Anzuraten ist auch ein Umzugsbeauftragter – eine anerkannte Persönlichkeit in der Firma, die auch entscheiden darf. Genauso wichtig sind klare Zeitvorgaben. Berg: „Herrscht Unsicherheit über den Fahrplan, wirkt das fatal aufs Betriebsklima.“ Jeder muss wissen, wo sein Platz sein soll und wer die neuen Teamkollegen sind, betont Personalchef Posner. Sonst ist die Gefahr groß, Leistungsträger zu verprellen. Linde hat Mitarbeiter gezielt angesprochen: „Wir wollen euch dabeihaben, wir geben Hilfe und Perspektiven.“ Etwa jeder dritte Betroffene zog es dennoch vor, mit Abfindung zu gehen. Posner: „Wir wollen alles sozialverträglich regeln und den Umzug mit einem komfortablen Paket samt Relocation-Service abfedern.“ Wegen der hohen Lebenshaltungskosten in München gewährt Linde eine Gehaltszulage, die über fünf Jahre ausläuft. „Keiner soll finanzielle Einbußen erleiden.“ Die Verlagerung der Zentrale lässt sich Linde einen siebenstelligen Betrag kosten – nicht viel im Vergleich zu knapp zwölf Milliarden Euro für die BOC-Übernahme. Für Posner gut investiertes Geld: „Eine Firma sollte in solch einem Fall nicht knauserig sein. Unsere Leute sind umworben. Jeden, den wir verlieren, müssen wir mit hohem Suchaufwand ersetzen und lange einarbeiten.“
Ebenso sieht es Relocation-Experte Berg. Er warnt aber, einen Umzug zu sehr zu vergolden: „Dann fühlen sich die Mitarbeiter gekauft und werden misstrauisch.“ Er rät davon ab, Pendeln und doppelten Wohnraum zu lange zu bezahlen. Sonst gibt es keinen Anreiz, neue Wurzeln zu schlagen. Linde etwa erstattet das Pendeln maximal ein Jahr.
Das Ah und Oh beim Umzug aber ist, von Anfang an die Familie einzubinden. Bergs Crew organisiert Infotage und Wochenendtrips durch Wohnviertel der neuen Heimat. Viele kommen mit versteinertem Gesicht an. „Deutsche lassen sich nur ungern auf Neues ein“, so Berg, der viele Expats betreut.
Auch für die Familien der „Bild“-Mitarbeiter stehen demnächst Infotage und Schnuppertouren in Berlin an. Edda Fels verspricht: „Jeder Mitarbeiter bekommt ein sehr großzügiges Paket geschnürt – das war auch beim Berlin-Umzug der „Welt am Sonntag“ so.“ Relocation-Service, Makler et cetera all inclusive. Mit dem Betriebsrat wird derzeit über eine halbjährige Kostenerstattung für Pendeln und doppelte Haushaltführung verhandelt. Auch ein Betriebskindergarten ist anvisiert.
Nach den lauten Protesten hatte Verlagschef Mathias Döpfner auf der Betriebsversammlung vor zwei Wochen einen Rückzieher gemacht. Statt im Oktober startet der Umzug jetzt im März. Statt 700 sollen nur 500 Beschäftigte umziehen.Fels: „Für Härtefälle bemühen wir uns um Stellentausch über eine interne Jobbörse.“ Denn manch anderer Hamburger Springer-Mitarbeiter wäre viel lieber ein Berliner.
