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14.05.2008 
Tumminellis Designkritik

Tragbares Kraftwerk

von Paolo Tumminelli

Das Textilunternehmen Ermenegildo Zegna bringt jetzt eine Luxus-Skijacke mit einem integriertem Solarkraftwerk auf den Markt. Dabei trifft italienisches Design auf deutsche Technik - das könnte der tragbaren Elektronik endlich zum Durchbruch verhelfen.

Am Kragen der Luxus-Skijacke sind die Solarzellen am besten geschützt. Foto: Tumminelli

Am Kragen der Luxus-Skijacke sind die Solarzellen am besten geschützt. Foto: Tumminelli

Die späten Neunzigerjahre waren das Zeitalter der "neuen Technologien". Allein das Wort "neu" reichte aus, um ein Produkt attraktiv und trendy zu machen. Internet und Handy individualisierten die Kommunikation - und lösten eine Forschungswelle aus, wie es sie seit einem Jahrhundert nicht mehr gegeben hatte. Zwar war die Einschätzung des Potenzials der elektronischen Revolution nicht falsch. Nur dauerte die Entwicklung dann doch länger, als es viele angenommen hatten.

Genau zu jener Zeit und dem gleichen Trend folgend erfanden pfiffige Textilhersteller "Wearable Electronics" - der magische Begriff für den Einbau von Elektronik in Textilien. Die Trendvorhersage sowie die Wortbildung gehen auf "Vision of the Future" zurück, ein Projekt der Designabteilung von Royal Philips Electronics aus dem Jahr 1995. Für die sogenannten "neuen Nomaden" - die Bezeichnung für moderne Menschen - postulierten die Designer neue Produktformen. Philips rief sogar eine eigene Abteilung für "intelligente Fasern" ins Leben.

Ausgehend von einer Kooperation mit Levi Strauss kamen im Jahr 2000 die ersten Ergebnisse auf den Markt: eine Kollektion von Jacken und Westen, in die Handys und MP3-Spieler integriert waren. Allerdings verfolgte der Hersteller damals mit der kleinen Serie reine Imagezwecke. Auch aus der späteren Zusammenarbeit mit Nike ergab sich kein Massengeschäft - der Markt für die tragbare Elektronik wollte dann doch nicht so schnell abheben.


Tabelle  Infografik:  Dezent, aber trotzdem sichtbar: die Solarzellen am Kragen


Eine Feststellung, zu der auch Infineon gelangte. Denn der New-Economy-Liebling war ebenfalls dem Trend gefolgt, gab allerdings sämtliche Aktivitäten im Bereich Wearable Electronics im Jahr 2005 wieder ab. Daraus wurde dann das Unternehmen Interactive Wear. Zugegeben: Das Internet und die Hochgeschwindigkeits-Telefonie haben sich schneller von der Krise erholt, die auf den Boom des Neuen Marktes folgte. Doch nun scheint auch die Zeit für tragbare Elektronik endlich reif zu sein. Der weltweite Markt hat bereits im vergangenen Jahr ein Volumen von mehr als 250 Mill. Dollar erreicht und soll nach den Prognosen von Marktforschern jährlich um 25 Prozent wachsen.

Bestes Beispiel für den neu erwachten Optimismus der Hersteller ist die Skijacke "Solar Ski JKT". Sie ist entstanden aus der Kooperation zwischen Interactive Wear, dem Solarspezialisten Solarc aus Berlin und Zegna Sport, dem Sportlabel des italienischen Textil- und Modekonzerns Ermenegildo Zegna.

Neu bei dem Projekt ist nicht nur die Positionierung im Segment für Luxusmode, sondern auch die offene Konzeption des Kleidungsstücks: Ohne eine Anwendung vorzuschreiben oder zum Kauf eines bestimmten Elektrogeräts anzuregen, bietet die Jacke die Möglichkeit, durch dezent eingebaute Solarzellen alle mitgebrachten elektronischen Geräte aufzuladen.

Mehrere Stunden in der Sonne schenken einem Handy, einem iPod oder einem MP3-Spieler eine volle Ladung - und für alle Fälle speichert eine im Kleidungsstück integrierte Batterie die Energie. Die Jacke ist ein tragbares Kraftwerk. Dazu wird sie neue Formen der Interaktion ermöglichen. Die veraltete Kennenlernstrategie begann mit der Frage: "Haben Sie Feuer?" Die moderne Variante könnte lauten: "Haben Sie Strom?" So verbindet sich deutsche Technik mit italienischem Stil - und zwar ohne Klischees ins Spiel zu bringen.


Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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