Damit einher kann das Abdriften in eine Scheinwelt gehen, die den inneren Kontrollmechanismus, der üblicherweise von dieser Unehrlichkeit abbringen müsste, außer Kraft setzt. „Das kann bis zu einer Form von Autismus reichen, vor allem aber zu dem festen Glauben führen, nicht erwischt zu werden.“ Was eine gewisse Nonchalance, um nicht zu sagen Dreistigkeit, beim Umgang mit Fälschungen erklärt.
Frey bescheinigt den Machern, die sich im Alltag hart geben, Schwäche: „Hinter solchen Aufschneidereien verbirgt sich eine schwache Persönlichkeit. Reife, in sich ruhende Charaktere haben so etwas nicht nötig.“ Genauso sieht das auch Dieter Stein, Personalberater und Mitgeschäftsführer von Ray & Berndtson: „Wenn jemand bereits auf dem Zenit seiner Karriere noch einen Titel anhängt, dann steckt dahinter zerfressender Ehrgeiz gepaart mit mangelndem Selbstbewusstsein.“ Und: „Die Konsequenz kann nur lauten – fristlose Kündigung“, sagt Stein. „So jemand ist nicht zu halten.“
Auch für Schering-Personalreferentin Gabriele Liebmann ist die Sache ein klarer Fall: „Wenn das auffliegt, ist das der Karriereknick schlechthin.“ Am Rauswurf führt kein Weg vorbei. Schlimmstenfalls kommen Aufschneider obendrein vor den Kadi. „Der Missbrauch von Titeln ist strafrechtlich relevant“, warnt Jürgen Wessing, Fachanwalt für Strafrecht der Düsseldorfer Kanzlei Wessing II/Verjans Rechtsanwälte. Ein Strafbefehl über 60 Tagessätze kann durchaus blühen: „Dies entspricht zwei Monatsverdiensten“, verdeutlicht Wessing. Gleichwohl gelingt es manchmal durch „geschickte Argumentation“, dass das Verfahren eingestellt wird. Ist aber Urkundenfälschung im Spiel, hilft auch kein raffiniertestes Herauswinden mehr. „Die Grenze zum Kriminellen ist rasch überschritten“, weiß auch Berater Leschinsky.
Bleibt nur die Frage, warum gleich mit Kündigung abgestraft werden muss, wer gute Arbeit leistet, wem aber lediglich seine Eitelkeit zum Verhängnis wird? Tut es als Konsequenz denn nicht auch ein Job zwei Stufen tiefer, ein Degradieren? „Das ist eine Frage der sozialen Hygiene. Wenn bekannt wird, dass jemand geschwindelt hat, ist er untragbar. Ansonsten leidet die Kultur der Ehrlichkeit“, erklärt Leschinsky. Psychologe Frey sieht das ebenso: „Wer derart Unehrlichkeit vorlebt, kann kein Vorbild sein. Absolut indiskutabel.“ Keine Gnade, nirgends. Denn: Geht ein falscher Doktor durch, werden weitere folgen. Am Ende wäre der Ehrliche wirklich der Dumme. Kienbaum-Berater Leschinsky vergleicht: „Wenn jemand in die Portokasse greift, würde man ihn dann zwei Ebenen tiefer arbeiten lassen?“ Wohl kaum.
