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08.11.2006 
Panikattacken

Wenn Manager Angst haben

von Katrin Terpitz

Zukunftsangst erfasst heute auch Top-Leute. Betroffen sind häufig Männer im mittleren Management, die die Kärrnerarbeit tun. Gerade Macher-Typen verleugnen aber ihre Sorgen. Sie tun Angst oft als Privatsache ab, als persönliche Schwäche – bis Panikattacken sie lahm legen.

"Wenn ich ausfalle, bricht alles zusammen" - der Gedanke belastet viele Führungskräfte. Symbolfoto: gmsLupe

"Wenn ich ausfalle, bricht alles zusammen" - der Gedanke belastet viele Führungskräfte. Symbolfoto: gms

DÜSSELDORF. Die Attacke traf die erfolgreiche Geschäftsführerin aus heiterem Himmel. „Beim Autofahren bekam ich plötzlich Schwindel, Herzrasen, Schweißausbrüche. Ich hatte Panik, ohnmächtig zu werden.“ Mit Blaulicht und Verdacht auf Herzinfarkt kam Helga Kaminsky ins Krankenhaus. Dort wurde sie 14 Tage durchgecheckt – ohne Ergebnis. Die Zusammenbrüche häuften sich. „Ich lebte in ständiger Angst, plötzlich umzufallen, überall hatte ich Notfallampullen gegen Bluthochdruck deponiert – in Handtasche, Büro und Auto.“ Die Leipzigerin schob alles auf Überarbeitung. Schließlich rackerte die mehrfache Mutter über 70 Stunden die Woche für ihre Bauträgerfirma.

Erst nach langen Irrwegen kam die erlösende Diagnose: Angst. „Ich und Angst? Wo ich doch immer unerschrocken und kämpferisch war, sonst hätte ich mich in der harten Männerwelt auf dem Bau nie behaupten können. Alle Höhen und Tiefen der Firma habe ich allein gemeistert“, erzählt die 55-jährige Akademikerin. Erst nach einer stationären Therapie konnte sie sich ihre unterdrückten Existenzängste eingestehen. „Wenn ich ausfalle, bricht alles zusammen“ – der Gedanke hatte die Alleinversorgerin der Familie belastet.

Helga Kaminsky ist längst kein Einzelfall – aber eine der wenigen Manager, die offen darüber sprechen. „Angststörungen und Panikattacken befallen immer mehr Führungskräfte, denn der wirtschaftliche Druck steigt“, bestätigt Bernd Sprenger, Chefarzt und Psychotherapeut der privaten Oberbergklinik in Brandenburg. Behandelt aber werden die meisten erst, wenn ihnen ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Der Grund: „Anders als der Herzinfarkt – der Ritterschlag unserer Leistungsgesellschaft – ist Angst ist ein absolutes Tabuthema. In der Geschäftswelt gilt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz – und schon gar keine Angst. Viele haben sich von ihren Gefühlen abgekoppelt – dafür ist die Frau zu Hause zuständig. Verbissen eifern sie dem Ideal des furchtlosen Managers nach“, beobachtet Sprenger.

Wer ist betroffen? Nicht unbedingt die ängstlichen Typen. „Eher sind es die toughen Macher. Die kriegen plötzlich nachts Herzrasen oder Angstattacken unter der Dusche – und wissen nicht, warum“, sagt der Arzt. „Es trifft besonders oft Männer im Mittelmanagement, die die Kärrnerarbeit tun.“


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Was löst die meist diffusen Ängste aus? Das Tempo der Umwälzungen in der Wirtschaft wird immer schneller. Sprenger: „Projekte, in die ein Abteilungsleiter viel Energie steckt, werden nach Chefwechsel oder Umstrukturierung einfach über den Haufen geworfen. Daraus erwachsen Gefühle starker Entwertung und Verunsicherung – gepaart mit der Sorge um den Job.“

Zukunftsängste gab auch der Ex-Einkaufsleiter von BMW kürzlich vor dem Münchener Landgericht als Motiv zu Protokoll, warum er Schmiergelder angenommen hatte. BMW habe ihm Mängel als Führungskraft vorgeworfen, berichtete der Ingenieur. Er habe Angst um seine Altersversorgung und um seine Familie gehabt. Nun muss der 55-Jährige für drei Jahre ins Gefängnis.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Angst ist die Zwillingsschwester von Macht.“

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