrag wird sorgfältig geprüft" Foto: dpa

GM-Sanierungsplan:  Breite Front gegen Staatshi...

Die Zweifel an der Sanierungsfähigkeit des Autoherstellers wachsen. Der gestern von GM off...

Medienkonzern:  Disney übertrifft mit TV-Ge...

Der US-Unterhaltungsriese Walt Disney hat die Krise endgültig abgehakt. Der Heimatkonzern ...

Blogkommentare zu diesem Artikel

Anzeige

Handelsblatt Legal Success

Best Lawyers: Die Top-Wirtschaftsanwälte in Deutschland

Best Lawyers: Die Top-Wirtschaftsanwälte in Deutschland

Finden Sie für jeden Fall den Richtigen! Best Lawyers hat exklusiv für das Handelsblatt eine Liste von über 1000 deutschen Juristen aus 41 Rechtsgebieten erstellt, die von Kollegen empfohlen werden.


Die Top-Wirtschaftsanwälte weltweit

Anzeige
  • Die Regionen der Zukunft

    Die Regionen der Zuk...

    Es muss nicht immer London, Paris oder Berlin sein. Spannende Jobs und hohe Lebensqualität gibt es auch fern der Ballungszentren. Von Ostwestfalen über die Main...

  • Nach der Uni noch ein Praktikum?

    Nach der Uni noch ei...

    Nach der Uni ein Praktikum? Die Bachelor- und Master-Absolventen sind verunsichert: Nach dem Studium haben sie kaum Praxiserfahrung, sollen aber nun in die Arbe...

  • Das Zeugnis selbst schreiben

    Das Zeugnis selbst s...

    Viele Chefs verlangen, dass sich Praktikanten ihr Zeugnis selbst schreiben. Nur stellt sich die Frage: Wie macht man das? Und was muss unbedingt drin stehen? W...

  • Klare Trennung zwischen Job und Privatleben

    Klare Trennung zwisc...

    Burn-Out, Depressionen und Ehekrach. Der Arbeitspsychologe Michael Kastner von der Universität Dortmund forscht über die Veränderungen in der Arbeitswelt und di...

  • Das Geschäft mit der Sonne

    Das Geschäft mit der...

    Die Solarbranche erlebt gerade ihre erste Krise. Doch das Unternehmen Solarworld trotzt dem Abwärtstrend und stellt weiter ein. Vor allem bei Berufseinsteigern ...

  • Studieren in Russland

    Studieren in Russlan...

    Ein Studium an einer russischen Elite-Universität bedeutet harte Arbeit vom ersten Semester an. Wer sich den Einstieg in den Uni-Alltag dagegen leicht machen wi...

  • Deutschland exportiert sein Wissen

    Deutschland exportie...

    Die deutschen Hochschulen drängen ins Ausland. Sie gründen Unis in China, schicken Professoren in den Oman und versuchen so, ausländische Studenten nach Deutsch...

  • Auswärtiges Amt fördert Akademiker

    Auswärtiges Amt förd...

    Ob Europäische Union oder Vereinte Nationen - an der Spitze der 200 internationalen Organisationen spielen Deutsche kaum eine Rolle. Das Auswärtige Amt fördert ...

  • Fernstudium: Was muss ich beachten?

    Fernstudium: Was mus...

    Fernstudiengänge werden immer beliebter – vor allem bei Berufstätigen. Der Wunsch nach einem Karriere-Turbo ist die häufigste Motivation, aber auch wer sein Fac...

  • Unter Terrorverdacht

    Unter Terrorverdacht

    Frank Asbeck, 50, ist heute Chef des Energieunternehmens Solarworld in Bonn. Sein erstes Geld verdiente er aber als Zeitungsjunge auf dem Land. Dabei wurden ihm...

Der Jobturbo durchsucht für Sie mehr als 215.000 Stellenanzeigen in über 36 deutschen Stellenbörsen.

Anzeige