Versicherungen

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AIG: Die undankbarste Firma der Welt

In der Finanzkrise wurde der US-Versicherungsgigant AIG vom Steuerzahler mit 182 Milliarden Dollar vor der Pleite bewahrt. Jetzt erwägt der gut erholte Konzern eine Schadenersatzklage – gegen den Retter von einst.

AIG erwägt eine Klage gegen die US-Regierung: „Es wäre genau so, als würde ein Patient seinen Arzt verklagen, weil dieser ihm das Leben gerettet hat“. Quelle: dpa
AIG erwägt eine Klage gegen die US-Regierung: „Es wäre genau so, als würde ein Patient seinen Arzt verklagen, weil dieser ihm das Leben gerettet hat“. Quelle: dpa

New YorkDer US-Versicherungsgigant AIG galt einmal als gefährlichste Firma der Welt, doch viel lieber will man die netteste Firma der Welt sein. „Danke, Amerika!“, sagen lächelnde Menschen in den Werbespots, mit denen AIG derzeit das Land überzieht. Die 182 Milliarden Dollar, mit denen die Steuerzahler den Konzern in der Finanzkrise vor dem Kollaps gerettet hatten, habe man zurückgezahlt – plus 22 Milliarden Dollar Zinsen. AIG ist wieder da, so die Botschaft, die Vergangenheit möge nun endlich ruhen.

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Doch das tut sie nicht. Im Gegenteil. Wenn am Mittwoch in der Zentrale in Manhattan die zwölf Mitglieder des Verwaltungsrates zusammenkommen, werden sie mit Wucht von der Vergangenheit eingeholt. Worüber die Runde dort diskutieren will, könnte eine öffentliche Empörung auslösen, wie sie selbst die Skandalfirma AIG noch nicht erlebt hat. Aus der nettesten Firma der Welt könnte bald die undankbarste Firma der Welt werden.

Das Milliardengrab AIG

  • 2007:

    Vor der Krise war AIG Ende 2007 mit einer Marktkapitalisierung von rund 125 Milliarden Dollar der größte Versicherer der Welt. Zum Vergleich: Die Allianz-Gruppe hatte zur gleichen Zeit einen Marktwert von 85 Milliarden Dollar, die Axa-Gruppe von 70 Milliarden Dollar. Mit über 100.000 Mitarbeitern und Vermögenswerten im Wert von mehr als 1 Billion US-Dollar schien AIG nahezu unantastbar.    

  • 2008:

    Für das 4. Quartal 2007 muss AIG als Folge der Subprime-Krise rund 11 Milliarden  Dollar auf das Kreditversicherungsportfolio abschreiben. Der Versicherer fährt einen Quartalsverlust von 5,3 Milliarden Dollar ein.

  • 14. September 2008:

    AIG bittet die US-amerikanische Notenbank Fed um einen Überbrückungskredit von rund 40 Milliarden Dollar, um die sonst drohende Abstufung des AIG-Ratings zu verhindern.

  • 16. September 2008:

    Die Fed gewährt dem Konzern einen Kredit von 85 Milliarden US-Dollar. Im Gegenzug übernimmt der Staat fast 80 Prozent der AIG-Anteile.

  • 9. Oktober 2008:

    AIG bekommt weitere Rettungsgelder vom US-Staat im Wert von 37,8 Milliarden Dollar. Als Sicherheit erhält die Fed festverzinsliche Anleihen im gleichen Wert.

  • Dezember 2008:

    Der Verkauf profitabler AIG-Teile geht voran. Am 22. Dezember 2008 kauft beispielsweise die Münchener Rück den Spezialversicherer HSB Group, einen der Marktführer bei Versicherungen gegen den Ausfall von Maschinen oder technischen Anlagen.

  • März 2009:

    Der Versicherer meldet mit minus 61,7 Milliarden Dollar den größten Quartalsverlust eines amerikanischen Unternehmens aller Zeiten. Wieder muss der Staat ran: Diesmal gibt es bis zu 30 Milliarden Dollar, dafür bekommt der Staat Anteile an lukrativen Unternehmenssparten von AIG. Im Gesamtjahr habe sich das Minus sogar auf 99,3 Milliarden Dollar belaufen.

  • Juli 2009:

    Der Spiegel bezeichnet AIG als „Die gefährlichste Firma der Welt“ und veröffentlichte eine Titelgeschichte darüber, „Wie der amerikanische Versicherungskonzern AIG die Banken ins Risiko und die Finanzwelt fast in den Kollaps trieb“. 

  • März 2011:

    Die amerikanischen Steuerzahler mussten mit 182 Milliarden Dollar einspringen - die teuerste Rettungsaktion in der Finanzkrise. Im November hatte das Finanzministerium das ausstehende Investment des Staates auf 120,6 Milliarden Dollar beziffert. Neben dem Ministerium hatte auch die US-Notenbank dem Versicherungskonzern unter die Arme gegriffen.

Das Board mit Vorstandschef Robert Benmosche wolle sich am Mittwoch eine Meinung darüber bilden, ob sich AIG einer 25 Milliarden Dollar schweren Schadenersatz-Klage anschließen wird – und zwar gegen den Retter von einst, die US-Regierung. Denn bei der hektisch getroffenen Entscheidung im September 2008, den wankenden Riesen per Übernahme zu retten, könnten die Anteilseigner benachteiligt worden sein.

Der Verwaltungsrat habe keine Wahl, als über eine Klage zu diskutieren, teilte AIG am Dienstag nach US-Börsenschluss mit und bestätigte damit einen entsprechenden Bericht der „New York Times“. Schließlich sei das Gremium seinen Aktionären verpflichtet.

In die heikle Situation gebracht wird der Konzern von einem Wiedergänger aus der Vergangenheit: dem Großaktionär und langjährigen Chef von AIG, Maurice „Hank“ Greenberg. Der 87-Jährige, der bei der Rettungsaktion Milliarden verloren haben will, führt mit seiner Firma Starr und anderen Aktionären seit 2011 einen juristischen Feldzug gegen die Regierung. Dabei setzt er auch seinem alten Arbeitgeber die Pistole auf die Brust: Sollte sich der AIG-Verwaltungsrat seiner Klage nicht anschließen, will er das Gremium wegen Pflichtverletzung drankriegen.

Wieder Gewinn Die Rückkehr des Milliardenschluckers AIG

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Greenbergs Begründung für die Klage: Der Staat habe die Anteilseigner bei der Hilfsaktion über den Tisch gezogen. Laut fünftem Verfassungszusatz dürfe die Regierung niemanden „ohne gerechte Entschädigung“ enteignen – was nicht geschehen sei. Zwar sei die Rettung notwendig gewesen, so Greenbergs Argument, doch habe der Staat dabei überzogen und habe zu hohe Zinsen verlangt. In Wahrheit sei die Aktion nur dazu da gewesen, anderen Finanzhäusern zu helfen.

Pikanterweise hatte der Ex-Chef, der den Versicherer einst zum Weltkonzern geformt und 2005 nach mutmaßlichen Bilanztricksereien aus dem eigenen Unternehmen geworfen wurde, die Grundlage für den späteren Fast-Zusammenbruch selbst geschaffen: Greenberg machte das Geschäft mit verhängnisvollen Kreditversicherungen (Credit Default Swaps) groß.

  • 11.01.2013, 16:47 UhrIlloinen

    Mal ganz im Ernst, läuft das bei uns in Deutschland anders? Siehe das Verhalten von Nonnenmacher und Co. Etwas kleiner zwar, aber immer noch so dreist, von der eigenen Unfehlbarkeit beherrscht zu sein, um zu klagen. Hätte der Staat diese Banken nicht gerettet, wäre keiner dieser Herren auf die Idee gekommen, zu klagen. Denn die Finanzinstitute wären „Pleite“ für die sie einmal verantwortlich gewesen waren, wären abgewickelt worden. Dass die Anteilseigner an der AIG eine Klage gegen die Regierung anstrebte belegt nur deren ungehemmte Raffgier. Wäre die AIG Pleite gegangen so wären ihre Anteile futsch gewesen, jetzt nachdem der Staat den größten Versicherungskonzern mit 182 Dollar gerettet hatte, beklagen sie sich darüber, dass ihre Gewinne ein wenig geschmälert wurden weil sich der Staat für seine Rettung hat Zinsen zahlen lassen.

  • 09.01.2013, 21:03 Uhrkamigo

    Wo ist eigentlich der Allianz-Artikel hin?

  • 09.01.2013, 15:02 Uhripa

    bei solchen unverschämten Firmenlenker ist es immer wieder intressant etwas über die Person zu lesen.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Maurice_R._Greenberg
    http://en.wikipedia.org/wiki/Bob_Benmosche

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