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17.09.2008 
Tumminellis Designkritik

Weniger ist mehr

von Paolo Tumminelli

Nach Jahren des High-Tech-Booms ist in der Fahrradbranche der Trend zur Reduktion spürbar. Hersteller setzen auf einfache Bedienung und schlichtes Design. Eine viel zu kleine Firma aus Berlin konzipiert und produziert ein viel zu einfaches, dafür aber zukunftsträchtiges Fahrrad: ein Modell, 40 Varianten, 50 Exemplare.

Das Singlespeed der Berliner Firma Dailybread schaut nur auf den ersten Blick wie ein Fahrrad von der Stange aus. Foto: PR

Das Singlespeed der Berliner Firma Dailybread schaut nur auf den ersten Blick wie ein Fahrrad von der Stange aus. Foto: PR

HB. Vermehrung ist und bleibt ein beliebtes Innovationsprinzip. Vor allem deswegen, weil es denkbar einfach umzusetzen und abzusetzen ist. Nehmen wir den Nassrasierer, 1901 von Gillette patentiert, siebzig Jahre lang ein beliebtes und geschätztes Produkt. Als der Wettbewerbsdruck stieg, hat der Hersteller 1971 die Anzahl der Klingen verdoppelt, denn zwei sind bekanntlich besser als eine.

1998 kam dann der Mach3, denn "aller guten Dinge sind drei". Aber es geht noch mehr: Sechs Jahre später brachte Wilkinsons den Quattro auf den Markt. Keine drei Jahre brauchte Gillette, um seinen Fusion vorzustellen: Mit fünf Klingen, versteht sich, frei nach dem Motto "give me five".

Ein anderes Beispiel ist die Schaltung beim Fahrrad. Eine Renaissance erlebte das populäre Fortbewegungsmittel erst dank des japanischen Konzerns Shimano, der die Ketten- und Nabenschaltung perfektioniert hat. Freute sich in den 70er-Jahren mancher Jugendliche über die erste bezahlbare 3-Gang-Schaltung, darf man heute zwischen 30 verschiedenen Gängen wählen.

Ein Designkonzept mit Zukunft.

Dass es auch anders geht, zeigen alternative Autobauer. Beispiel Tesla Roadster: Von null auf 100 in weniger als vier Sekunden, dann bis 200 Stundenkilometer beschleunigen - und das im ersten und einzigen Gang dank drehmomentstarken Elektromotors. Inzwischen spürt man den Trend zur Reduktion auch in der Fahrradbranche: Singlespeed heißen die neuen Stadträder. Das Berliner One-man-start-up Dailybread hat das Designkonzept des Fahrradkuriers übernommen und daraus zuverlässige sowie schicke Fortbewegungsmittel gemacht.

Mit Ausnahme der Scheibenbremsen wird jede Dailybread-Komponente - vor allem aber der Rahmen - nach einem speziellen Entwurf gefertigt und farblich abgestimmt. Selbst die eindrucksvollsten Fahrräder sind ein Mix von Fertigteilen. Was auf den ersten Blick wie ein Fahrrad von der Stange ausschaut, ist in der Tat ein auf den Punkt gebrachtes, exklusives Design. Im Kleinen ist es die Lehre von Ettore Bugatti. Dazu eines mit einer guten Dosis Cleverness, um die Entwicklungskosten zu optimieren.

Bei einem vierstelligen Preis und einer Auflage im zweistelligen Bereich kann zwar (noch) nicht die Rede von Marktrelevanz sein. Doch ein Produkt, das nicht Leistung, sondern Harmonie, nicht Konsum, sondern Genuss, nicht Schein, sondern Sein ausdrückt, ist einfach eine Erwähnung wert.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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