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19.02.2008 
Informationstechnik

Tempomacher fürs Geschäft

von Bert Fröndhoff

Durch die ständige Weiterentwicklung von Informationstechnologien ändern sich auch die Anforderungen an Firmen und ihre Mitarbeiter. Doch nicht nur alltäglich Arbeitsabläufe werden durch neue Technik beeinflusst, auch ganze Geschäftskonzepte stehen unter diesem Einfluss. Dabei lohnt es sich für Unternehmen, einige Trends besonders im Auge zu behalten.

DÜSSELDORF. Mitarbeiter - dieses Wort klingt zu profan. Wenn Unternehmen wie etwa die Leverkusener Bayer AG heute von ihren Mitarbeitern reden, dann heißen diese schon mal "Information worker". Das klingt nicht nur ein bisschen wichtiger, sondern soll auch den Trend widerspiegeln: Die Jobs der Zukunft werden mehr denn je vom Umgang mit Daten, Software, Internet und Informationstechnik geprägt sein.

Und das gilt nicht für die Arbeit, sondern für ganze Unternehmenskonzepte. "Die IT wird in den nächsten Jahren der entscheidende Treiber bei der Veränderung der Geschäftsmodelle sein", prognostiziert Hubert Österle, Professor am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen. Er glaubt, dass Unternehmen die Möglichkeiten durch Vernetzung intern und mit anderen Firmen, Kunden, Produktionsstätten oder Forschungseinrichtungen noch längst nicht ausschöpfen. "Wir stehen da erst am Anfang."

Das sehen auch die Business-Technology-Experten der Unternehmensberatung McKinsey so. "Es geht nicht um die IT selbst, sondern darum, wie die Unternehmen mit deren Hilfe ihr Geschäftskonzept erfolgreich verändern", heißt es in der Untersuchung von McKinsey. Welche Trends und Chancen Unternehmen im Blick behalten sollten, hat die Unternehmensberatung in einer aktuellen Studie zusammengestellt (Details in den beiden unten stehenden Texten). Letztlich geht es bei allen Ansätzen darum, die traditionellen Unternehmensgrenzen weiter aufzubrechen: etwa um schneller an bessere Ideen für Produkte zu kommen oder um näher an die Kunde zu rücken.

Die Veränderungen zeigen sich bereits deutlich in der Forschung & Entwicklung der Unternehmen: Einst waren die eigenen Labors Brutstätten von Innovationen. Heute kommt beispielsweise beim US-Konsumgüterkonzern Procter & Gamble mehr als die Hälfte der Ideen von außerhalb. Im Extremfall werden Produkte durch Kunden oder externe Netzwerke sogar selbst entwickelt.

Möglich wird dies durch neue Internettechnologien, in die viele Unternehmen derzeit massiv investieren. Sie sind nicht nur die Basis für die Netzwerke nach außen, sondern auch im Unternehmen selbst: Die "Information workers" in den weltweiten Teams der Bayer AG werden etwa durch interne Wikis und Blogs unterstützt, auf denen sie ihr Wissen teilen und sich austauschen.

Experten wie die des Marktforschungsunternehmens IDC nennen das neue Kind "Enterprise 2.0" - es geht um die zielgerichtete Kommunikation mit einer Vielzahl von Außenstehenden. Die IT soll nicht nur neue Formen der Interaktion ermöglichen, sondern Managern Entscheidungsgrundlagen liefern und helfen, die Kosten zu senken.

Die Chance ist zugleich Herausforderung: Unmengen von Daten häufen sich jeden Tag bei den Unternehmen aus verschiedenen IT-Systemen an. Sie müssen richtig interpretiert und zusammengeführt werden. Thomas Davenport, Professor an der US-Business-School Babson, glaubt, dass sich der Wettbewerb zwischen Unternehmen künftig viel stärker an der "Analytik" entscheidet: also an Vorhersage, Planung und Entscheidungsfindung auf Grundlage einer intelligenten Interpretation von Daten.

Manager sollten im Auge behalten, ob sich in ihrem Geschäft Chancen für auf IT basierende neue Geschäftsmodelle auftun oder zeigen. Die Barrieren sind nicht Software und Systeme selbst, merkt Informatikprofessor Österle an - sondern die Manager, die der Datenanalyse skeptisch gegenüberstehen und nur aus dem Bauch heraus entscheiden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Trends der Branche, Teil eins

Trend 1: Intensive Netzwerke mit Kunden und Spezialisten

Co-Kreation - Die Welt forschen lassen: Lange Zeit lag der Kern der Forschung & Entwicklung in den Labors der Firmen. Doch mit der zunehmenden Vernetzung verändert sich der Innovationsprozess der Firmen rasant: Die Technologie ermöglicht es, Wissen aus allen Teilen der Welt anzuzapfen und in die eigene F&E einzubinden. Die Ansätze gehen weit über die bekannte Kundeneinbindung hinaus. Prägnantestes Beispiel ist das Angebot der US-Firma Innocentive: Konzerne wie Procter & Gamble oder BASF wenden sich mit Problemen an Innocentive, die dann über das Internet eine Art weltweite Ausschreibung an Wissenschaftler und private Tüftler initiiert. Co-Kreation bedeutet aber mehr als nur das Anzapfen von Wissen: Unternehmen übertragen dabei einzelne F&E-Aufgaben an externe Netzwerke, lagern die Suche also aus. Vorteil: mehr Ideen, schnellere Lösungen. Nachteil: Die Unternehmen geben einen Teil der Kontrolle und des geistigen Eigentums ab. Diese Vorgehensweise gibt es in der Software, Beispiel das Betriebssystem Linux: Die Entwicklung treibt eine Internetgemeinschaft voran, Firmen wie Sun verstehen sich nur noch als Dienstleister. Auch in der Medizin gibt es erste Ansätze.

Kunden liefern Innovation: Schnell schreitet die intensivere Einbindung von Kunden in den Innovationsprozess voran. Getrieben wird dies von neuen Internettechnologien, die eine viel intensivere Kommunikation und Zusammenarbeit ermöglichen: Die US-Firma Threadless etwa stellt Shirts nach Vorlagen von Mitgliedern ihrer Internet-Community her - über die besten Vorlagen stimmt die Gemeinschaft ab. Die Firma eröffnet nach dem Erfolg im Internet in Chicago jetzt das erste Geschäft. Aber auch Firmen wie der deutsche Autozulieferer Webasto nutzen "user innovation" mit Hilfe des Internets: Die Firma aus der Nähe von München baut eine Online-Plattform auf, auf der Produkte gemeinsam mit Kunden - etwa Auto-freaks - designt und entwickelt werden sollen. Solche Kundeneinbindung gibt es zwar schon länger, die neuen Technologien ermöglichen aber ganz neue Ansätze und Einblicke in die Bedürfnisse.

Spezialisten weltweit nutzen: Die Vernetzung ermöglicht auch neue Formen der Zusammenarbeit. "Software und Internet vereinfachen und verbilligen die Kooperation von Unternehmen mit einer wachsenden Zahl freier Spezialisten weltweit", heißt es in der McKinsey-Untersuchung. Gemeint sind hier etwa Spezialisten für Finanzen oder Marketing in einer speziellen Region. Vor allem in der Softwareentwicklung selbst, im Gesundheitsmarkt und den unternehmensnahen Dienstleistungen erwartet die Unternehmensberatung mehr dieser neuen Arbeitsmodelle, die nicht auf einem Angestelltenverhältnis beruhen.

Mass Customization: Die neue IT- und Webtechnologie ermöglicht es, dass Kunden ihre Produkte mit Hilfe eines Konfigurators nach ihrem Geschmack selbst gestalten. Anders als bei der "user innovation" entwickeln sie keine neuen Produkte, sondern gestalten etwa einen Sportschuh farblich ganz nach ihren Vorstellungen. Hinter dieser "individualisierten Massenfertigung" oder "mass customization" steckt ein IT-gesteuertes Fertigungskonzept. Es erlaubt Herstellern, individuelle Kundenbedürfnisse zu bedienen und zugleich die Vorteile einer Massenfertigung zu nutzen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Trends der Branche, Teil zwei

Trend 2: Stärkung der internen Unternehmensabläufe

Wissen im Unternehmen teilen: Die Qualität der Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens ändert sich: Viele einfache und wiederkehrende Prozesse - besonders in der Produktion und in der Verwaltung - sind bereits automatisiert oder werden es noch. Stattdessen ist in den Jobs Koordination und Steuerung gefragt: Statt um einfache Tätigkeiten geht es bei Unternehmen in hoch entwickelten Ländern viel stärker um interne Kommunikation, Koordination, Verhandlungen, und es gibt mehr Teams, die schnell und ad hoc zusammengesetzt werden. McKinsey rechnet damit, dass im Jahr 2015 bereits 44 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Amerikas primär in solchen interaktiven Jobs tätig ist.

Blogs und Wikis:

Damit diese interne Zusammenarbeit erfolgreich ist, brauchen Firmen die nötige technische Unterstützung vor allem durch die IT: Das Wissen wird beispielsweise zunehmend durch "Wikis" und Weblogs im Unternehmensnetzwerk geteilt, ebenso werden Systeme entwickelt, in denen Teams weltweit virtuell arbeiten können. Wer dafür schnelle und effiziente IT-Lösungen schafft, habe einen großen Wettbewerbsvorteil, argumentiert McKinsey. Experten wie Thomas Malone, Professor am Massachusetts Institute of Technology, prognostizieren mit Blick auf die neuen Kommunikationstechniken bereits eine grundlegend veränderte Firmenorganisation: viel weniger Hierarchien, weg von "command & control" und hin zu "coordinate & cultivate".

Datenmenge intelligent interpretieren: In den Unternehmen sind bereits heute unzählige Systeme installiert, die wahre Datenberge schaffen. Software für das "Enterprise Resource Planning" steuert den internen Ablauf in Firmen, andere Programme sollen helfen, den Kunden bestmöglich zu umsorgen, wiederum andere steuern die Lieferkette. Die Herausforderung besteht darin, die gewonnenen Daten zu verbinden und zu interpretieren, um daraus die richtigen strategischen Schlüsse fürs künftige Geschäft ziehen zu können - Stichwort "Business Intelligence". Wer das gut schafft, kann sich ebenfalls von der Konkurrenz absetzen.

Aus Daten werden Dienste: Diese Herausforderung ist umso größer, als dass Menge und Qualität der Daten im Zuge der steigenden Automatisierung ständig wachsen. Die Informationen können auch dazu genutzt werden, die Kundenbindung zu stärken. Beispiel: Paketdienste haben ihren internen Warenfluss mit dem Internet gekoppelt, so dass die Kunden nachschauen können, wo ihr Paket sich befindet und wann es geliefert wird.

Kapazitäten besser ausnutzen: IT- und Webtechnologie kann Unternehmen auch helfen, die eigenen Ressourcen besser auszunutzen, heißt es in der Untersuchung von McKinsey. Ein Beispiel dafür ist Amazon: Der Internethändler will seine Logistik- und Vertriebskapazitäten anderen Händlern zur Verfügung stellen und damit eine weitere Einnahmequelle schaffen. Zudem können unabhängige Softwareentwickler Kapazitäten an der IT-Infrastruktur von Amazon mieten. Ähnliches ist auf dem Mobilfunkmarkt schon üblich, wo Netzbetreiber Kapazitäten an Dienstleister verkaufen. Es bleibt abzuwarten, ob solche Geschäftsmodelle verstärkt zu sehen sein werden, denn sie bergen Gefahren, etwa wenn es um sensible Daten geht.

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