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26.03.2008 
Tumminellis Designkritik

Mutierter Stuhl

von Paolo Tumminelli

Man könnte meinen, nichts sei überflüssiger als ein neues Stuhl-Desgin. Frilly, das neueste Produkt des italienischen Herstellers Kartell, beweist jedoch das Gegenteil.

Wie sitzt man am besten? Am liebsten gar nicht. Sitzen – aber auch Stehen – sind unbefriedigende Zustände. Gehen, Dinge verändern, das macht dem Menschen Spaß und ist sozioökonomisch sinnvoll. „Panta rhei“, alles fließt. In dieser Dimension liegt philosophisch betrachtet das große Dilemma des Designs – und des postindustriellen Systems: Lösungen zu finden, die als endgültig gelten und gleichzeitig veränderungsbeständig sind.

Selten ist beides vereinbar. Wenn doch, hat man Design-Meilensteine. Öfter treffen Designer den Geist der Zeit, dann hat man die sogenannten Trendprodukte. Am häufigsten aber wird Müll produziert, frei nach Pareto mindestens im Verhältnis 80 zu 20. Auch bei Designmüll gilt die Trennkost-Regel: Es gibt die unvermeidbaren Flops, und es gibt absichtlich produzierten Müll. Mit etwas Werbung und viel Glück lässt sich – frei nach Adam Smith – alles verkaufen. Die großen Möbelmessen, zum Beispiel in Köln und Mailand, liefern genug Beispiele dafür.

Doch Frilly, ein neuer Stuhl der italienischen Firma Kartell, eines Spezialisten in der Verarbeitung von Kunststoff und der Fertigung genannter Designobjekte, ist eine Ausnahme. Obwohl es sich dabei um ein Sitzmöbel handelt, steht bei Frilly die Bewegung im Mittelpunkt.


Tabelle  Infografik: Frilly: Das neueste Produkt von Kartell.


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kartell vom Chemiker Giulio Castelli, einem Schüler des Nobelpreisträgers Giulio Natta, gegründet. Die Firma produziert aus Kunststoff Automobilzubehör, wie zum Beispiel einen innovativen Dach-Skihalter. Ende der 60er – durch das Engagement von Castellis Frau, der Architektin Anna Castelli Ferrieri – mutiert die Firma zum Möbelhersteller und experimentiert mit der Produktion von Kunststoffmöbeln.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die zweite Mutation.

Ende der 80er findet eine zweite Mutation statt, Claudio Luti kauft sich in das Unternehmen ein. Luti selbst ist ein Mutant. Als Mann der ersten Stunde hat er Gianni Versace zur Gründung seines Mode-Imperiums verholfen, von dem er als Finanzchef 30 Prozent besitzt – bis er im Streit mit Giannis Geschwistern geht. Mit Luti mutiert Kartell zum postmodernen Unternehmen. Forschung & Entwicklung werden zum Kern erklärt, sämtliche Produktionsprozesse werden outgesourct, der Vertrieb wird vertikalisiert.

Jedes Produkt hat einen Designer, so auch Frilly. Patricia Urquiola ist eine Spanierin, die zur Italienerin mutiert ist. Mit Frilly ist ihr ein mutiertes Objekt gelungen. Formell ist er nichts anderes als eine Mutation des traditionellen Plastik-Stuhls, wie es ihn seit 40 Jahren gibt. Materiell ist er nichts anderes als eine Mutation des transparenten Polycarbonats, eines von Kartells Markenzeichen.

Patricia Urquiolas Innovation nun besteht darin, dem Kunststoff seine Flüssigkeit zurückzugeben. Das Material ist unbeständig, und es ist schwer, glatte, fehlerfreie Formen zu gießen. In drapierter, flüssiger Version wie bei Frilly wirkt der Werkstoff sinnlicher und hochwertiger. Dabei ist Frilly ergonomischer als ein glatter Stuhl. Ohne Applikation von Dekorationen und kostbaren Formspielereien besitzt der neue Stuhl die für einen Markterfolg notwendigen Differenzierungsmerkmale.

Gleichzeitig ist er günstiger zu produzieren als ein glatter Stuhl. Kleine Vorteile mir großer Wirkung. Im kurzen Pressetext ist vom Schmetterling die Rede. Lustig, dass die Möbelfirma Schmetterlinge mit Stühlen vergleicht. Beide sind Kleinigkeiten, ohne ökonomisches Gewicht. Doch nach dem Butterfly-Effekt können selbst kleinste Veränderungen große, unvorgesehene Ereignisse bewirken. Kein Wunder, Schmetterlinge sind mutierende Lebewesen.


Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.
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