Langes Palavern und das Einbeziehen von Mitarbeitern – für viele Manager ein Graus. Doch wer glaubt, die Zeit der Diskussionen in Unternehmen sei passé, täuscht sich. Sie bricht gerade erst wieder an, denn Firmen, die viel Freiraum auch für unbequeme Meinungen ihrer Leute lassen, sind erfolgreicher.
DM-Chef Werner: Seine Mitarbeiter dürfen über Warensortiment, Dienstpläne und Gehälter mitentscheiden. Foto: PR
DÜSSELDORF. Markus Langes-Swarovski propagiert, was viele Manager für Unfug halten. „Wir glauben an gemeinsame Verantwortung“, betont der 33-jährige Sprecher des Kristallimperiums. Das Swarovksi-Credo lautet: „Erst wenn man die Sichtweisen und Erfahrungen aller Beteiligten kennt, lassen sich qualitativ hochwertige und wirklich gewinnträchtige Geschäftsentscheidungen fällen.“ Der Erfolg gibt dem Kommunikationschef, der vor fünf Jahren die Geschäfte seines Vaters übernahm, recht. Über zwei Milliarden Euro setzten die Tiroler Buddenbrooks im vergangenen Jahr mit Strasssteinchen und Kristallfiguren um.
Die Swarovski-Dynastie zählt nicht nur zu den erfolgreichsten Unternehmerfamilien, sondern auch zu den streitbarsten. Auf 20 000 Mitarbeiter kommen stolze 20 Manager aus dem Familienclan, die alle etwas zu sagen haben – und sich deswegen auch einmal in die Wolle bekommen. Solche Diskussionen aber empfinden sie als durchaus fruchtbar. Die Geschäftsführung – sechs von acht Managern stammen aus der Familie – sorgte dafür, dass der „produktive Diskurs“ ins Leitbild des Unternehmens aufgenommen wurde. Vor wichtigen Entscheidungen dürfen sich Swarovski-Manager nicht ins stille Kämmerlein verkrümeln. Sie hören sich erst einmal an, was ihre Leute zu sagen haben, beobachten das Hin und Her der Argumente und verlautbaren dann erst die im Diskurs entstandenen Entscheidungen.
Langes Palavern und das Einbeziehen von Mitarbeitern – für viele Manager ein Graus. Doch wer glaubt, die Zeit der Diskussionen in Unternehmen sei passé, täuscht sich. Sie bricht gerade erst wieder an. Der Grund: Geschäftsmodelle sind heute ständig wechselnden Marktgegebenheiten anzupassen. „Kein Manager kann mehr darauf verzichten, vor zentralen Entscheidungen die verschiedenen Logiken aller Abteilungen gegenüberzustellen, bevor es ans Eingemachte geht“, urteilt Thomas Schnelle, Geschäftsführer der Gesellschaft für Planung und Organisation, Metaplan.
Das Schwierige daran: die richtige Balance zwischen einem eher direktiven Führungsstil à la Basta-Kanzler Gerhard Schröder und dem konsensorientierten Moderationsstil à la Angela Merkel zu finden. Dabei haben viele Manager grundsätzlich ein Problem, wie eine Studie der Economist Intelligence Unit unter 154 Entscheidern weltweit belegt. So glaubt nur jeder zehnte Manager, tatsächlich über alle relevanten Informationen zu verfügen, um geschäftskritische Entscheidungen zu treffen. Doch allzu wissenschaftlich sollten Manager nicht herangehen, warnt Götz Werner, Chef von DM Drogeriemarkt und Herr über 1 500 Filialen: „Derzeit werden zu viele Entscheidungen auf der Basis der Empirie getroffen.“ Er ist überzeugt: „Richtige Entscheidungen werden wahrscheinlicher, wenn man nie die unendliche Liebe zum Detail und die klare Vision aus den Augen verliert.“
Anthroposoph Werner versteht sein Unternehmen als Wirtschaftsgemeinschaft, bei der die Mitarbeiter zum Ergebnis entscheidend beitragen, und bezieht sie deshalb mit ein. So dürfen die Beschäftigten in den Filialen über Warensortiment, Dienstpläne und Gehälter mitentscheiden. Zudem wählen sie ihre Vorgesetzten selbst. „Je selbstständiger die Mitarbeiter sind und je besser sie die Bedürfnisse der Kunden wahrnehmen, desto unternehmerischer wird der Unternehmer“, so Werners Philosophie.
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Chefs, die stets allen signalisieren, dass sie im Grunde immer wissen, was das Beste für das Unternehmen ist, bekommen Mitarbeiter auf Dauer nicht dazu, offen und ehrlich ihre Meinung darzulegen. Ernst Heilgenthal, Partner der Personalberatung Gemini Executive Search, beobachtet: „Viele Diskussionen dienen denn auch eher der Besülzung der Truppen. Der Chef weiß, wo er hin will, und muss nun die Leute hinter sich und seine Sache bringen.“ Schon in den 70er-Jahren predigten Kommunikationsexperten: Hierarchie ist nicht an sich schlecht, doch sie ist ein Informationsverzerrer. Weil sie auch Macht und Privilegien reguliert, kann sie Veränderungen behindern.
Wohin das führen kann, zeigt das Beispiel eines Pharmakonzerns, der ein neues Mittel gegen Prostatakrebs entwickelt hatte. Die Marketingabteilung entwarf eine Kampagne, die die Vorteile des neuen Medikaments gegenüber der Konkurrenz herausstellte. Die Vertriebler übergaben die Broschüren jedoch nie den Ärzten – wohlwissend, dass diese den Argumenten keinen Glauben schenken würden. Erst als ein neuer Bereichsleiter die verschiedenen Abteilungen an einen Tisch bat, tat sich etwas. Der Vertrieb war überzeugt, dass die Ärzte nur durch Kundenbindung zu gewinnen sind. „Wenn der Chef jedoch ausschließlich auf die Vertriebler gehört hätte, wäre lediglich der Etat für Geschäftsessen explodiert“, berichtet Metaplan-Chef Schnelle. Im Diskurs mit den Marketing- und Marktforschungsexperten fand sich eine viel intelligentere Lösung. Das Pharmaunternehmen entwarf ein Programm für die Vor- und Nachsorge von Krebspatienten. Davon profitierten niedergelassene Ärzte genauso wie Kliniken, an die sie ihre Patienten verwiesen.
„Dass unterschiedliche Abteilungen unterschiedliche Logiken entwickeln, ist völlig gesund. Doch das Management muss immer darauf achten, dass solche Konflikte nicht den Erfolg des Unternehmens und wichtige Veränderungen behindern“, erklärt Metaplan-Berater Christoph Nahrholdt das Geheimnis der Entscheidungsfindung im Diskurs.
Dabei haben die Diskussionen, die Manager heute mit Mitarbeitern führen, kaum noch etwas mit der Workshop-Atmosphäre der 70er-Jahre zu tun. „Damals glaubte man, hierarchiefreie Räume schaffen zu müssen für eine ehrliche Beteiligung der Mitarbeiter“, sagt Schnelle. Heute wissen alle, dass am Ende aller Diskussionen ein Ergebnis stehen muss, und dass am Ende Entscheidungen vom Chef getroffen werden. Ständige Scheindiskussionen jedoch höhlen die Handlungsfähigkeit von Firmen peu à peu aus. Schnelle: „Chefs müssen starke Persönlichkeiten sein, aber punktuell auch die Größe haben, das Wissen und den Einfluss anderer nicht zu unterschätzen.“
