Segmentbilanzen, fehlerhafte Wertermittlungen oder unvollständige Berichte über die Lage eines Unternehmens – die Liste der Fehler, die börsennotierte Unternehmen machen, ist lang. Jeder fünfte Abschluss stimmt nicht. Die Firmen müssen sich jetzt stärker auf die Finger gucken lassen.
DÜSSELDORF. Mit einem Kommissar hat Eberhard Scheffler, Präsident der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) in Berlin, so sagt er selbst, wenig gemein. Und auch der Begriff Bilanzpolizei, der in der Öffentlichkeit oft als Synonym für die Prüfstelle mit dem sperrigen Namen gebraucht wird, schmeckt ihm nicht besonders. „Wir haben ja keine hoheitlichen Rechte und sind auf die freiwillige Mitwirkung der Unternehmen angewiesen“, sagt er.
Doch die Bescheidenheit, mit der Scheffler die Bedeutung der Prüfstelle herunterspielt, täuscht. Im Grunde ist der ehemalige Wirtschaftsprüfer und Finanzvorstand von British American Tobacco (BAT) stolz wie der Vater eines Teenagers, der gerade Abitur gemacht hat. Scheffler ist es gelungen, die Bilanzpolizei trotz eines schmalen Jahresetats von fünf Millionen Euro in etwas mehr als anderthalb Jahren zu einer Institution zu machen, die Bilanztricksern das Fürchten gelehrt hat.
„Unsere Arbeit wirkt vor allem präventiv“, erklärt der oberste Bilanzpolizist. „Wir beobachten, dass in den Unternehmen, in Aufsichtsräten und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften bei kritischen Fragen intensiver als früher diskutiert wird – nach dem Motto: Da könnte die Prüfstelle etwas dagegen haben.“
Die Zahlen geben Scheffler recht. Vier von fünf Managern glauben, dass die Bilanzpolizei zur Prävention beiträgt. Das ermittelte das Deutsche Aktieninstitut (DAI) in Frankfurt. Nach Ansicht der Unternehmen trägt die „Arbeit der Prüfer zur Verbesserung der Jahresabschlüsse“ bei, „weil man nach der Prüfung über Sachverhalte neu nachdenke“, erklären die Aktienexperten. 19 Unternehmen gaben dem DAI Auskunft über ihre Erfahrungen mit der Bilanzpolizei, nur jeder fünfte ist mit der Arbeit der Prüfer unzufrieden. „Unternehmen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften schätzen Ablauf und Qualität der Prüfung durch die DPR überwiegend positiv ein“, so DAI-Chef Rüdiger von Rosen.
Die Bilanzpolizei wurde von 15 Berufs- und Interessenvertretungen aus dem Bereich der Rechnungslegung in Abstimmung mit dem Bundesministerium der Justiz gegründet, um Bilanzskandale wie die Fälle Enron und Worldcom in den USA und Comroad und Flowtex in Deutschland unwahrscheinlicher zu machen. Die börsennotierten Unternehmen in Deutschland finanzieren sie. Die DPR prüft die Abschlüsse als privatrechtliches Gremium noch bevor die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) oder gar Ermittlungsbehörden sich einschalten. Seit Juli 2005 untersucht der Verein Unternehmensbilanzen nach dem Zufallsprinzip. Nur selten dauert diese Prüfung mehr als ein halbes Jahr, oft ist sie bereits nach drei Monaten abgeschlossen.
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Neben kleineren Firmen wie das Systemhaus Haitec wurden auch große Namen wie Thyssen-Krupp zum Ziel der Stichprobenuntersuchungen. Im vergangenen Jahr leitete die Bilanzpolizei 158 Prüfungen von Jahres- und Konzernabschlüssen ein, 110 wurden abgeschlossen. In knapp jedem fünften Fall, stellte sie Fehler in den Jahresabschlüssen fest.
Typische Mängel sind beispielsweise unzureichende Segmentbilanzen, fehlerhafte Wertermittlungen oder unvollständige oder einseitige Berichte über die Lage eines Unternehmens. An der Jahresbilanz 2005 des Zeitarbeits- und IT-Serviceunternehmens Allgeier Holding in München bemängelten die Prüfer beispielsweise, dass gemäß des Rechnungslegungsstandards IFRS ein höherer Abschreibungsaufwand für die im letzten Jahr erworbenen Firmen zu bilanzieren sei. Das Ergebnis hätte daher um rund 1,3 Millionen Euro niedriger ausfallen müssen als gemeldet. Und beim Geschäftsbericht 2004 der Beteiligungsgesellschaft Arques Industries aus München kritisierte die Bilanzpolizei unter anderem, dass ein Patent eines aufgekauften Unternehmens mit drei Millionen Euro in den Büchern stand. Arques hätte es aber damals gar nicht bewerten können – so dass der Jahresüberschuss um diese drei Millionen Euro zu hoch war.
Dass die DPR inzwischen eine schlagkräftige Institution ist, zeigen die Folgen dieser Rügen: Bei Allgeier brach der Aktienkurs nach der Veröffentlichung der Bilanzfehler um sechs Prozent ein. Und Arques wechselte den Wirtschaftsprüfer, der nun PricewaterhouseCoopers heißt.
Doch mehr als anderthalb Jahre nach der Gründung der Bilanzpolizei gibt es auch erste Kritik an ihrer Arbeit. Viele Unternehmen klagen über den Zeitpunkt der Prüfung, der häufig mit der Erstellung des neuen Jahresabschlusses zusammenfällt. Kleinere Firmen vermissen bei den Prüfern Verständnis für praktische Zusammenhänge und innerbetriebliche Abläufe.
Besonders kritisch wird es, wenn viele dieser kleinen Fehler in der Summe eine lange Mängelliste ergeben, die spektakulärer aussieht als sie ist. Beispiel Arques: Satte neun Verfehlungen warf die DPR den Bayern vor, die Wirtschaftspresse stürzte sich auf den Fall. „Die Bilanzpolizei hat zurecht formelle Fehler kritisiert, aber in der öffentlichen Wahrnehmung wurde daraufhin das Kind mit dem Bad ausgeschüttet und ein erfolgreiches Geschäftsmodell als Ganzes an den Pranger gestellt“, kritisiert Claudius Schmidt, Analyst der Schweizer Vermögensberatung Brem Neff & Partner in Bremgarten. „Tatsächlich erwies sich der Konflikt als Sturm im Wasserglas.“
