Ende der 80er findet eine zweite Mutation statt, Claudio Luti kauft sich in das Unternehmen ein. Luti selbst ist ein Mutant. Als Mann der ersten Stunde hat er Gianni Versace zur Gründung seines Mode-Imperiums verholfen, von dem er als Finanzchef 30 Prozent besitzt – bis er im Streit mit Giannis Geschwistern geht. Mit Luti mutiert Kartell zum postmodernen Unternehmen. Forschung & Entwicklung werden zum Kern erklärt, sämtliche Produktionsprozesse werden outgesourct, der Vertrieb wird vertikalisiert.
Jedes Produkt hat einen Designer, so auch Frilly. Patricia Urquiola ist eine Spanierin, die zur Italienerin mutiert ist. Mit Frilly ist ihr ein mutiertes Objekt gelungen. Formell ist er nichts anderes als eine Mutation des traditionellen Plastik-Stuhls, wie es ihn seit 40 Jahren gibt. Materiell ist er nichts anderes als eine Mutation des transparenten Polycarbonats, eines von Kartells Markenzeichen.
Patricia Urquiolas Innovation nun besteht darin, dem Kunststoff seine Flüssigkeit zurückzugeben. Das Material ist unbeständig, und es ist schwer, glatte, fehlerfreie Formen zu gießen. In drapierter, flüssiger Version wie bei Frilly wirkt der Werkstoff sinnlicher und hochwertiger. Dabei ist Frilly ergonomischer als ein glatter Stuhl. Ohne Applikation von Dekorationen und kostbaren Formspielereien besitzt der neue Stuhl die für einen Markterfolg notwendigen Differenzierungsmerkmale.
Gleichzeitig ist er günstiger zu produzieren als ein glatter Stuhl. Kleine Vorteile mir großer Wirkung. Im kurzen Pressetext ist vom Schmetterling die Rede. Lustig, dass die Möbelfirma Schmetterlinge mit Stühlen vergleicht. Beide sind Kleinigkeiten, ohne ökonomisches Gewicht. Doch nach dem Butterfly-Effekt können selbst kleinste Veränderungen große, unvorgesehene Ereignisse bewirken. Kein Wunder, Schmetterlinge sind mutierende Lebewesen.
Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.


