
DüsseldorfDie großen und international tätigen Versicherer können aufatmen. Im Gegensatz zu den Banken wird ihr Kerngeschäft nicht mehr öffentlich als Gefahr für das Finanzsystem gebrandmarkt. Die Aufseherorganisation IAIS gehe davon aus, dass das klassische Versicherungsgeschäft kein Systemrisiko darstelle, bestätigte die deutsche Finanzaufsicht Bafin auf Anfrage des Handelsblatts.
Der Grund: Größe und die Spannbreite der weltweiten Versicherungsaktivitäten liefern für die Aufseher keine entscheidenden Hinweise auf ein mögliches Systemrisiko. Dies habe die 1994 gegründete internationale Vereinigung der Versicherungsaufsichtsbehörden IAIS festgestellt, jubelt die Versichererorganisation Geneva Association.
Die IAIS repräsentiert rund 190 Versicherungsaufsichtsbehörden aus mehr als 140 Ländern und ca. 120 Organisationen mit Beobachterstatus. Dies entspricht etwa 97 Prozent des internationalen Versicherungsmarktes bezogen auf das Prämienvolumen.
Die Allianz verfügt in Deutschland über die bekannteste Marke im Versicherungssektor. 2010 hat die Gruppe weltweit 5,2 Milliarden Euro verdient und Einnahmen von mehr als 100 Milliarden Euro erzielt. Neben dem Versicherungsgeschäft ist das Management großer Vermögen das zweite Standbein des Konzerns geworden. Mit Pimco besitzt die Allianz den am stärksten beachteten Anleihenmanager.
Der größte französische Versicherer konkurriert mit der Allianz um die Marktführerschaft in Europa. Im Jahr 2010 beliefen sich die Einnahmen auf 91 Milliarden Euro. Der Gewinn sank um ein Viertel auf 2,75 Milliarden Euro, weil Sanierungsarbeiten nach der Finanzkrise das Ergebnis belasteten.
Der Marktführer in Italien ist traditionell stark im Geschäft mit Altersvorsorgeprodukten. 2010 flossen rund 73 Milliarden Euro in die Kassen, 1,7 Milliarden Euro verblieben als Gewinn.
Die britische Gruppe konzentriert sich in Europa neben dem Heimatmarkt auf weitere sieben Märkte: Frankreich, Spanien, Italien, Polen, Irland, die Türkei und Russland. Die Einnahmen beliefen sich 2010 auf mehr als 50 Milliarden Euro. Rund zwei Milliarden Euro verdiente der Konzern.
Längst ist der Versicherer über die Schweiz hinaus gewachsen. International ist die in Dollar bilanzierende Gruppe ein direkter Konkurrent von Allianz und Axa. 2010 flossen umgerechnet 49 Milliarden Euro in das Unternehmen, über zwei Milliarden Euro betrug der Gewinn unter dem Strich.
Der weltgrößte Rückversicherer hat zwei Standbeine: Das Geschäft mit anderen Versicherern sowie das Privatkundengeschäft, das vor allem über die Tochter Ergo läuft. Mehr als 45 Milliarden Euro an Prämien flossen 2010 in die Kasse, dabei verblieb ein Gewinn von rund 2,4 Milliarden Euro.
Der Versicherer ist in Frankreich führend im Verkauf von Lebensversicherungen. 33 Milliarden Euro an Prämien fließen im Jahr hinein, eine Milliarde Euro Gewinn zieht der Konzern daraus.
Die französische Bank ist auch im Versicherungsgeschäft stark. Die Einnahmen der Sparte belaufe sich im Jahr auf rund 29 Milliarden Euro.
Die Versicherungssparte des Finanzkonzerns soll abgespalten und an der Börse verkauft werden. Im vergangenen Jahr trug der Bereich rund 28 Milliarden zu den Einnahmen bei. Wegen Altlasten im Zusammenhang mit der Finanzkrise ist der Bereich nicht sehr profitabel.
Der britische Konzern ist vor allem in Asien stark präsent. 2010 beliefen sich die Prämieneinnahmen auf umgerechnet 27 Milliarden Euro. Mehr als 1,6 Milliarden Euro Gewinn wies die Gruppe aus.
Die Aufseher wollten eigentlich eine Liste mit systemrelevanten Finanzinstituten aufstellen, in die auch Versicherer aufgenommen werden sollten. In Deutschland hätte dies womöglich, nach früheren Informationen des Handelsblatts, die beiden Branchengrößen Allianz und Munich Re betroffen.
Die Versicherer hatten sich dagegen – national wie international - heftig gewehrt. "Die Kernaktivitäten der Versicherer verursachen kein Systemrisiko", lautete das Standardargument. Die Versichererorganisation Geneva Association stellte dies gelegentlich auch sehr öffentlichkeitswirksam fest, etwa vor einem Jahr in einem Offenen Brief an die Finanzminister und Notenbankchefs der zwanzig führenden Staaten (G 20).
Die Lobby-Tätigkeit wirkte: Die Vernetzung zwischen der Versicherungsbranche und den Banken sei „relativ begrenzt“, stellt die Geneva Association nun weiter mit Bezug auf die IAIS fest. In der Geneva Association sind die Vorstandschefs der weltweit wichtigsten Versicherer organisiert.
Zahl der Unternehmen: 5078 (in 2008)
Beschäftigte: 956 000 (in 2009)
Bruttoprämien: 1104 Milliarden Euro
Daten aus 2010
Zahl der Unternehmen: 582
Beschäftigte: 216 400
Bruttoprämien: 179 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 441
Beschäftigte: 147 400
Bruttoprämien: 207 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 242
Beschäftigte: 47 185
Bruttoprämien: 126 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 1314
Beschäftigte: 117 000 (in 2009)
Bruttoprämien: 207 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 268
Beschäftigte: 57 000
Bruttoprämien: 78 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 145
Beschäftigte: 23 727
Bruttoprämien: 29 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 151
Beschäftigte: 45 659
Bruttoprämien: 40 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 292
Beschäftigte: 47 779 (in 2009)
Bruttoprämien: 57 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 184
Beschäftigte: 16 773
Bruttoprämien: 21 Milliarden Euro
Zahl der Unternehmen: 386
Beschäftigte: 20 414
Bruttoprämien: 28 Milliarden Euro
Wenn König im Versicherungsgeschäft im Gegensatz zu den Banken keine Systemrisiken sieht, so mag das auch der Transparenz im Bankgeschäft geschuldet sein.
So erhält jeder Kunde nach jeder Aus- oder Einzahlung einen entsprechenden Nachweis in Form eines Kontoauszugs, in dem diese Aktivität klar und deutlich vermerkt ist. Daran mangelt es im Versicherungsgeschäft.
Bis es im Versicherungsgeschäft zu einer Auszahlung oder Rückzahlung kommt bzw. darüber abgerechnet wird, vergeht nicht selten ein ganzes Arbeitsleben. "Dazwischen ist schon einiges möglich, positives wie negatives." Letztlich hat der Kunde keine Möglichkeit die Richtigkeit des Zahlenwerks zu verstehen, geschweige denn zu überprüfen. Vor diesem Hintergrund erscheint es überhaupt nicht problematisch, ein bestehendes Systemrisiko auch zu übersehen.
Wenn König also von einem Systemrisiko in einer Gegenüberstellung von Banken und Versicherung spricht, dann mag das durchaus wegen der fehlenden Transparenz nicht vergleichbar sein.
Der Rückschluss wäre ja, dass die Banken demnächst auch keine Kontoauszüge dem Kunden zur Kontrolle mehr anhand geben.
Zugegeben, ein interessanter Ansatz.
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