Dass Firmen Betriebsteile oder die Zentrale verlagern, ist nichts Ungewöhnliches. Doch altgediente Mitarbeiter kann die Provinz genauso abschrecken wie die überteuerte Großstadt. Ein Firmenumzug verlangt viel Fingerspitzengefühl von den Unternehmen – sonst leidet das Betriebsklima und die Besten gehen von der Fahne.
DÜSSELDORF. „Ich bin KEIN Berliner!“ – auf vielen roten T-Shirts prangt das abgewandelte Kennedy-Zitat. Etwa 400 Beschäftigte von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ machen Mitte Mai vor dem Springer-Verlagshaus in Hamburg ihrem Ärger Luft: Sie sehen keine Veranlassung, in die Hauptstadt umziehen – schon gar nicht bereits zum Tag der Deutschen Einheit. Viele Mitarbeiter fühlen sich überfahren. Zwar kursieren seit Jahren Umzugsgerüchte, aber von konkreten Überlegungen konnten die meisten erstmals in der Zeitung lesen – und dann noch im Konkurrenzblatt. Um Spekulationen in den Medien zuvorzukommen, wie es offiziell heißt, sinnierte „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann überraschend in der „FAZ“ über einen schnellen Umzug in die Hauptstadt – auf „Wunsch der Redaktion“. Der Betriebsrat war von Diekmann erst am Abend zuvor informiert worden, sagt Gudrun Dilg, Vize des Gesamtbetriebsrats. Edda Fels, Sprecherin des Axel-Springer-Verlags, räumt ein: „Die Kommunikation lief keinesfalls optimal.“
Helmut Berg, Chef des Relocation Service RSB in Frankfurt, weiß aus 20-jähriger Erfahrung: „Wenn die Öffentlichkeit vor den eigenen Leuten über einen Umzug informiert wird, ist das ein Kommunikations-Gau.“ Eine Massenversetzung ist eine psychologisch hochgradig komplexe Aufgabe, die Fingerspitzengefühl und eine perfekt synchronisierte Planung verlangt.
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Dass Firmen Betriebsteile oder die Zentrale verlagern, ist nichts Ungewöhnliches: Allein Berlin verzeichnete im vergangenen Jahr 88 Zuzüge mit 5 000 Stellen. Anlagenbauer IWKA geht mit der Holding von Karlsruhe nach Augsburg. Die Backkette Kamps verlegt ihren Firmensitz mit 120 Leuten von der edlen Düsseldorfer Prinzenallee ins ländliche Garrel bei Oldenburg. Die italienische Mutter Barilla macht Druck – und rechnet auch mit Abgängen.
Oft kalkulieren Arbeitgeber den Mitarbeiterschwund bewusst mit ein. Da kann die Provinz genauso abschrecken wie die überteuerte Großstadt, weiß Berg. Gerade Ältere mit Haus und Hof sowie Niedrigverdiener sind seltener willens und in der Lage mitzugehen. Denn: „Wer umzieht, lässt alles zurück – Verwandte, Freunde und das Sportteam. Die Firma muss motivieren: Es ist wert, dies alles aufzugeben“, betont Hartmuth Posner. Bei Linde organisiert er als Personalleiter Europa und Zentrale den Umzug der Firmenzentrale von Wiesbaden nach München. Linde konzentriert sich nach der Übernahme von Konkurrent BOC aufs Gasegeschäft – und das sitzt in München.
Experte Berg: „Mögen die betrieblichen Gründe noch so plausibel sein, eine Versetzung nehmen Mitarbeiter nie begeistert an.“ Schließlich ist das mühsam ersparte Eigenheim zu verkaufen, der Partner mault, weil er oft nur einen schlechteren Job bekommt – wenn überhaupt. Die Kinder müssen in der neuen Schule zurechtkommen, und der gebrechliche Opa bleibt allein zurück. Posner: „Niemand kann seinen Job vernünftig machen, wenn die Familie nicht voll hinter dem Umzug steht.“ Das unterschätzen viele Manager.
Wie aber erreicht eine Firma, dass die Belegschaft beim Umzug mitzieht? Wichtig ist eine klare, offene Kommunikation. Eine unpersönliche Rundmail reicht nicht, warnt Berg. Der Chef muss persönlich die Gründe darlegen – wie dies etwa Linde-Chef Wolfgang Reitzle im September im Wiesbadener Foyer tat. Berg: „Die mittlere Managementebene sollte ein paar Tage zuvor eingeweiht werden, denn sie muss das Vertrauen der Belegschaft gewinnen.“
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Etwa jeder dritte Betroffene zog es vor, mit Abfindung zu gehen.
Anzuraten ist auch ein Umzugsbeauftragter – eine anerkannte Persönlichkeit in der Firma, die auch entscheiden darf. Genauso wichtig sind klare Zeitvorgaben. Berg: „Herrscht Unsicherheit über den Fahrplan, wirkt das fatal aufs Betriebsklima.“ Jeder muss wissen, wo sein Platz sein soll und wer die neuen Teamkollegen sind, betont Personalchef Posner. Sonst ist die Gefahr groß, Leistungsträger zu verprellen. Linde hat Mitarbeiter gezielt angesprochen: „Wir wollen euch dabeihaben, wir geben Hilfe und Perspektiven.“ Etwa jeder dritte Betroffene zog es dennoch vor, mit Abfindung zu gehen. Posner: „Wir wollen alles sozialverträglich regeln und den Umzug mit einem komfortablen Paket samt Relocation-Service abfedern.“ Wegen der hohen Lebenshaltungskosten in München gewährt Linde eine Gehaltszulage, die über fünf Jahre ausläuft. „Keiner soll finanzielle Einbußen erleiden.“ Die Verlagerung der Zentrale lässt sich Linde einen siebenstelligen Betrag kosten – nicht viel im Vergleich zu knapp zwölf Milliarden Euro für die BOC-Übernahme. Für Posner gut investiertes Geld: „Eine Firma sollte in solch einem Fall nicht knauserig sein. Unsere Leute sind umworben. Jeden, den wir verlieren, müssen wir mit hohem Suchaufwand ersetzen und lange einarbeiten.“
Ebenso sieht es Relocation-Experte Berg. Er warnt aber, einen Umzug zu sehr zu vergolden: „Dann fühlen sich die Mitarbeiter gekauft und werden misstrauisch.“ Er rät davon ab, Pendeln und doppelten Wohnraum zu lange zu bezahlen. Sonst gibt es keinen Anreiz, neue Wurzeln zu schlagen. Linde etwa erstattet das Pendeln maximal ein Jahr.
Das Ah und Oh beim Umzug aber ist, von Anfang an die Familie einzubinden. Bergs Crew organisiert Infotage und Wochenendtrips durch Wohnviertel der neuen Heimat. Viele kommen mit versteinertem Gesicht an. „Deutsche lassen sich nur ungern auf Neues ein“, so Berg, der viele Expats betreut.
Auch für die Familien der „Bild“-Mitarbeiter stehen demnächst Infotage und Schnuppertouren in Berlin an. Edda Fels verspricht: „Jeder Mitarbeiter bekommt ein sehr großzügiges Paket geschnürt – das war auch beim Berlin-Umzug der „Welt am Sonntag“ so.“ Relocation-Service, Makler et cetera all inclusive. Mit dem Betriebsrat wird derzeit über eine halbjährige Kostenerstattung für Pendeln und doppelte Haushaltführung verhandelt. Auch ein Betriebskindergarten ist anvisiert.
Nach den lauten Protesten hatte Verlagschef Mathias Döpfner auf der Betriebsversammlung vor zwei Wochen einen Rückzieher gemacht. Statt im Oktober startet der Umzug jetzt im März. Statt 700 sollen nur 500 Beschäftigte umziehen.Fels: „Für Härtefälle bemühen wir uns um Stellentausch über eine interne Jobbörse.“ Denn manch anderer Hamburger Springer-Mitarbeiter wäre viel lieber ein Berliner.
