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23.11.2007 
Ansparen von Arbeitszeit

Überstunden fürs Urlaubskonto

von Lars Reppesgaard

Flexibles Arbeiten durch Zeitwertkonten lohnt sich nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für die Unternehmen. Doch was passiert mit dem Gesparten, wenn Mitarbeiter ihren Job wechseln? Und was wird aus dem Zeitvermögen, wenn der Arbeitgeber Insolvenz anmeldet?

Mancher Mitarbeiter träumt am Schreibtisch von einem monatelangen Urlaub in der Karibik. Foto: dpaLupe

Mancher Mitarbeiter träumt am Schreibtisch von einem monatelangen Urlaub in der Karibik. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Keine Zeit, den riesigen Berg von Überstunden und Urlaub abzubauen? Dabei träumen Sie schon immer davon, mal ein paar Monate durch die Karibik zu segeln. Oder ein Sabbatjahr zu nehmen, um in Paris endlich den richtigen französischen Akzent draufzukriegen. Oder sich ganz einfach zwei Jahre früher zur Ruhe zu setzen – bezahlt versteht sich und ohne zu kündigen.

Schon fast jedes dritte Unternehmen hierzulande ermöglicht seinen Mitarbeitern, Mehrarbeit und Teile seines Gehalts anzusparen und in bezahlte Freizeit umzuwandeln. Ein weiteres Viertel plant kurz- bis mittelfristig, solche Zeitwertkonten einzuführen – vor allem mittelständische und große Firmen. Das hat das Beratungshaus Rauser Towers Perrin ermittelt.

Ansparen von Arbeitszeit bringt nicht nur den Beschäftigten Vorteile und Flexibilität, sondern auch den Unternehmen. Überfordern doch Überstundengelder bei Auftragsspitzen allzu oft die Finanzkraft selbst mittlerer Betriebe. Wenn später nicht viel zu tun ist, müssen diese trotzdem alle Mitarbeiter irgendwie beschäftigen und durchfüttern. Arbeitszeitkonten erlauben es Unternehmen zu „atmen“. Sie sind daher besonders für Branchen mit schwankender Auftragslage attraktiv.

Möglich sind solche Zeitwertkonten seit 1998, als das Gesetz zur sozialrechtlichen Absicherung flexibler Arbeitszeitkontenmodelle, kurz Flexi-Gesetz, in Kraft trat. Teile des Entgelts, Überstunden, Urlaub oder Sonderzahlungen werden in Beiträge auf ein Leistungskonto umgewandelt und wie bei einem Sparbuch angelegt und verzinst. Mit dem Guthaben können Sabbaticals, Bildungsurlaube oder andere Auszeiten bezahlt oder ein frühzeitiger Renteneintritt finanziert werden. „Seitdem Altersteilzeit nicht mehr staatlich gefördert wird, suchen Arbeitgeber eine Möglichkeit, den sukzessiven Ausstieg von Beschäftigten im Alter finanzieren zu können“, sagt Claudio Thum, Manager bei Rauser Towers Perrin.


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Und auch für Mitarbeiter zahlen sich Zeitwertkonten finanziell aus: Denn die Einzahlungen fließen abgabenfrei auf das Sparkonto. Steuern und Sozialabgaben werden erst fällig, wenn der Mitarbeiter die bezahlte Auszeit nimmt. Weil er in der Arbeitspause kaum Einnahmen hat, fallen weniger Steuern an. Und bis dahin erwirtschaftet das Geld abzugsfrei Zinsen. Unter anderem bieten die Deutsche Bank, Ford, die Deutsche Bahn und die Deutsche Telekom ihren Mitarbeitern Sparkonten für Auszeiten an – inzwischen auch als Instrument zur Mitarbeiterbindung. „Zeitwertkonten machen uns als Arbeitgeber attraktiv. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht“, bestätigt Wilfried Krüger, Leiter Personal Steuerung und Strategie bei Volkswagen in Wolfsburg. VW führte als erstes Großunternehmen in Deutschland vor zehn Jahren Zeitwertkonten ein. „Unsere Mitarbeiter sind damit sehr zufrieden. Wir ermöglichen es ihnen, früher auszuscheiden, und verhindern zugleich eine Überalterung der Belegschaft“, berichtet Krüger.

Bei VW nutzen bereits 95 Prozent der Belegschaft die sogenannten Zeit-Wertpapiere. Doch bis solche traumhaften Nutzerquoten erreicht sind, müssen Firmen viel Überzeugungsarbeit leisten – von Rundschreiben bis zu Handzetteln auf dem Kantinentisch. Thum: „Das A und O ist die Kommunikation. Nur dann bekommt man gute Teilnahmequoten. Die Modelle dürfen außerdem nicht zu komplex sein, sonst verstehen sie die Leute nicht mehr.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Aller Anfang ist schwer

Aller Anfang ist schwer: Legen im ersten Jahr nur drei bis fünf Prozent der Belegschaft Zeitwertkonten an, ist das nicht ungewöhnlich. Wenn nach einigen Jahren ein Drittel der Mitarbeiter ein solches Konto besitzt, ist das laut Rauser Towers Perrin ein Erfolg.

Bei der Deutschen Bahn etwa nutzen rund 3 900 der etwa 230 000 Mitarbeiter das Langzeitkonto. Dort können sie seit 2005 die Hälfte ihrer Überstunden ansparen. Derzeit beobachten die Personaler aber, dass die Zahl der Interessenten rasch steigt. Auch beim Mannheimer Energieversorger MVV Energie, der im August 2006 Zeitwertkonten einführte, nutzen derzeit nur 61 der rund 6 700 Mitarbeiter die Konten. Katrin Geeb, die das Zeitwertkontenprogramm bei MVV betreut, ist dennoch zufrieden: „Mitarbeiter brauchen lebendige Beispiele und wollen sehen, welche Erfahrungen Kollegen machen, die an dem Modell teilnehmen. Das braucht eine gewisse Zeit.“ Ein MVV-Mitarbeiter etwa hat sich gerade einen angesparten Monat Auszeit gegönnt, um sein Haus fertig zu bauen.

Dass sich Zeitwertkonten vielerorts nur zögerlich durchsetzen, hat vielschichtige Gründe. Oft scheuen Personaler schlichtweg den Aufwand. Denn die Modelle so zu formen, dass sie zu anderen Personalinstrumenten wie Überstundenkonten oder der betrieblichen Altersvorsorge passen, ist kompliziert. Auch sollten Zeitwertkonten in einem Unternehmen tunlichst nicht für alle gleich aussehen. Der Arbeiter am Band hat eben ganz andere Wünsche als der Vertriebsleiter.

Und auch für Arbeitnehmer können Zeitwertkonten Tücken haben. Was wird zum Beispiel aus dem angesparten Zeitvermögen, wenn der Arbeitgeber Insolvenz anmeldet? Grundsätzlich gibt es insolvenzsichere Modelle. Doch mitunter verzichten Unternehmen aus Kostengründen auf diese Absicherung. Arbeitsrechtsexpertin Marianne Waldenmaier von der Kanzlei Linklaters LLP in München: „Es gibt noch keine erzwingbare gesetzliche Pflicht, das Modell auf seine Insolvenzsicherheit hin überprüfen zu lassen.“ Hier können Mitarbeiter aber durch Wachsamkeit sichergehen, dass die Weichen richtig gestellt werden. Waldenmaier: „Bei Zeitwertkonten gibt es ein Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats. Der ist also gut beraten, das Modell genau unter die Lupe zu nehmen.“

Doch selbst bei der allergründlichsten Prüfung der Zeitwertmodelle gibt es auf eine andere Frage noch keine befriedigende Antwort: Was passiert mit dem Gesparten, wenn Mitarbeiter ihren Job wechseln? Theoretisch ist es zwar möglich, die angesparten Zeit- und Geldbeträge von einem Arbeitgeber zum anderen zu übertragen. Praktisch geschieht das aber so gut wie nie. „Arbeitgeber sind immer zurückhaltend, wenn es darum geht, Verpflichtungen des Vorarbeitgebers zu übernehmen“, weiß Anwältin Waldenmaier. „Deswegen werden viele Zeitwertkonten nicht übernommen. Und immer, wenn das Geld ausgezahlt wird, ist der Betrag sozialversicherungs- und lohnsteuerpflichtig.“ Damit platzen zeitgleich der Traum vom Aussteigerjahr in der Karibik und die finanziellen Vorteile des Zeitwertsparens.

Nicht einmal beim Zeitwertkonten-Pionier Volkswagen gibt es bisher die Möglichkeit, die Zeitwertbeträge aus anderen Firmen zu übernehmen. „Die Voraussetzungen sind einfach zu unterschiedlich, die Modelle nicht miteinander kompatibel. Ein Punkt, den der Gesetzgeber besser regeln müsste“, fordert VW-Personalexperte Krüger. Schließlich sind die Zeiten vorbei, dass jemand ein Leben lang einem Unternehmen treu bleibt.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: So funktionieren Zeitwertkonten

So funktionieren Zeitwertkonten

Clever sparen: Teile des Entgelts, Überstunden, Urlaub oder Sonderzahlungen werden in Beiträge auf ein Leistungskonto umgewandelt. Vorteil: Beträge werden brutto verzinst, Belastungen auf Lebensphasen mit geringeren Einkünften verteilt.

Selbst entscheiden Das Wertguthaben: finanziert den vorzeitigen Ausstieg aus dem Job oder Sabbaticals und andere Arbeitspausen. Wichtig ist dabei: vorher die Nutzungsart festlegen und dazu ein passendes Anlagemodell auswählen.

Genau prüfen: Unternehmen sind nicht verpflichtet, Zeitwertkonten gegen Insolvenz abzusichern. Jedes vorgelegte Modell ist also auf Risiken zu untersuchen. Wer einen Jobwechsel absehen kann, sollte die Finger von Zeitwertkonten lassen.

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