Der Fall Michael Josten: „Ein Freigänger auf Abwegen“

Der Fall Michael Josten
„Ein Freigänger auf Abwegen“

Das größte Schneeballsystem in der deutschen Wirtschaftsgeschichte wurde von einem verurteilten Anlagebetrüger entworfen und gesteuert – auch von der Anklagebank aus. Das Psychogramm des Schattenmanns von Teldafax.

DüsseldorfMichael Josten ist nicht zu fassen, jedenfalls nicht für die deutsche Justiz. Der Mann, den die Staatsanwaltschaft Bonn am vergangenen Freitag als Architekten einer riesigen Insolvenzverschleppung angeklagt hat, lebt in besten Verhältnissen in der Schweiz. Alte Bekannte sehen ihn manchmal, gut gelaunt, beim Shoppen, Arm in Arm mit Ehefrau Heidi.

Für die vielen Gläubiger von Teldafax ist Josten nicht zu erreichen, für die Presse schon gar nicht. Mancher wird nervös, wenn der Staat eine Anklageschrift zustellt. Josten bleibt cool. Er kennt das ja schon.
Im März 2007 wurde er wegen 176-fachen Betrugs mit Immobilienfonds verurteilt. Doch Josten benahm sich, als gehe ihn das Urteil nichts an. Er war schließlich Vorstandschef von Teldafax, dem größten unabhängigen Stromanbieter der Republik.

In der Ehrenloge von Bayer 04 Leverkusen plauderte der Mann mit Rudi Völler über Fußball; für ihn knüpfte Klaus Mangold, Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Kontakte zu internationalen Investoren. Und Christoph Gottschalk, Bruder des Moderators von „Wetten, dass...?“, verschaffte ihm 2009 Zutritt auf Europas größte Show-Bühne. Und als die Justiz schließlich doch zuschlagen wollte, als Josten nach seiner Verurteilung eingesperrt werden sollte, setzte sich der ehemalige Kanzleramtsminister und Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer für ihn ein.

Sie alle, Völler, Mangold, Gottschalk und Schmidbauer, wollen nichts gewusst haben von der kriminellen Vergangenheit des Michael Josten. Und tatsächlich – der Schleiertanz, den der Teldafax-Vorstand jahrelang für seine Geschäftspartner aufführte, sucht in der deutschen Wirtschaft seinesgleichen.
Noch im Spätsommer 2010, als Teldafax längst überschuldet war und die Gläubiger verzweifelt nach der Aufsichtsbehörde riefen, handelte Josten sozusagen inkognito. Keine Google-Suche hätte verraten, dass der Kopf von Teldafax ein verurteilter Straftäter war, dass die Richter ihm „erhebliche kriminelle Energie“ zuschrieben und dass Josten nachts schon dort schlief, wo Kriminelle hingehören: im Gefängnis. Denn tagsüber ließ ihn die deutsche Justiz einfach wieder frei.

Und so geschah, was nie hätte geschehen dürfen: Michael Josten, rechtskräftig verurteilt wegen Betreibens eines Schneeballsystems mit einigen Tausend Immobilienanlegern, zog als Freigänger ein viel größeres Rad auf – mit mehr als einer dreiviertel Million Stromkunden. Dies ist seine Geschichte.

Der Lebenslauf von Michael Josten bietet zunächst wenig Hinweise auf eine Karriere als Krimineller. Geboren am 3. Mai 1953 in Wuppertal als Einzelkind eines Unternehmensberaters und einer Hausfrau absolviert er eine kaufmännische Lehre, danach bildet sich Josten zum Steuerbevollmächtigten fort. Er heiratet mit 22 und zieht nach Südbaden. Besuch der Finanzakademie Freiburg, 1978 zum Steuerberater geprüft. Im selben Jahr beginnt er eine Tätigkeit bei einer Steuerberatungskanzlei in Lörrach; 1980 wird er auch Wirtschaftsprüfer. Als ein Jahr später sein Chef verstirbt, übernimmt Josten dessen Kanzlei und führt sie fort.

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