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26.04.2005 
Abdriften in eine Scheinwelt

Verbotene Doktorspiele

von Chris Löwer, Handelsblatt

Wegen zwei Buchstaben nahm seine Karriere ein jähes Ende: Im Februar musste Thomas Kühr den Vorsitz der Geschäftsführung der Telekom-Tochter T-Venture Holding aufgeben. Unfreiwillig. Gestolpert war der Gründungsvorsitzende der Risikokapitalfirma über die zwei Buchstaben „Dr.“, mit denen er seinen Namen – nicht ganz wahrheitsgemäß – verschönert hatte.

Erst ein Pressebericht brachte den Manager ins Straucheln. Dort hieß es, der 58-Jährige habe 1993 seinen Doktortitel an einer Schweizer Briefkastenuni erworben. Kurz darauf war er seinen Job los. Bei T-Venture herrscht in dieser Causa Schweigen im Walde. „Kein Kommentar.“

Peinliche Sache. Schlimm für den Schwindler: Die vermeintlich kleine Flunkerei – egal ob der Titel frei erfunden oder von einer Briefkastenuni kommt – entpuppt sich früher oder später als kapitaler Karrierekiller. Die Frage ist nur: Warum gehen klar denkende Führungskräfte ein derart hohes Risiko ein?

„Der Reiz, diese beiden Buchstaben zu tragen, übt eine ungeheure Anziehung aus“, weiß Alexander Leschinsky von der Kienbaum Managementberatung. Zu viele gehen wie selbstverständlich davon aus, nicht erwischt zu werden. „Schließlich klopft im normalen Geschäftsalltag niemand Visitenkarten daraufhin ab, ob der darauf verzeichnete Titel rechtmäßig erworben worden ist oder ob es überhaupt einen gibt“, so Leschinsky. Allenfalls Personalberater, Headhunter oder zuweilen Journalisten. Dann wird’s eng. Wie unlängst bei A.T. Kearney-Europa-Chef Michael Träm, den auch das verbotene Doktorspiel zu Fall brachte. Immerhin war der 41-Jährige seit 14 Jahren in führenden Positionen bei der Managementberatung beschäftigt.

So irrational diese blitzgefährliche Flunkerei anmutet: Die, die sich darauf einlassen, kalkulieren kühl, vermutet der Kienbaum-Berater: „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen? Und wie groß ist die Chance, aufzusteigen? Diese zwei Fragen werden gegeneinander abgewogen.“ Vielen erscheint der Schwindel als Kavaliersdelikt, und akademische Grade können immer noch ein Karriereturbo sein. Leschinsky bringt dies auf die Formel: „Nichtakademiker müssen erst beweisen, dass sie etwas können. Akademikern muss man erst beweisen, dass sie nichts können. Ein Doktortitel bedeutet einen großen Startvorsprung.“

Ein Umstand, den Titel-Trickser völlig überwerten, meint Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Sie gehen davon aus, dass der fehlende Titel der letzte Mosaikstein zum Erfolg ist. Die Wirkung wird überschätzt.“ Den Täuschern gehe es darum, ein Gefühl von Minderwertigkeit und Unvollständigkeit zu kompensieren. „Letztlich ist der selbst besorgte Titel eingebettet in die Gier nach Mehr. Nach mehr Erfolg, Geld, Macht, Status, Anerkennung“, analysiert der Psychologe.

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