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18.01.2008 
Tumminellis Designkritik

Minimalismus pur

von Paolo Tumminelli

Um dem Anspruch der indischen Bevölkerung auf Mobilität gerecht zu werden, präsentierte Tata den Nano. Der bisher billigste Wagen der Welt wird die Automobilwelt für immer verändern.

Der Tata Nano: Bei der Präsentation bekam das Billigauto weltweit große Aufmerksamkeit. Foto: ReutersLupe

Der Tata Nano: Bei der Präsentation bekam das Billigauto weltweit große Aufmerksamkeit. Foto: Reuters

Man schaue und staune, denn Indien gibt eine Antwort auf eine wichtige Frage: Wie viel ist ein Automobil heute wert? Keine 1 700 Euro – zumindest, wenn es von allem überflüssigen Zubehör bereinigt wird. Der Wagen hat nichts zu bieten – außer einer lustigen Erscheinung. Mit etwas Humor nennt Tata ihn Nano – den Zwerg. Das passt gut zu der mickrigen Technik, der Bonbon-Karosserie und den kleinwüchsigen Rädern.

Der Humor passt aber auch gut zu der Bescheidenheit des indischen Konzerns, der durchaus protzen könnte, wenn er es nur wollte. Zum Beispiel mit einem Kapitalwert von 72,8 Milliarden Dollar, mit knapp 300 000 Mitarbeitern oder mit einem ernsthaften Angebot für die Übernahme von Jaguar und Land Rover. Über letzteres zu lachen wäre nicht angebracht, gab es doch eine Zeit, in der die Inder noch vor den Arabern und Europäern die besseren Kunden von Rolls Royce waren. Doch die Zeit ist vorbei und es gilt heute, dem indischen Volk jene Fortbewegungsfreiheit zu ermöglichen, die den Westen groß und frei gemacht hat.


Bildergalerie Design im Detail: Tata Nano


Hinter dieser Vision steht ein bescheidener Gentleman namens Ratan Tata, der – wie früher Henry Ford, Ferdinand Alexander Porsche und André Citroën – für sein Unternehmen steht.

Die Verbindung lässt sich aber auch anders herstellen: Genau 100 Jahre ist es her, dass Ford sein „Model T“ auf den Markt brachte. Genau 70 Jahre ist es her, dass Porsche seinen Volkswagen fertig stellte. Genau 60 Jahre ist es her, dass Citroëns Ente vom Publikum bewundert wurde.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auf welche große Frage der Nano keine Antwort gibt.

Viele Details (der Heckmotor des Käfers, die kleinen Räder des Minis, das Großraumkonzept des Twingos) sprechen für eine evolutionäre Verwandtschaft und gleichzeitig für eine konzeptionelle Unabhängigkeit, denn genau so eine Mischung hat es noch nicht gegeben. Der Nano ist entstanden aus den billigsten Techniken, um ein armes Volk zu mobilisieren – und daran sollte er gemessen werden. Und zwar positiv.


Bildergalerie Bildergalerie: Der Tata Nano


Dennoch zwingt das Auto einmal mehr dazu darüber nachzudenken, ob und in wie weit die heutigen Autos noch den Bedürfnissen unserer mobilen Gesellschaft entsprechen. Bei Geschwindigkeiten bis 30 Stundenkilometern wäre ein derart minimalistisches Fahrzeug in unseren Metropolen genau so brauchbar wie in Indien. Deshalb traue dem Nano auch in Europa durchaus gute Marktchancen zu.


Bildergalerie Im Überblick: der Tata-Konzern


Der Nano gibt allerdings keine Antwort auf die große Frage einer nachhaltigen Mobilität. Doch genau das wäre die Aufgabe der Autoindustrie, so schnell wie möglich Fahrzeuge zu entwickeln, die die konzeptionelle Reduktion (also die Unkompliziertheit) des Nanos mit umweltfreundlichen Antriebsarten verbinden. Damit würde sie Impulse geben und Vorbilder setzen, die global übertragbar und skalierbar wären. So leid es mir für den süßen Kleinen tut, man darf nicht zulassen, dass aus dem Zwerg ein weiterer ölfressender Gigant wird.


Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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